„Dann müssen wir eben schneller laufen.“

„Dann müssen wir eben schneller laufen“, sagst du und nimmst einen letzten Schluck aus der Weinflasche, der dritten, bevor du aufstehst. Du schulterst deinen Rucksack, leicht schwankend und baust dich vor mir auf, die Hände in die Seiten gestützt. „Worauf wartest du?“ Herausfordernd stehst du da vor mir, so groß und … da. Wir sind eigentlich viel zu betrunken zum Weitergehen, meine Wanderschuhe drücken, wir müssten unsere Unterhosen irgendwo waschen, aber wie du da so vor mir stehst weiß ich, dass das jetzt entscheidend sein könnte, dieser Moment, in dieser sternenklaren Nacht. Ich sammele ächzend meine Gliedmaßen zusammen, falle kurz wieder in den Sand, im Versuch mich hinzustellen, und schultere ebenfalls meinen Trekkingrucksack. „Scheiße, sind fünfzehn Kilo schwer, wenn man betrunken ist!“ Ich betrachte dich verstohlen von der Seite. Blass siehst du aus, immer noch. Eigentlich hätte Elin hier sein sollen, eigentlich hätte Elin mit dir im Sand sitzen und Wein trinken und unter dem Gewicht des Rucksacks fast zusammenbrechen sollen. Ich merke es, wenn dein Blick abwesend wird, du mir nicht mehr richtig zuhörst. Und ich merke es, weil mir jeder verdammte Knochen weh tut, jeder Muskel kreischt, alle Gelenke aufmucken. Elin hat monatelang für diese Reise trainiert, während ich auf der Couch lag und Erdnüsse futterte und mich darauf vorbereitete, den Spätersommer im Selbstmitleid zu versinken. Hätte Elin nicht vor drei Wochen mit dir Schluss gemacht, hättest du an diesem Donnerstagabend niemals vor meiner Tür gestanden und mit irrem Blick gefragt, ob ich Wanderschuhe habe. Hatte ich nicht und trotzdem bin ich jetzt hier.

‚Dann müssen wir eben schneller laufen‘ war es, was du erwidertest, als ich sagte, durch blinden Aktionismus, durch körperliches Auslaugen, würdest du Elin nicht schneller vergessen können. Aber vielleicht, ganz vielleicht, vergesse ich ja auch, wenn wir nur schneller laufen, was ich für dich empfinde.
Vielleicht.
Bestimmt.
Ich setze vorsichtig einen Fuß vor den anderen und das ist vielleicht das Wichtigste.

(Bild via shoothead.)

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