Eine Postkarte aus Peru.

Du wollest keine Kinder, das hast du mir irgendwann mal, in einer weinschwangeren Nacht, anvertraut, da kannten wir uns gerade mal drei Wochen und wäre ich nicht betrunken gewesen, dann hätte ich diese Äußerung vermutlich als unangebracht empfunden. Du wollest keine Kinder, weil das mit der Welt nicht besser würde und man für Kinder Hoffnung brauche. Und ob ich noch eine Flasche Wein habe, das fragtest du auch.

Ich weiß noch, dass ich gedacht habe: Wow, da haben die Eltern aber einiges versemmelt. Vielleicht, weil ich nicht mit dem Gedanken aufgewachsen war, mir könne einiges Tages eine Frau gegenübersitzen, die sagen würde, und das auch noch so deutlich wie du: Nein, danke, für mich keine Kinder. In meiner Familie bekamen die Frauen viele Kinder, die wiederum viele Kinder bekamen. Ich kann mich an niemanden erinnern, der weniger als drei Kinder bekam. Familienfeste waren laut und chaotisch und manchmal erkannte man seine eigenen Cousinen nicht, junge Frauen, denen man auf der Straße wohlmöglich hinterhergeschaut hätte. Deine Familie war klein und kaputt, zerstritten und in den Grundfesten erschüttert. Vielleicht war das der Grund und nicht der Zustand der Welt – der Zustand deiner Welt. Aber vielleicht war es an mir, einen Denkfehler anzuerkennen: Den, dass Frauen nicht leben konnten, ohne den Namen für ihre ersten Kinder zurecht zu legen. Hätte ich dich nach sowas gefragt, hättest du nur gelacht und gesagt: ‚Mein Auto heißt Horst.‘ Du warst nicht der Typ Frau, der Schnürsenkel zuband und Butterbrote schmiertest, der Trostpflaster parat hielt und in fremde Kinderwagen schielte. Du konntest ja manchmal kaum auf dich selbst Acht geben.

„Für Kinder braucht man Hoffnung“, das hallte mehrfach in meinem Kopf wider, auch noch, als die zweite Flasche Wein unlängst geleert und du auf meinem Teppich eingeschlafen warst. Was ich dir an diesem Abend nicht gesagt habe: Dass ich irgendwann ein Kind haben würde, weil Kinder Hoffnung gaben. Ich habe dich an diesem Abend mit dem Wissen zugedeckt, dass das mit uns sehr wahrscheinlich nicht funktionieren würde; vier Jahre später sollte ich dir ein Foto meiner Tochter schicken und du mir eine Postkarte aus Peru.

(Bild via shoothead.)

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4 Kommentare

  1. Du bist immer noch da und wirst immer besser. Dieser Text ist so großartig. Danke dafür, Liebes! Mach bloß immer weiter so. ❤ Du gibst mir damit unglaublich viel seit so langer Zeit und es ist schön, dass du weiterschreibst. Immer weiter.

  2. Hmmm… um ehrlich zu sein… egal wie sehr ein eigenes Kind Hoffnung gibt und egal wie sehr ein eigenes Kind glücklich machen kann und egal wie sehr ich mir ein eigenes Kind wünsche… ich bin trotzdem nicht ganz dafür ein Kind auf die Welt zu bringen. Mal schauen, was noch so kommt.

  3. Hallo Mirka,

    ein toller Text, der nachdenklich stimmt. In dem man Übereinstimmungen mit sich selbst sucht und vllt auch findet. Man kann diese Stimmung des mit Wein getränkten Abends richt fühlen.

    Weiter so, bitte! 🙂

    Liebe Grüße,
    Tintenklekks

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