Fazit Projekt 2011.

In day lights, in sunsets,
in midnights, in cups of coffee?
In inches, in miles,in laughter, in strife?
In 525.600 minutes?
How do you measure a year in the life?

Das Mädchen, das mir aus dem Spiegel entgegenlächelt, hat acht Kilo abgenommen und längere Haare. Rotbraune Haare. Es lächelt und wirkt ein wenig erschöpft, ein wenig auf dem Sprung, aber: Glücklich. Sehr. Das Mädchen, das mir aus dem Spiegel entgegenlächelt, das bin ich. Das Mädchen, das mir entgegenlächelt, ist in vielerlei Hinsicht kein Mädchen mehr, war es vielleicht nie. Was 2011 aus mir gemacht hat, das kann man aber nur erklären, wenn man über das Sichtbare hinausgeht.

2011 hat mich ein bisschen mehr Ich werden lassen. Ich habe meinen Weg gefunden, meinen ganz eigenen, und nicht den, auf den mich Menschen drängen wollten, ihren eigenen Weg, den des geringsten Widerstandes, den in eine Sackgasse oder schier den, von dem sie überzeugt waren, er würde schon zu mir passen. Dass ich heute als der Mensch hier sitze, der ich bin, basiert wenn man so viel auf einer Vielzahl von Zufällen. Hätten mich die Ereignisse in Fukushima, so klischeehaft das auch klingt, nicht endgültig davon überzeugt, dass es unabdingbar ist, für eine bessere, grünere Welt zu streiten, wäre ich niemals der Grünen Jugend beigetreten. Wäre ich nicht der grünen Jugend beigetreten, wäre ich niemals Veganerin geworden und wäre nicht zu grünen Veranstaltungen und Demonstrationen gefahren. Hätte ich das nicht getan, dann hätte ich so viele wunderbare Menschen nicht kennen gelernt, denen ich Asyl auf meiner Couch gewähre, mit denen ich die Küche verwüste und mit denen ich ganze Nächte durchtelefoniere. Vermutlich hat mit 2011 mal wieder an den Punkt gebracht, an dem ich mich mit mir selbst streiten muss, ob ich an Schicksal glauben will oder nicht. Wenn ihr erlaubt, dann lasse ich diese Frage einfach noch eine Weile offen.

Als ich eben meine „Projekt 2011“-Liste betrachtet habe, bin ich zu einer überraschenden Erkenntnis gekommen: An der Hälfte der Dinge bin ich gescheitert. Noch überraschender aber: Das ist absolut kein Weltuntergang. Ich habe keinen Schal gestrickt, bin nicht regelmäßig zum Sport gegangen und (m)ein Buch habe ich auch nicht geschrieben. Dafür habe ich viele andere Dinge getan, einige davon standen sogar auf der Liste – und ich habe sie intensiver erlebt, als ich zu Beginn des Jahres für möglich gehalten hätte. Besonders der Punkt „Jeden Monat etwas Neues ausprobieren“ hat mein Jahr bestimmt. Ich habe mich Monat für Monat in so viele erste Male gestürzt, dass ich schon völlig den Überblick verloren habe, welche Erfahrung wann auf mich eingeprasselt ist. Ich habe mich zum ersten Mal mit Menschen aus „diesem Internet“ getroffen, ich war demonstrieren, ich habe Yoga ausprobiert, Blut gespendet, mich für die Deutsche Knochenmarkspender Datei typisieren lassen, meine Ernährung mehrfach umgestellt, acht Kilo abgenommen, ich bin mit dem Auto quer durch NRW gefahren, habe Urlaube geplant und Freundschaften geschlossen, so viele, die ich mir heute kaum mehr aus meinem Leben wegdenken kann. Menschen, die anrufen, wenn es mir nicht so gut geht oder wenn sie mir erzählen wollen, dass auf irgendeinem Fernsehsender eine Doku läuft, die mich brennend interessieren könnte. Die ihr Leben mit mir teilen, die mich zu sich nach Hause einladen, mit mir Serien schauen oder kochen, die mich zum Lachen bringen und in den schwierigeren Momenten ein Taschentuch und eine Schulter, ein offenes Ohr und immer die richtigen Worte parat halten. Ich habe auf ein politisches Amt kandidiert, vor mehr als 100 Leuten an einem Mikro gesprochen und bin gewählt worden. Ich werde in den ersten beiden Monaten des kommenden Jahres in Italien, Polen und Belgien sein – und das ist so abgefahren wie surreal. Ich werde in Italien meinen Geburtstag, Silvester und die ersten beiden Tages des Jahres verbringen, in Polen das Konzentrationslager Auschwitz besuchen und in Belgien drei Tage im Europaparlament verbringen, weil meine Bewerbung für das Frauenförderprogramm von Bündnis90/Die Grünen angenommen wurde. Das Jahr hat noch nicht einmal begonnen und in meinem Kalender stehen bereits so viele Dinge, auf die ich mich freuen kann und die es sich herbeizusehnen lohnt.

Hätte mir vor einem Jahr jemand erzählt, was für ein grandioses, aufregendes und temporeiches Jahr vor mir liegen würde, hätte ich vermutlich milde lächelnd abgewunken. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass mich dieses Jungsein irgendwann einholen und Geiselnehmen würde. Ich hätte nicht gedacht, dass ich erst 18 werden müsste, um all das zu erleben, wovon rastlose junge Autoren der Gegenwartsliteratur schreiben. Ich hatte gedacht, das alles, diese ganze Achterbahnfahrt, die das Leben bereithalten kann, wenn wir uns nur trauen, ohne Netz und doppelten Boden in Blümchenkleid und mit Chucks durch die Weltgeschichte zu straucheln, für mich einfach nicht serienmäßig mitgeliefert worden sei. So kann man sich also täuschen. Nächstes Jahr setze ich noch einen drauf: Ich löse den Anschnallgurt und strecke die Arme zum Himmel.

2012 werde ich Abitur machen, durch die Weltgeschichte reisen, neue Freundschaften schließen und alte vertiefen, aus- und umziehen, mein Studium aufnehmen und mir hoffentlich viele meiner 101 Wünsche erfüllen. (Ich sammele immer noch viele, viele Dinge, die ich in den nächsten 1001 Tagen erleben und erledigen möchte. Wenn sich jemand diesem neuen Projekt anschließen möchte: Nur zu!) Ich möchte ein Jahr erleben, das es eines Tages wert sein wird, erinnert zu werden. Ich möchte Schuhe auf Festivals kaputttanzen, Momente mit meiner Kamera einfangen, Dekokram bei Ikea kaufen und von A nach B rücken wie Tine Wittler, mir in einer winzigen WG-Küche Nächte um die Ohren schlagen, in meinem Studium aufgehen, viele Erfahrungen sammeln, aktiv und engagiert sein. Ich möchte alles – und vielleicht noch ein bisschen mehr.

(Bilder via marrren.)

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6 Comments

  1. Also das mit dem Buch solltest du vielleicht in Angriff nehmen. Bei Airen hat es ja auch geklappt und ich würde durchaus ein gedrucktes Werk von dir lesen. Andererseits: 2012 scheint bei dir ein voll ausgebuchtes Jahr zu werden. 😉

  2. „Vermutlich hat mit 2011 mal wieder an den Punkt gebracht, an dem ich mich mit mir selbst streiten muss, ob ich an Schicksal glauben will oder nicht. Wenn ihr erlaubt, dann lasse ich diese Frage einfach noch eine Weile offen.“ Das, liebe Mirka, ist ein sehr, sehr schöner Satz. (Okay, eigentlich sind es zwei, aber ist mir jetzt auch egal.)

  3. Ich wollte dir nur sagen, dass ich deinen Blog sehr schön finde! Ich bin schon seit mehreren Tagen dabei, mir alles durchzulesen und mir wird und wird einfach nicht langweilig dabei.
    Außerdem hast du mich motiviert, einfach selbst mal probieren, zu bloggen. Vielleicht möchtest du in einer freien Minute mal vorbeischauen 😉 imwaldsindkeineraeuber.wordpress.com

  4. Hey Mirka,
    bin nur durch Zufall auf dieses wunderbare Schmuckstück einen tollen Blog gestoßen! Ich finde deine Texte originell, inspirierent und pfiffig. Es ist toll was dabei heraus kommt, wenn jemand wie du es versteht mit Sprache umzugehen!
    Ähnliches erhoffe ich mir von meinem kleinen Blogprojekt!
    Es würde mich sehr freuen dich auch einmal auf :
    http://fraeuleinchaos.blogspot.com/
    begrüßen zu dürfen und du mir vielleicht auch ein Feedback hinterlässt.
    Wir Bücherwürmer müssen doch zusammen halten!
    Ganz liebe Grüße

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