Irgendwo bellte ein Hund.

Sie hatte nur einen winzigen Moment nicht hingesehen. Zweimal blinzeln, vielleicht. Sie hatte weggesehen, aus dem Fenster, weil sie glaubte, jemanden gesehen zu haben, den sie kannte. Jemanden, der aussah wie er, aber nicht er sein konnte. Sie hatte weg- und dann wieder hingesehen und dann war es auch eigentlich schon zu spät für alles gewesen.

Der Knall und das bunte Kleid und ein Ball. Irgendwo bellte ein Hund. Warum nur bellte irgendwo ein Hund? Das war so sehr Fiktion, dass sie wünschte, der Rest wäre es auch gewesen. Eine schlechte Buchpassage, eine Filmszene. Cut. Nicht ihr Leben, nur Unterhaltung. Womöglich Trivialliteratur. Aber: Das war ihr Leben. Der Hund und der Ball und das kleine Mädchen in dem bunten Kleid, das war echt, das war wirklich, das war ihr gerade widerfahren.

Wie gelähmt saß sie am Steuer, sie konnte sich nicht rühren, in ihr setze etwas aus, ihre Atmung geriet aus dem Takt und ihre Gedanken überschlugen sich, ein Wirrwarr aus Bildern und Gefühlen, alles auf dem Kopf, nichts hatte sie in ihrem Leben auf so einen Moment vorbereitet. Irgendwo, da wusste sie, was theoretisch zu tun war. Aber sie konnte sich nicht bewegen, kein Muskel ihres Körpers gehorchte ihr mehr, sie war nur noch ein Konstrukt aus miteinander verbundenen Gliedmaßen, das unter ihr zusammengebrochen war.

Sie wusste nicht, wie viele Minuten es gewesen waren, vielleicht auch nur Sekunden?, da wurde ihre Tür aufgerissen und eine Frauenstimme fragte: „Oh mein Gott, ist alles in Ordnung mit Ihnen? Sehen Sie mich an! Der Krankenwagen ist gleich da.“ Sie blickte stur geradeaus, konnte den Blick nicht von dem Mädchen abwenden, neben dem jetzt ein Mann kniete, der augenscheinlich den Versuch unternahm, sie wiederzubeleben. Sie fühlte nichts, konnte nicht antworten, nur sitzen und starren und in allen Sinneseinflüssen ertrinken.

Ihr fehlte nichts, sie war ganz, jedenfalls äußerlich, das bestätigte ihr eine junge Frau in einer dieser reflektierenden Medizinerjacken. Gehen durfte sie trotzdem nicht. Weil das Mädchen noch an der Unfallstelle verstarb, weil die Polizei Fragen hatte und weil sie erst mit jemandem sprechen sollte. Mit einem Psychologen oder Psychiater, den Unterschied hatte sie noch nie so recht verstanden. Obwohl: Letzterer konnte ihr bestimmt etwas verschreiben. Das wollte sie, sie wollt einfach nur noch vergessen. Sie wollte an einen Ort, an dem nichts war außer Stille.

***

Die bunte Bettwäsche in ihrer Wohnung, deren sanften Rosenwaschmittelduft sie normalerweise tief einsog, sobald sie ihren Kopf auf das Kissen bettete, strahlte zynisch gegen ihre innere Leere an. Alle Farben sorgten dafür, dass sie sich vorkam wie in einer bunten, schlecht ausgeleuchteten Doku-Soap-Kulisse. Würde in dieser Szene ihr Name eingeblendet, dann stünde da „Sarah Kerner (29), Mörderin“. Würde da jemals wieder etwas anderes stehen oder war das jetzt ihre Nische? War sie jetzt die, die ein kleines Mädchen totgefahren hatte und daran zugrunde gehen würde? Sie konnte sich nicht vorstellen, die Bilder jemals aus ihrem Kopf zu bekommen. Das bunte Kleid nicht, das braune Haar das Mädchens nicht, ausgebreitet wie ein Fächer um ihr Gesicht, ihr schönes Gesicht, in einer Blutlache. Wie sollte sie jemals selbst Kinder bekommen können, wenn sie jemand anderem das Kind geraubt hatte? Wie sollte sie sich selbst überhaupt noch ins Gesicht schauen können? Wie hatte sich das Schicksal das alles eigentlich vorgestellt? Was für eine verdammte Prüfung sollte das sein?

Wen rief man in solchen Situationen an? Wem konnte man heulend in den Armen liegen, wenn man etwas getan hatte, für das man jeden anderen Menschen selbst verurteilt hätte? Sie wollte sich in dieser Situation niemandem zumuten, sie wollte niemandens Trost, das hatte sie nicht verdient, nicht nach dem, was gestern Nachmittag passiert war.

Irgendwo, unweit ihrer Wohnung, mussten Eltern verarbeiten, dass ihre Tochter totgefahren worden war, sie mussten in einem Prospekt einen dieser winzigen Särge aussuchen, eine Traueranzeige schreiben, sie mussten Verwandte einladen und stark sein, in einer Situation, in der niemand stark sein konnte. Durch eine kurze Unachtsamkeit hatte sie eine Familie für immer geprägt, auseinander gerissen, ruiniert. Wegen ihr würde auf dem Friedhof ein weiteres Kindergrab ausgehoben werden müssen, eines, in dem die sterblichen Überreste eines Mädchens verrotten würden, das ohne ihr Zutun eine Biographie hätte haben können. Sie hatte eine Kindheit beendet und dafür gesorgt, dass ein kleines Bett für immer kalt blieb. Sie traute sich nicht die Zeitung aufzuschlagen, sie wollte keine Satzfetzen wie „Sie war doch erst 6“ oder „die Unfallfahrerin stand unter Schock“ oder „die Identität des Mädchens hatte erst geklärt werden müssen“ entdecken. Wenn sie es schwarz auf weiß sähe, dann war es wahr.

Sie hatte sich an das Tempolimit gehalten und eine Zeugin, die, die ihre Autotür geöffnet und sich um sie gesorgt hatte, hatte bestätigt, dass das Mädchen einfach dem Ball hinterher auf die Straße gelaufen war. Ob sie, wenn sie schneller gebremst hätte, etwas hätte verhindern können, das würde nun ein Unfallsachverständiger klären. Aber: Was hatte sie schon von diesen Hättes? Das Mädchen war tot und sie war gefahren und alles war klar.

(Bild via Riley Alexandra.)

Advertisements

5 Comments

  1. Da hakt’s sprachlich noch ganz schön. Beispiel: Mädchen (und auch andere Menschen) „versterben“ nicht, sie sterben – und wenn’s geht, nicht an „Unfallstellen“. Außer in Polizeiberichten kommen diese Begriffe niemals in der deutschen Sprache vor – und das ist doch keiner, oder? Nach Punkt und Komma folgt übrigens ein Leerzeichen; auch die Einhaltung dieser Regeln gehört zum Schreiben.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s