In Verhören stets der böse Bulle.

Irgendwann hatte der Barkeeper mühevolle Andeutungen gemacht, dass er jetzt gerne schließen würde und Annika und Tristan hatten sich vor der Tür wiedergefunden, unschlüssig darüber, was jetzt kommen würde. Sie hatten einander angesehen und geschwiegen und Annika war aufgefallen, dass Tristans Augen im Straßenlaternenlicht funkelten. „Es wird schon langsam hell“, hatte sie überflüssigerweise festgestellt und das Gesicht gen Himmel gereckt. Die ersten Vögel lärmten bereits und ein vorbeigehender Zeitungsbote warf ihnen missbilligende Blicke zu. Der hatte vermutlich auch ein Scheißleben, dachte Annika. Sie arbeitete im Moment bei Ikea, was ihre Mutter Verwandten und Bekannten als „gehobene Managementposition in einem schwedischen Milliardenkonzern“ verkaufte, dabei sortierte sie nur die Bettwäsche nach Motiven und erklärte idiotischen BWL-Studenten, wo Billy stand. „Vor Gang 4 scharf links, wenn Sie das weiße wollen. Ansonsten kann ich Ihnen den Weg auch gerne aufzeichnen?“ Sie hatte in den vergangenen Jahren diverse Dinge angefangen und diverse Dinge aufgegeben, Ausbildungen und Studienfächer, die nicht zu ihr passten. Sie hatte als Zimmermädchen gearbeitet und bei einer Seelsorgerhotline der Kirche, die sie feuerte, als sie ihrem Chef sagte, er könne sich ins Knie ficken, wenn er weiterhin behaupten würde, Homosexualität wäre eine Sünde. Dann war sie aus der Kirche ausgetreten und hatte sich arbeitslos gemeldet, mal wieder. Die Schauspielkarriere, auf die sie immer noch vertraute, auch mit 34 noch, war zum Greifen nahe, sie spürte das. Noch ein weiteres Engagement im Kleinkunsttheater und dann, ja, dann würde sie endlich entdeckt und würde irgendeine kaputte Tatortkommissarin in Brandung mimen. Eine, die mehr Arsch in der Hose hatte als ihre männlichen Kollegen, sich abends sinnlos betrank und in Verhören stets der böse Bulle war.

„Und jetzt?“ Tristan sah sie an, müde und rastlos. „Ich weiß es nicht“, sagte sie und wurde sich bewusst, dass sie damit nicht nur meinte, dass sie nicht wusste, wie diese Nacht und diese Begegnung ausklingen würden, sondern dass sie absolut keine Ahnung hatte, wie es weitergehen sollte. Das mit dem Leben. Sie war 34 und ihre Biographie las sich wie ein Potpourri vergebener Chancen, verpasster Gelegenheiten, gescheiterter Versuche. Alles halb und nichts ganz. Kein Durchhaltevermögen, dafür eine Extraportion Sprunghaftigkeit. Wäre sie die Personalchefin und hielte ihre Bewerbungsunterlagen in der Hand, würde sie vermutlich auch einen hysterischen Lachanfall bekommen und den Schredder anwerfen. Dass sie sich selbst nicht einstellen würde, das sagte vermutlich mehr über ihr Selbstbewusstsein aus, als sie wahrhaben wollte. Ich habe heute leider Foto für dich, das war die Geschichte der vergangenen 15 Jahre. Das war ihre Geschichte. „Ich glaube, ich sollte erwachsen werden“, sagte sie mit einer seltsam kindlichen Stimme, streckte die Arme gen Himmel und drehte mehrere Piouretten. „Erwachsen.“ Sie war so besoffen.

Tristan sah sie an, als sie, ein wenig schwindelig, schließlich den Kopf zu ihm wandte. Sein Blick war schwer zu deuten. Irgendwas zwischen belustigt und befremdet. Er wählte seine Worte mit Bedacht, als er sagte: „Erwachsen, das werden doch immer nur die anderen.“ Recht hatte er. Ihre Freundin Silke hatte mittlerweile zwei Kinder und Bernd, ihr Mann, schlief mit der Sekretärin, was alle wussten, außer Silke. Britta war mittlerweile Lehrerin an einer Gesamtschule und gab in ihrer Freizeit Yoga-Kurse. Kim und Frank adoptierten gerade ein Kind aus Simbabwe, weil Kims Uterus und Franks Spermien nicht konform gingen. Und Lilith hatte einen veganen Bio-Supermarkt eröffnet, Lilith, die früher beim Grillen die meisten Steaks gegessen hatte und Annikas vegetarische Ambitionen, die nicht länger gehalten hatten als ihre Besuche bei den Anonymen Alkoholikern, belächelt hatte. Silke, Britta, Kim und Lilith, ihre besten Freundinnen aus der Schulzeit, hatten ihren Platz im Leben gefunden und sie, sie dachte ernsthaft darüber nach, eine Katze zu kaufen und einen Kratzbaum aufzustellen, nur um ihrem Leben ein bisschen Struktur zu geben. Selbst ihr Bruder hatte sich mittlerweile auf eine feste, monogame Partnerschaft eingelassen und wirkte gegen die schwulen Helden aus Queer as Folk wie eine absolute Trantüte. Mit 19 hatte sie es nicht für möglich gehalten, dass ausgerechnet sie die Versagerin sein würde, ewig knapp bei Kasse, Zweizimmerappartement, Sex mit Typen, die noch bei ihrer Mutter wohnten oder einen Ehering trugen oder eigentlich schwul waren („HÄTTEST DU VORHER WAS GESAGT, DANN HÄTTE ICH DIR GLEICH MEINEN BRUDER VORGESTELLT, DU ARSCHLOCH!“). Ihre Beziehungsbilanz war ebenso desolat wie ihr Lebenslauf. Manchmal fragte sie sich, warum sie sich nicht einfach vor den nächsten Zug warf – aber sie wollte bei der Bahn niemandem Unannehmlichkeiten machen.

„Was hält dich denn davon ab, erwachsen zu werden?“ Annika gierte schier danach, eine Geschichte zu hören, die mindestens genauso desolat war wie die ihre. Tristan zuckte mit den Schultern. „Hat sich einfach nie ergeben“, murmelte er und Annika kicherte. „So kann man das natürlich auch sehen. Aber mal im Ernst: Welche Abzweigungen haben wir verpasst, dass unsere Freunde Kinder aus Simbabwe adoptieren und vegane Supermärkte aufmachen, in denen sie dir einen Job anbieten, wenn du irgendwann mal keinen Bock mehr hast, Schwedenmödel aus garantiert nicht nachhaltigen Rohstoffquellen an den Mann zu bringen. Warum sind sie zu diesen Menschen geworden und wir nicht? Warum haben wir keinen Familienwagen und müssen im Urlaub keine Kinderbetreuung dazubuchen? Warum sind wir nicht politisch engagierte und in die Gesellschaft integriert? Warum haben sie dieses 30+-Leben und wir sind der Bodensatz, der leer ausgeht?“ „Vielleicht, weil ich erst 29 bin?“ Tristan legte den Kopf schief und Annika schnaubte. „Sag bitte nicht, dass du noch bei deiner Mutter wohnst.“ „Im Ernst, ich habe sowas von die Schnauze voll. Ich will keine Geschichten über den Kampf um Kita-Plätze mehr hören, die man sich anscheinend schon unter den Nagel reißen muss, während man noch auf den Schwangerschaftstest pinkelt. Jedes Mal wenn ich auf einen Schwangerschaftstext gepinkelt habe, war ich viel zu beschäftigt damit ‚Bitte nicht, bitte, bitte nicht!’ zu murmeln, als dass ich auch nur zehn Minuten in die Zukunft hätte planen können. Ich will das alles nicht mehr. Ich will nach Hause und zu meiner Mama und eine heiße Schokolade, ja, das will ich.“ Hatte sie das gerade wirklich gesagt? Zu ihrer Mama? Himmel, ein einfaches Gespräch über das Wetter endete zwischen ihr und ihrer Mutter ja schon in einer Grundsatzdiskussion. „Vielleicht solltest du erstmal ausnüchtern?“, schlug Tristan vor. „Du bist 29. Und nicht meine Mutter.“ Annika versuchte sich auf ihren Schuhen zu halten, acht Zentimeter. Noch so eine Diktatur, die sie dieser bescheuerten Carrie zu verdanken hatte.

„Wir kaufen dir jetzt erstmal einen Kaffee und dann tun wir was gegen deine Krise.“ „Ich habe keine Krise. Ich habe bloß … Leben.“ Tristan nickte und legte einen Arm um ihre Schulter. „Ich glaube, was du brauchst, das ist kein Sex, sondern einen Freund.“ Sie lachte hysterisch. „Gleich sagst du mir noch, dass du schwul bist.“ „Ruf meine Ex-Freundin an. Die bestätigt dir zwar gerne ‚Arschloch’, ‚Hurensohn’ und ‚Wichser’, aber ‚schwul’, nein, das nicht.“ „Ich glaube, ich könnte wirklich einen Freund gebrauchen.“ Annika merkte, wie sie rührselig wurde und versuchte mit der linken Hand die aufsteigenden Tränen wegzuwedeln. „Flennst du etwa?“ „Nein, ich lasse nur das Leben aus mir regnen.“ (…) „Wie weit ist es noch bis zum Kaffee?“ Tristan drückte ihr ein Papiertaschentuch in die Hand. „Wir sind gleich da.“ „Gleich, das klingt gut.“ Sie schloss die Augen und vertraute darauf, dass Tristan sie nicht gegen eine Laterne laufen lassen würde. Es roch nach Schnee. In fünf Stunden würde sie zur Arbeit müssen. Alles, was zählte, das war der Moment. Als die erste Schneeflocke auf ihrer Nase landete, lächelte sie und fragte sich, wann sie zuletzt so viel Hoffnung empfunden hatte. „Gleich“, wiederholte sie und vergrub ihr Gesicht in Tristans Jacke. Heute war Donnerstag.

(Bild via Riley Alexandra.)

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14 Comments

  1. Ich fühle mich gerade wie ein kleines Mädchen an Weihnachten. Lieben Dank für deine beiden Kommentare. Es tut auch ziemlich gut, endlich wieder mehr zu schreiben – zumindest mehr, dass ich gerne sofort veröffentlichen möchte. 😉

  2. Das gefällt mir auch. Mehr mehr mehr.
    Was ist das überhaupt? Was Längeres, Geplantes? Was Längeres, Spontanes? Oder was Spontanes, das immer kommt wie’s will?

    1. Ich bin noch nicht ganz sicher. Es sprudelte aus mir raus, wird wohl eine Kurzgeschichte werden. Aber manchmal fordern Charaktere plötzlich so sehr meine Aufmerksamkeit, dass ich selbst mehr über sie erfahren will. Und ich glaube, ich mag Tristan und Annika. Da kommt vermutlich noch ein bisschen mehr. Mal sehen.

      1. Ich lese auf jeden Fall mit und hoffe, dass diese Quelle nicht schnell versiegt 🙂 Wirklich, ich tue mich manchmal schwer, mich von Texten mitreißen zu lassen, aber bei diesem hier ging es ganz leicht.

  3. Gestern bin ich auf deinen Blog gestoßen, und musste ein bisschen schmunzeln, weil ich einiges, was auch auf mich zutrifft hier wiederentdecken konnte, z.B. die Klamotten-Kauf-Vorsätze, vegane Ambitionen und eine Sympathie für grüne Politik (bin auch Mitglied der GJ).

    Du hast auf jeden Fall Talent!
    Ich möchte dir noch ein bisschen konstruktive Kritik geben:
    Man merkt in dem Text vielleicht zu sehr, mit welchen Themen du dich gerade selbst beschäftigst. Auch wenn autobiographische Elemente nicht schädlich sind, sollte man, wenn man Fiktion schreibt, das vielleicht ein bisschen mehr abgrenzen. Und ein bisschen erwachsener würde das ganze vielleicht klingen, wenn du die Serienanspielungen etwas reduzierst.
    Man könnte es zwar so sehen, dass Annika einen Teil ihres Lebens in Fantasiewelten verbringt, aber du tust das ja nicht, oder?
    Das sind nur Anregungen.

    Ich glaube, ich werde noch öfter hier vorbeischauen.

  4. Die Geschichte ist toll, natürlich, wie immer. 😉 Aber „[…] und Annika war aufgefallen, dass Tristans Augen im Straßenlaternenlicht funkelten.“ fand ich etwas schwierig. Das passt nicht so richtig in den Stil der Geschichte. Oder so. Mich hat es gestört. Und obwohl ich dieses Thema ebenso liebe wie du, vielleicht müssen wir aufhören, in jeder Geschichte Homosexualität zum Thema zu machen. Ein bisschen. Es war zwar nur Randthema, nicht mal wirklich eines, aber ich komme mir dann immer vor wie Jenny Shecter und wer will schon so sein? 😉 Aber jetzt habe ich genug rumgemault. Ich glaube, ich will die Geschichte noch mal lesen… So fühlt es sich im Moment schließlich an. Und ich bin nicht mal 34 Jahre alt.

  5. Sagst du mir bescheid, wenn du einen Roman oder sowas Ähnliches veröffentlichst? Ich würde dann gern ein Exemplar für mich haben und noch ca. 10 Stück, damit ich Die dann an Menschen verschenken kann, die auch einen Sinn für Literatur haben. Du bist ganz großartig, wirklich – ganz großartig. 🙂

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