Wie lange dauert eigentlich so eine Pause?

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Seitdem du weg bist, ist dein Name überall. Buchcharaktere heißen wie du, Telekommitarbeiter und Postboten, einmal sogar ein Landtagsabgeordneter, der im Fernsehen von einem Journalisten, der zum Glück nicht wie du hieß, interviewt wurde. Ich glaube, es ging um Agrarsubventionen und als wäre das nicht schon schlimm genug, trug der Politiker, der deinen Namen gestohlen hatte, einen Schnurrbart und eine Fliege. Am Bahnhof glaube ich manchmal plötzlich deine Stimme zu hören und jeder dunkelhaarige Mann mit schwarzer Jacke lässt mich erstmal die Luft anhalten, bis ich eindeutig vor Augen geführt bekomme, dass du es nicht bist. Schon wieder. Ein paar deiner Sachen liegen noch in meiner Wohnung, als wärst du gestern noch da gewesen: Die ‚Herr der Ringe‘-DVD, die du mich zu sehen genötigst hast und nach der ich mich dir nicht zu sagen traute, dass ich das ganze irgendwie nicht so recht in mein Herz schließen konnte. Dein Kapuzenpullover mit dem komischen Zeichentrickpinguin drauf, den ich in den Tagen nach dem Eklat heulend getragen habe, um dich auszutricksen und dir trotz allem nahe zu sein. Dein Straßenatlas, ein Beleg deines Technikboykotts – warum sollte man ein Navi kaufen, wenn man einen raschelnden Straßenatlas im Schoß liegen haben kann, mit dem man aufregende Umwege fährt? Dass er noch hier herumliegt, mit einem Eselsohr oben an der Italienseite, zeigt, dass du immerhin noch nicht das Land verlassen hast, um die größtmögliche Distanz zwischen uns herzustellen – außer, du hast eine neue Karte. Eine, die nicht meine Kaffeeflecken trägt und die nie in meinem Schoß lag. Irgendwo habe ich gestern sogar eine Packung deiner Lieblingsschokolade gesehen, dass du die bisher noch nicht vermisst und abgeholt hast, zeigt mir, wie ernst dir das hier alles ist. Wenn du nicht einmal für Schokolade fünf Minuten meine Anwesenheit erträgst, dann steht es vielleicht noch schlimmer um uns, als ich dachte.
Sag, wie lange dauert eigentlich so eine Pause? Und warum will einer sie immer mehr als der andere?
(Bild via keepitsurreal.)
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1 Comment

  1. Deine Vorstellungskraft für die „Textwerkstatt“ beeindruckt mich immer wieder.
    Zu der Frage am Schluss:
    Ich denke solche „Pausen“ sind oft nur ein Moment um Mut zum Schluß machen zu sammeln, für den/die der/die sie mehr will.

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