Zwischen Damenbinden und Weichspüler.

Es war ein Mittwoch, an dem du mich fragtest, ob ich deine Frau werden wolle.
Der Tag hatte fürchterlich begonnen. Ich hatte verschlafen und da du dich immer darauf verließest, von meinem Weckerklingeln wach zu werden, war niemand wach geworden. Das dritte Mal in einem Jahr und es war gerade einmal März.
Wir hatten uns beeilen müssen, wie sich Menschen beeilen, die Pflichten zu erfüllen haben. Du hast gesagt, du wollest das alles nicht mehr, diesen Alltag und den Trott und die Verpflichtungen und ich habe erwidert, dass das nur bis zur nächsten Stromrechnung im Briefkasten funktionieren würde. Dass wir uns Nichtwollen nicht leisten könnten. Daraufhin hast du die Augen verdreht und mir vermutlich die Pest an den Hals gewünscht, weil Verschlafen dich übellaunig machte und der Kaffee noch aufbrühte und es erst Mittwoch war. Es war in unserem Leben irgendwie immer erst Mittwoch.

Wir haben uns also beeilt, du mit drei Kaffee zu wenig Koffein im Blut zu deinem unterbezahlten Praktikumsplatz, ich an die Uni, an der Haustür ein flüchtiger Kuss, ein „Wir müssen später einkaufen gehen“ meinerseits und dein „Wenn es sein muss“. Keine Ahnung, ob schlechte Stimmung war, an diesem Mittwochmorgen, aber gut war sie jedenfalls auch nicht.

An der Uni stellte ich fest, dass meine Vorlesung entfiel, die einzige an diesem Tag, die, für die ich extra mit dem Fahrrad eine halbe Stunde gefahren war. Im Nieselregen. An einem Mittwoch. In einer besseren Welt schrieben Professoren dienstags „Die Vorlesung am Mittwoch muss leider entfallen“-E-Mails. Aber als ich Eintritt in diese bessere Welt gewährt bekommen wollte, hat wohl irgendwer beschlossen, dass mein Name nicht auf der Liste auf dem VIP-Klemmbrett stünde.

Ich vertrieb mir meine Zeit mit einer Freundin, die immer nur die gleichen Themen kannte, die vermutlich auch schon zum Zeitpunkt unserer ersten Begegnung nur diese gleichen Themen gekannt hatte, aber da sie damals noch nicht meine Freundin gewesen war, hatte ich nicht ahnen können, dass ihr Horizont irgendwo hinter ihrem Haflinger endete. Und bevor ich es erkannte, war schon alles zu spät und sie meine Freundin. „Ich glaube, ich sollte mal gehen. Einkaufen. Mit Ben. Wir haben heute verschlafen.“ Vermutlich war ich auch keine bessere Gesprächspartnerin als Langweilerlaura, aber Selbstreflexion sollte ich erst später lernen, nach dem Super-GAU.

Unsere Gedankenübertragung schien damals noch zu funktionieren, jedenfalls riefest du genau in dem Moment an, als ich endgültige beschlossen hatte, Laura abzuwimmeln. „Ja. (…) Ja. (…) Ich komme sofort!“ Und zu Laura: „Tut mir echt leid, ich muss gehen. Ist echt wichtig.“ So wichtig wie Toilettenpapier im Sonderangebot und ein halbes Kilo Hackfleisch eben sein konnten. Aber das wusste Laura ja nicht. Wenn es hart auf hart kam, hatte Laura sowieso noch ihren Haflinger.

Auch damals war unser Supermarkt schon der Rewe auf der Ecke gewesen, unweit unserer Wohnung. Der Weg war kurz, der ewig kaputte Aufzug  bedeutete aber dennoch: Einkaufsberge in den siebten Stock schleppen. Du wartetest neben der Spielzeugeisenbahn, auf der sich für einen Euro privilegierte Pauls und Annas durchschütteln ließen, während die Mütter Quengel-Ü-Eier in ihren Handtaschen so verstauten, dass sie nicht dötschten. Dein Lächeln sagte: Alles wieder okay, ich habe aufgeholt mit dem Kaffee, lass uns nicht mehr darüber sprechen.

Wir kauften Obst und Gemüse, das am Ende sowieso keiner essen würde, und Fertigprodukte, deren Inhaltsstoffdeklarationen die Fettleibigkeit einer ganzen Generation zu verantworten hatte. Und irgendwann, da fanden wir uns in Gang 2 wieder und stellten fest, dass wir in diesem Gang eigentlich gar nichts benötigten. Ich wollte weitergehen, aber du hieltest mich plötzlich am Arm fest und deine Augen wurden Ernst und mir wurde Angst und Bange und dann sagtest du „Heirate mich“ und ich wusste: ‚Scheiße, das meint er ernst!‘ Ebenso wusste ich: Mein gestammeltes ‚Okay‘, das meinte ich genauso ernst.

An diesem Mittwoch also, in Gang 2, zwischen Damenbinden und Weichspüler, Gebissreinungstabs und Zahnseide, fing alles an. Auch der Anfang vom Ende. Aber das wussten wir damals noch nicht – oder wollten es nicht wahrhaben.

(Bild via Riley Alexandra.)

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