Dich wollte ich nicht.

Am Anfang hatte sie ihn ja nicht einmal leiden können, diesen arroganten, einsamen, wunderschönen Mann. Es hatte sie angekotzt, wie er da so gesessen hatte und sie herausfordernd, wenn nicht sogar ein wenig herabwürdigend, angesehen hatte. So als wäre er alles und sie nichts. Dass sie die Bar gemeinsam verlassen würden, an diesem Abend, hätten beide nie für möglich gehalten, beim ersten flüchtig ausgetauschten Blick.

Es hatte drei Drinks gedauert, bis er sich zu ihr an die Bar setzte, wort- und grußlos. Sie hatten einander zur Kenntnis genommen, sich flüchtig gemustert und geflissentlich ignoriert. Stilles, einvernehmliches Sichbetrinken, Seite an Seite. Sie wussten nichts von einander, aber dass sie miteinander Schweigen und Trinken konnten, das war schonmal die halbe Miete, an einem beschissenen Abend wie diesem. Irgendwann war sie aufs Klo gegangen und sich fast sicher, dass er nicht mehr da sein würde, wenn sie zurück käme, aber er saß da noch, schien sich in ihrer Abwesenheit die zuvor ordentlich frisierten Haare gerauft zu haben. Aus der Ferne sah er älter aus. Älter, aber weniger verzweifelt. Eigentlich stand sie nicht auf Männer mit blonden Locken.

Sie ließ sich zurück auf den Barhocker neben ihm gleiten. „Da du immer noch hier bist, wäre es vielleicht an der Zeit, dass du mir deinen Namen verrätst“, sagte sie, ohne ihn anzuschauen, den Blick auf den großen Spiegel hinter der Bar gerichtet, in dem sie ihrer beider Spiegelbild ausmachen konnte. Sie konnte schwer schätzen, wie alt er war. Vielleicht so alt wie sie, vielleicht etwas jünger oder sogar ein ganzes Stück. Sie war vor drei Wochen 34 geworden und hatte auf diesen ganzen Scheiß eigentlich keinen Bock mehr – darauf, dass ihre Freundinnen sie dazu drängten, sich Klischeebildern von der bestmöglichen Gegenwart hinzugeben, die als Vorlage für Sex and the City getaugt hätten. Carrie war doch nichts weiter als eine Idiotin, die sich von einem Typen ohne gescheiten Namen das Leben versauen ließ. Männer hatten ihr in den Zwanzigern das Leben versaut, vielleicht war es jetzt einfach an der Zeit, sich endlich eine Katze zu kaufen und die Nummer mit dem Singledasein durchzuziehen. Sie hatte ihre Mutter schon immer gerne provoziert und ihr Enkel auf Lebenszeit zu verwehren, das wäre wohl sowas wie das Sahnehäubchen auf dem Schrotthaufen ihrer Mutter-Tochter-Beziehung.

„Tristan“, sagte er und riss sie aus ihren Gedanken. Gerade hatte sie überlegt, wo sie den Kratzbaum hinstellen könnte. „Und wenn du jetzt einen Isolde-Witz machst, dann bin ich wirklich weg, wenn du das nächste Mal aufs Klo gehst.“ „Annika“, sagte sie. „Ich heiße Annika.“ Ihre Mutter hatte sie nach der Annika aus den Pipi Langstrumpf Büchern benannt. Nach der blonden, braven Annika. Nach der Annika, die vor allem Angst hatte, vor allem vor dem Leben. Annika, also sie, nicht die Lindgren-Annika, war als Kind auf Bäume geklettert und hatte die Haare getragen wie ein Junge. Sie hatte mehr Narben als ihr Bruder, der nicht mehr mit ihrer Mutter sprach und seit zwei Jahren eine eingetragene Lebenspartnerschaft mit einem Friseur hatte. Schon alleine deswegen ruhte die geballte Enkel-Hoffnung auf ihr. Annika war nicht blond, nicht brav, kein Buchcharakter, sondern ein echter Mensch. Und vielleicht war das das Problem im Verhältnis zu ihrer Mutter – dass diese nicht vorgeben konnte, wir ihr Leben verlaufen würde. Wann hatte sie eigentlich zuletzt mit ihrer Mutter telefoniert? Weihnachten war mittlerweile drei Wochen her.

„Und, Annika, warum bist du hier?“ Er hörte sich ein bisschen an wie der Vorsitzende der Anonymen Alkoholiker, der ihr tierisch auf die Nerven gegangen war, als ihre Mutter es für eine Weile geschafft hatte, ihr glaubhaft einzureden, das mit dem Alkohol würde langsam zum Problem. Die einzige, die ein Problem hatte, war ihre Mutter. „Weil ich eben ernsthaft darüber nachgedacht habe, wo ich den Kratzbaum hinstellen werde.“ Tristan warf ihr einen Seitenblick zu und sie winkte ab. „Musst du nicht verstehen.“ Sie schwiegen eine Weile. Irgendwo hämmert jemand wie ein Bekloppter an eine Toilettentür. Der Barkeeper wirkte nicht sonderlich interessiert. Vielleicht waren Randale jetzt auch in den schicken Läden Gewohnheit geworden. „Und du?“, fragte sie schließlich und kippte den letzten Rest ihres überteuerten Szenegetränks mit anzüglichem Namen in sich hinein. „Ich bin hier, weil ich eine verdammt beschissene Dekade hinter mir habe.“ Annika lachte leise und gab dem Barkeeper zu verstehen, dass sie noch etwas zu trinken haben wolle. „Ich glaube, du gefällst mir, Tristan.“ Sie schob sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und sah ihn zum ersten Mal direkt an. „Ich glaube, du gefällst mir wirklich.“

*Fortsetzung folgt*

(Bild via Riley Alexandra.)

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3 Comments

  1. Das letzte Stück über die beiden gefiel mir besser. So richtig kann der Text sich nicht entscheiden, welche Stimmung er haben will, scheint mir. Deine Sprache ist auch nicht ganz so flüssig wie sonst.
    (Und, psst, im ersten Satz fehlt ein Komma.)

    🙂

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