Irgendwann werden wir uns alles erzählen – Daniela Krien.

Irgendwann werden wir uns alles erzählen von Daniela Krien
240 Seiten, Gegenwartsliteratur
erschienen am 16. September 2011

Inhalt: Es ist Sommer, heißer, herrlicher Sommer. Der Hof ist ein Dreiseithof. Schaut man geradeaus, sieht man eingezäunte Wiesen und den Bahndamm, und hinter den Schienen, in einiger Entfernung, doch klar erkennbar: den Henner-Hof. Maria wird bald siebzehn, sie wohnt mit Johannes auf dem Hof seiner Eltern, in den „Spinnenzimmern“ unterm Dach. Sie ist zart und verträumt, verkriecht sich lieber mit den „Brüdern Karamasow“ als in die Schule zu gehen. Auf dem Nachbarhof lebt der vierzigjährige Henner, allein. Die Leute aus dem Dorf sind argwöhnisch: Eine Tragik, die mit seiner Vergangenheit zu tun hat, umgibt ihn; gleichzeitig ist er ein Mann, dessen charismatische Ausstrahlung Eifersucht erregt. Ein zufälliger Blick eines Tages, eine zufällige Berührung an einem andern lösen in Maria eine Sehnsucht aus, die fremd und übermächtig ist und sie daher wie von höherer Gewalt geleitet in Henners Haus und in seine Arme treibt… Die sommerlichen Weizenfelder, die vom Heu und den Mückenstichen juckenden Beine, das Summen des Kühlschranks in der Küche… Eine allgegenwärtige Sinnlichkeit beherrscht diesen intensiven Text, der eine ländliche, ebenso schöne wie düstere Welt entstehen lässt und einen Sog entwickelt, der bis zum dramatischen Ende alles mit sich reißt.

Meinung: Mit ihrem Debüt „Irgendwann werden wir uns alles erzählen“ hat sich Daniela Krien einen Platz in mein Herz erschrieben. Jede Seite war ein Ausrufezeichen, ein „Ja, das, genau DAS, ist zeitgenössische Literatur!“. Auf knapp über 200 Seiten schafft es Krien, eine Stimmung zu erzeugen, die so greifbar und echt wirkt, dass man sich völlig in der ungleichen Liebesgeschichte und den äußeren Umständen der Protagonisten verliert. Die Ich-Erzählerin Maria erzählt in einem Tonfall aus ihrem Leben, der so glaubwürdig wirkt, dass man die ganze Zeit denkt: „Ja, diese Geschichte hätte es nach dem Mauerfall in einem verlassenen Nest irgendwo im Nirgendwo genau so geben können!“ Krien schafft es, ihre Begeisterung und ihre Niederlagen, ihre Naivität und ihre Weltsicht so lebendig werden zu lassen, dass man das vage Gefühl hat, Maria könnte jemand sein, den man mal getroffen hat, der irgendwelche Erinnerungen in einem wachruft.

Maria, die im Laufe der Geschichte 17 wird, lebt bei ihrem Freund Johannes und dessen Familie auf einem Bauernhof und fügt sich nach und nach in das eingangs für sie recht fremde Bauernleben ein. Die Schule besucht sie eher unregelmäßig, sie steckt in irgendeiner Sackgasse fest, ohne diese überhaupt genau benennen zu können und ist zu dieser Zeit sehr empfänglich für das, was ihr der deutlich ältere Bauer vom Nachbarhof zu bieten vermag. Eine sehr erwachsene, zermürbende, aufrüttelnde Liebesgeschichte entspinnt sich, die dem Leser sehr viel über die Hauptprotagonisten vermittelt, ihn einlädt, sich in ihre Position zu versetzen. Durch Kriens wunderschöne, federleichte Sprache fällt dies besonders leicht. Ich lege „Irgendwann werden wir uns alles erzählen“ jedem ans Herzen, der gerne sprachschöne und aufrüttelnde Geschichten liest und es liebt, auf facettenreiche, glaubwürdige Charaktere zu treffen. Krien gelingt mit ihrem Debutroman der Balanceakt zwischen all diesen Nuancen des Schreibens und hat damit bei mir voll ins Schwarze getroffen. Gerne mehr!

Advertisements

1 Comment

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s