Nichts davon hat Raum.

Bedingungslose Liebe, das habe ich mir nie vorstellen können. Ich habe mir nie vorstellen können, wie es ist, wenn man den Gedanken nicht erträgt, von jemandem getrennt zu sein, sich pausenlos Sorgen um ihn zu machen, selbst wenn man weiß, dass er sicher ist, wie es ist, wenn man plötzlich etwas zu verlieren hat – weil man etwas von unschätzbarem Wert besitzt.

Ich habe mir das alles nie vorstellen können. Und dann bekam ich dich.

Einen Partner zu lieben, da sind immer noch Vorbehalte. Die Angst des Verlassenwerdens und des Sichauseinanderlebens, des Nichtgenügens und Einanderverratens. Nichts davon trifft auf das Band zwischen dir und mir zu. Nichts davon hat Raum in der Liebe einer Mutter für ihr Kind und in deinem Urvertrauen in mich. Ich habe Angst vor dem Tag, an dem du mich plötzlich reflektierter sehen kannst und durchschaust, dass ich nicht perfekt bin, erkennst, dass ich auch nur ein Mensch bin und Narben vom Leben habe. Dass ich dir Halt geben kann, aber eigentlich selbst welchen suche, manchmal auch vergeblich. Ich habe Angst vor dem Tag, an dem du im Eifer des Gefechts Dinge sagst wie „Ich hasse dich“ oder „Du bist nicht mehr meine Mutter“, „Halt dich raus aus meinem Leben“ oder „Du hast mir gar nichts zu sagen“. Vielleicht, weil ich diese Dinge gesagt habe und ab einem gewissen Punkt nicht mehr zurücknehmen konnte.

Was neu ist, das sind diese seltsamen Ängste, die man kaum in Worte fassen kann, so sehr nehmen sie einem die Luft zum Atmen. Die Angst, dass dir etwas zustoßen könnte. Die Angst, dass ich nicht genüge, dass ich keine gute Mutter sein kann, nur weil meine es nicht war. Die Angst, dass ich versage. Angst existiert plötzlich in einer völlig neuen Dimension, Selbstzweifel haben plötzlich Gestalt angenommen. Wenn ich morgens aufwache, dann habe ich manchmal Angst, dass du nicht mehr atmest. Ein Kind zu haben, das bedeutet auch: Horrorszenarien ausmalen und dagegen anleben. Sich in jeder Minute sagen: „Ich trete der Angst in die Eier und lebe mit offenen Armen und Augen.“ Und manchmal, egal, wie oft man es mantraartig heruntergebetet hat, trotzdem vor Angst fast keine Luft mehr bekommen. Bis ich festgestellt habe, dass du atmest und plötzlich die Augen aufschlägst und mich anlächelst, als wäre ich der wichtigste Mensch auf Erden für dich. Im Moment bin ich das vielleicht sogar.

Jeden Tag hinterlässt du eine Spur mehr, bescherst mir eine weitere Erinnerung, die mein kleines Kopffotoalbum ein bisschen voller macht. Manchmal erschrecke ich, was du schon alles kannst, wofür du mich schon gar nicht mehr so sehr brauchst, wie vielleicht noch vor einer Woche oder einem Monat. Wirst du mich vielleicht irgendwann gar nicht mehr brauchen? Werde ich dir irgendwann lästig sein? Wirst du dich für mich schämen? Wirst du deinen Vater mehr lieben als mich? Wirst du irgendwann so froh sein, deine eigenen Wege zu gehen, dass du nur noch ganz selten anrufst? Willst du vielleicht später lieber keine Kinder in die Welt setzen, weil du deine eigene Kindheit als so verkorkst empfindest? Schiebst du mich irgendwann ins Heim ab und verkaufst das Haus, das wir so gerne kaufen würden, uns aber im Moment noch nicht leisten können? Fragen über Fragen, auf die nur die Zeit und du eine Antwort geben werden können.

Ich habe so viele Vorstellungen davon, wie es sein wird, wenn du aufwächst, dabei kann ich doch gar nicht sicher sein, dass ich jeden Moment davon mit dir teilen kann. Ich habe so eine schreckliche Angst davor, dass mir etwas zustößt – oder noch schlimmer: Dir. Liebe und Angst, das ist eine Kombination, die das Muttersein kreiert hat. Ich will sehen, wie du endlich ganz Sätze sprichst, wie du in den Kindergarten kommst und erste Freundschaften schließt, wie du darauf bestehst, dich von mir frisieren zu lassen und meine Schuhe anzuprobieren, die dir natürlich viel zu groß sein werden; manchmal passe ich selbst kaum in meine eigenen Schuhe… Obwohl dein Schuheanprobieren sich stark von dem meiner Kindheit unterscheiden wird. Weil die Mütter meiner Generation keine Chucks trugen, sondern Pumps. Weil ihre Schuhe nie Löcher hatten. Jedenfalls nicht die deiner Großmutter, die du bislang nicht kennst, vielleicht nie kennen lernen wirst.

Wir haben dich Luca genannt. Luca, nicht Lucie oder Lucia, Lucielle oder Lucienne. Luca. Luca, weil wir eine Weile nach der Bedeutung des Namens suchen mussten. Weil wir nicht wissen oder erahnen konnten, welch eine enorme Bedeutung du für unser Leben haben würdest. Weil wir irgendwann lasen, dass Luca „die bei Tagesanbruch Geborene“ bedeuten kann und es gerade hell wurde, als ich dich das erste Mal im Arm hielt und am Liebsten nie wieder hergeben hätte. Meine Liebe zu dir, die ist weiter als der Horizont an diesem besagten Morgen im Mai. Meine Liebe zu dir, die ist grenzenlos.

(Bild via; Text entstanden im Februar und August 2011.)

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4 Kommentare

  1. Ein Wahnsinnstext. Ich kann es kaum erwarten, Kinder zu haben. Andererseits frage ich mich, ob meine Mutter auch so gefühlt hat – oder immer noch fühlt.

  2. Grandios. Die Ängste sind natürlich absolut real, gefühlt sogar mehr als das, kaum in Worte zu fassen und selten überhaupt in Gedanken zu formen. Aber diese Ängste missen? Niemals.

    Und ach, das „Ich hasse dich“ wird kommen, so sicher wie das Amen in der Kirche, doch auch das gehört dazu, auch diese Gefühle muss man dem Kind zugestehen, so sehr es dann schmerzt. Graut mir davor? Klar. Aber auch da: Was ist denn die Alternative…

  3. Liebe Mirka,

    dein Text hat mich gerade ganz tief gerührt und ich musste ein bißchen weinen. Vielleicht, weil ich eh rührseelig bin, denn ich habe gerade selbst einen (noch) winzigkleinen Menschen in meinem Bauch. Ganz sicher aber, weil du so schöne Worte gefunden hast. Danke!

    Johanna

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