Tischbeine entstauben.

Ich weiß sogar schon, in welcher Schublade bei euch das Besteck liegt und an welchen Orten dein Vater seine Schlüssel verlegt. Ich kenne souverän die Namen entfernterer Verwandte und manchmal sogar die ihrer Haustiere. Donnerstags wird bei euch immer geputzt und der rosafarbene Lappen gehört mir, weil niemand von euch daran denkt, die Tischbeine zu entstauben. Manchmal glaube ich, deine Schwester mag mich nicht, gemessen an dem Blick, mit dem sie mich bedenkt, wenn sie glaubt, ich würde nicht bemerken, dass sie mich ansieht. So, als wäre ich deiner nicht würdig. Ich dachte immer, für sowas gäbe es Schwiegermütter, doch deine Mutter ist grandios. Sie gehört zu den wenigen Menschen, in deren Umarmungen ich mich nicht unwohl fühle und sieht mir meine sozialunverträglichen Momente nach. Dein Vater spricht nicht viel, aber ich habe gelernt seine Mimik zu lesen und wenn er doch mal spricht, dann mit einem sehr subtilen Humor. Den Humor hast du von ihm, das Laute und Offene von deiner Mutter. Du bist die perfekte Mischung und deine Schwester, die wirkt neben dir wie adoptiert. Ich verbringe nicht nur gerne Zeit mit dir, sondern auch mit deiner Familie – Filmeabende, gemeinsames Kochen, Spieleabende, sonntägliche Wanderungen in irgendwelchen Gebirgen. Ihr macht all diese Dinge, die ich mir als Kind unter dem Begriff „Familienidylle“ ausgemalt haben. Wenn wir daheim versucht haben, diese Idylle nachzustellen, dann war es nicht mehr als das: Ein Schaubild, eine Fassade, eine Kulisse, in der man uns ausgesetzt hatte, ohne uns Regieanweisungen mitzuliefern. Wir standen in unserer Spieleabendkulisse und niemand wusste, was man in einer Spieleabendkulisse tat und sagte. Bei euch war alles natürlich und unbeschwert, ihr liebtet euch auch für oder vielleicht sogar gerade wegen eurer Fehler. Bei uns war alles Impro und nie Comedy und ob wir uns wirklich geliebt haben, das ist eine ganz andere Geschichte.

Wie ist das möglich, dass deine Familie mir innerhalb von acht Wochen mehr zu einer Familie geworden ist, als es mir meine eigene seit langer Zeit war? Und was ist, wenn irgendwann der Tag kommt, an dem ich weder deine Familie noch dich mehr mein eigen nennen kann?

(Bild via marrren.)

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