Wenn eine eine Reise tut.

Ich habe meine Schlüssel genommen und die Tasche, meine Ansichten und meine Vorurteile, meine Hoffnungen und meine Wünsche und bin zur Tür heraus. Ich bin zur Tür heraus und – nicht mehr zurückgekehrt. Anfang des Jahres bin ich zur Tür heraus und habe mich auf den Kopf gestellt und mein Leben.

Sinnbildlich bin ich nicht mehr zurückgekehrt, seit März nicht mehr. Seit mein Projekt 2011 wirklich an Fahrt gewonnen hat, bin ich natürlich nach Hause zurückgekehrt, fast jeden Abend – aber ich bin es jeden Tag als ein anderer Mensch. Ich habe gelesen und Informationen gesammelt, ich habe mit Menschen gesprochen – diskutiert, gestritten, Durchhalteparolen und Inspiration ausgetauscht – und mit viel Bauchgefühl gelebt. In den letzten Monaten habe ich mich jeden Tag ein wenig neu erfunden und dennoch: Ich stehe am Anfang meiner Reise, vielleicht nicht mehr auf 0, auf ‚Start‘, aber am Ziel bin ich noch lange nicht. Zumindest nicht an meinem Ziel.

In den letzten Monaten hat mich die Suche nach einem ethischen Lebensstil in Beschlag genommen, begleitet, inspiriert und glücklich gemacht, manchmal hat sie mich aber auch an Grenzen gebracht, erschöpft und erschüttert. Was ich in den letzten Monaten gelernt habe: Es gibt nicht den Weg. Es gibt so viele Wege wie es Menschen gibt – zumindest könnte es so viele Wege geben. Wenn jeder von uns bereit wäre, eine Reise zu wagen, sei sie auch noch so überschaubar.

Tief in mir drin, da ist eine Realistin beheimatet, die weiß: Solange wir sterblich sind, wird einem Großteil von uns das Wertschätzen von Ressourcen und unserer Erde am Arsch vorbeigehen. Das weiß ich. Ich bin ja keine verklärte Ökobraut, die sich die Welt schönphilosophiert. In den letzten Monaten ist mir aber auch klar geworden: Ich möchte weitere Menschen auf meine Reise einladen. Ich möchte euch einen Platz in meinem Waggon anbieten und wenn euch das zu viel ist, dann zumindest im selben Zug. Wer mag, der darf sich auch gerne ans Zugdach klammern oder am Bahnhof dem Zug hinterherrennen, nicht sicher, ob er ihn noch bekommt. Und vielleicht gibt es auch jemanden unter euch, der oder die das Potenzial hat, ins Führerhäuschen zu steigen und die ganze Reise anzuführen. Ich weiß nicht, ob ich das sein kann oder überhaupt sein will, aber ich weiß: Jeder, der wirklich möchte, kann sich mit auf den Weg machen. In seinem Tempo, in seiner Intensität, mit seinen Werten und Ansprüchen.

Im August möchte ich euch noch ausführlicher darüber berichten, was sich in den letzten Monaten bei mir getan hat. Ich freue mich auf Anregungen, sei es über die Kommentarfunktion, via E-Mail, bei Twitter oder gar persönlich. Ich freue mich über jeden, der sagt: „Das ist ein Punkt, an dem ich meine Reise beginnen kann.“ Oder: „Das realisiere ich schon besser in meinem Leben.“ Inspiriert und kritisiert mich, zeigt mir Möglichkeiten auf, wohin meine Reise noch gehen könnte oder schreibt mir, wo ihr gerade Rast macht, was ihr nicht bezwingen könnt oder was ihr gerade gemeistert habt. Schenkt mir Hoffnung oder nehmt mir Illusionen. Nehmt an meiner Reise teil und erzählt von ihr. Verlinkt zu diesem Artikel, schreibt eure Gedanken zu meinem Projekt nieder, erzählt Freunden und Bekannten davon… Zwar ist das Projekt 2011 meine ganz persönliche Herzensangelegenheit, aber: Ich möchte so viele Menschen wie möglich erreichen. Selbst wenn ich nur ein paar dazu inspiriere, keine Plastiktüten mehr anzunehmen oder größtenteils auf Tierprodukte zu verzichten, ist das sowohl für mich als auch für die Betreffenden ein großer Schritt. Mir ist es wichtig, mit meiner Reise zu inspirieren, nicht zu diktieren. Deswegen möchte ich bitten, dass ihr mir auf diese Art und Weise begegnet: Indem ihr mir Vorschläge macht, was noch geht, welche Ziele ich noch in Angriff nehmen könnte, und nicht, in dem ihr mir vorschreibt, wie mein Leben auszusehen hat, wenn ich das mit der Nachhaltigkeit und Ethik ernst meine.

Diese Reise kann nur funktionieren, wenn wir einander keine Vorschriften machen, sondern Wege aufzeigen. Lebensumstände und individuelle Charakterzüge und Ansprüche, finanzielle Aspekte und kritische Einwände müssen Berücksichtigung finden, wir verändern nicht, wenn wir die Reiseroute vorlegen, jede Woche ein neues Ziel, alle im gleichen Tempo. Wir haben nicht die gleiche Ausrüstung und die gleiche Ausdauer. Und das ist auch gut so. Wer etwas sehr Einseitiges, das vorherrschende Konsumverhalten  beispielsweise, verändern will, der kann nicht erwarten, dass alle Menschen einem einzigen Alternativvorschlag zu folgen bereit sind. In einer Welt wie der diesen müssen verschiedene Wege aufgezeigt werden und ein „Schritt für Schritt“ möglich sein. Man wird nicht von heute auf morgen Veganer oder Umweltschützer, das ist wie so vieles auf dieser Ebene ein Prozess, zusammengesetzt aus informieren, inspirieren und in das eigene Leben integrieren. Den einen richtigen Weg gibt es nicht und Perfektion darf nicht unser Ziel sein. Der Perfektionist scheitert, an anderen und noch viel häufiger an sich selbst.

Lasst uns gemeinsam etwas in Gang setzen. Reflektiert euer Konsumverhalten und eure Macken, eure Supermarkteinkäufe und eure Prioritäten. Auf meiner Reise ist jeder willkommen, egal wie sein Gepäck auch aussehen mag. Was als meine Reise begonnen hat, könnte schon sehr bald unsere Reise sein.

(Bild via Riley Alexandra.)

Advertisements

8 Comments

  1. Ich liebe die Begeisterung und die Intensität, die aus deinen Worten raussprudelt. ❤

    So eine Reise ist eigentlich mein ganzes Leben. Ich versuche seit ich ziemlich klein bin (so ungefähr seit meinem 8ten Lebensjahr, als die erste große BSE-Welle Deutschland überrollte) ständig herauszufinden, was gutes Leben heißt, was Grenzen sind zwischen richtig und falsch, zwischen gut und böse. Ich frage mich jeden Tag neu, ob dieser Tag nach meinen persönlichen Ansichten ein ethisch vertretbarer Tag war – und manchmal weiß ich einfach keine Antwort.

    Im März habe ich an einem Seminar zum Thema Nachhaltigkeit an der Fridtjof-Nansen-Akademie in Ingelheim (https://www.wbz-ingelheim.de/index.php?id=2) teilgenommen, das war so gut!
    Ich habe allen Stand-By-Modus aus meinem Zimmer (und großteils unserer ganzen Wohnung) verbannt, ich dusche ein paar Grad kälter, ich fahre in der Stadt überall mit dem Fahrrad hin. Nicht, weil ich das alles vorher nicht auch "besser gewusst" habe, aber weil es mich motiviert hat und mir neuen Mut gemacht hat, Dinge selbst in die Hand zu nehmen.

    Ich habe fast immer eine große Tasche beim Shoppen dabei und wenn nicht, dann wird meine Plastiktüte als nächstes Sportschuh-Tüte für die Schule und dann Mülltüte bei mir zuhaus.
    Ich benutze vorwiegend Naturkosmetik und verzichte weitgehend auf Duschgel – ein Stück Seife tut es doch genauso.

    Es gibt Grenzen und ich lebe nicht perfekt, aber das ist mir bewusst.
    Es gibt Grenzen und ich bin froh, weiter gehen zu können und neue Grenzen zu finden,
    aber ich mag dabei nicht vergessen, dass es manchmal auch Wichtigeres gibt.
    Dass es notwendig ist, einfach mal in einer mit heißem Wasser gefüllten Badewanne zu liegen, eine Shoppingtour mit siebenundzwanzig voll gefüllten Plastiktüten zu beenden, mit laufendem Fernseher einzuschlafen, bei offenen Fenstern an der warmen Heizung zu lehnen oder beim FastFoodFreund einen riesig leckeren Vanillemilchshake oder 'ne Portion Pommes zu bestellen.

    Das sind alles Dinge, die nicht meinem ethischen Verständnis von "gut" entsprechen, aber das sind auch alles Dinge, die für mich dazu gehören, zum kunterbunten Leben einer Achtzehnjährigen.

    Wenn du interessiert bist an wirklich guter Literatur zu Themen wie Nachhaltigkeit, Globalisierung, aber auch Religion, Gesellschaft etc. kannst du dich mal auf der Seite der Bundeszentrale für politische Bildung umschauen (http://www.bpb.de/), ich bin nicht sicher, wie es dort geregelt ist, aber jedenfalls die Publikationen der hessischen Landeszentrale für pol. Bildung kann man als U27 kostenlos bestellen, lediglich die Portokosten musst du übernehmen. 🙂
    Hab da im letzten Jahr einiges bestellt, tw. für meinen Politik/Wirtschafts-LK, teilweise einfach so für mich und ich werd noch viele viele mehr Sachen bestellen. 🙂

  2. Hallo,

    ich verfolge deinen Blog schon etwas länger und wollte deinem Aufruf der Anregung folgen. Leider nur kurz und knapp, daher setze ich einfach davor, dass das , was folgt nur eine Anmerkung sein soll, ein Aufzeigen einer weiteren Nebenreiseroute sozusagen, aber kein Befehl kein muss. Sozusagen ein schönes Bild aus einem Reiseführer, dass zum nachreisen einlädt. Zunächst einmal bewundere ich deinen Mut und den Willen, diese Reise zu starten und dich damit auch den Meinungen anderer zustellen. Ich habe seit Januar eine laufende Diskussion mit einer Freundin über das gleiche Thema und wir haben dabei festgestellt, dass wir auf dem Weg „bewusster“ zu leben, unterschiedliche Wege gehen. Sie achtet mehr darauf, wie viel Fleisch sie ist, und wie die Nahrungsmittel allgemein in Bezug auf Umwelt und Tiere hergestellt wurden. Für mich wurde schnell wichtig, dass meine Nahrung möglichst aus der Umgebung kommt, und vor allem, dass die Produzenten fair bezahlt werden. Denn Ware mit einem Biosiegel heißt nicht unbedingt, dass der Erzeuger dafür genug bekommt um gut davon zu leben, insbesondere bei „billiger“ Supermarktbiomilch. (Ich tippe auf Stiftung Warentest als Quelle, möchte mich aber nicht festlegen).
    Vielleicht begehst du diesen Weg schon. In diesem Fall würde ich mich über Hinweise freuen, die auch mir weiterhelfen könnten. Anderenfalls kann ich ein klein bisschen mehr über meine Erfahrung erzählen, wenn du magst.

    Gruß
    Lauren

  3. Immer wenn ich irgendetwas über dein Projekt 2011 lese, kriege ich Hummeln im Hintern.
    Ich will was verändern, Jetzt, SOFORT. Am besten alles über den Haufen schmeißen und nochmal ganz von vorne anfangen.
    Ich werde im September 20. Ich glaube, dass kann man als guten Startschuss nehmen.

  4. Liebe Mirka,
    ich bewundere dich zusammen mit deinem Projekt sehr. Es ist beruhigend zu wissen, dass es noch Menschen gibt, die sich Gedanken um die Erde, die Natur und alle Lebewesen besonders die Zukunft betreffend, machen.
    Was ich aus deinen Texten herauslesen konnte, ist, dass du schon Mitten auf der Reise bist – du hast dein altes Leben hinter dir gelassen und bist einen dir noch unbekannten Weg entlanggegangen. Steinen, die deinen Weg holprig sein haben lassen, bist du aus dem Weg gegangen oder hast du hinterfragt. Und das ist gut so. Nur weißt du, manchmal übersieht man die kleinen Steinchen, die den Weg entlangrollen, während man nach den großen Brocken Ausschau hält. Das Inter net (bzw. dessen Server) , so harmlos es auch wirken mag, verbraucht eine Unmenge an Energie. Und wir alle sollten uns das erst einmal vor Augen führen, bevor wir die großen Brocken in Angriff nehmen. Denn das lässt sich einfach ändern.

  5. Dass ich dein Projekt ganz großartig finde, hab ich ja schon mal erwähnt.

    Und ich hoffe, dass sich dir viele anschließen, allein schon, damit mich meine Freunde in Zukunft nicht mehr spießig nennen, weil ich seit Jahren immer einen Jutebeutel in der Handtasche habe und keine Fertigpizza esse. (Ich bin seit dem Kindergarten auf Öko getrimmt. Mit Recyling und Gemüse im Garten, das ist auch gut so!)

    Eines der Felder mit denen ich noch Kämpfe, sind die Klamotten. Magst du vielleicht mal deine Online-Ressourcen für Textilien posten? Oder vielleicht gibt es eine Möglichkeit ein gemeinsames Register zu erstellen, quasi die Bioläden des Internets.

  6. Huhu Mirka,
    ich glaube, jeder sollte so ein Projekt haben. In meinem Leben ist gerade irgendwie Stillstand angesagt. Die ganze Zeit hatte ich immer irgendein Ziel, dass ich notfalls nennen konnte, wenn mich jemand gefragt hat, wo die Reise hingeht. Mein Studium, einen interessanten Job, endlich mit meinem Freund zusammenziehen. Alles hab ich jetzt. Nächstes Jahr werde ich 30 und hab irgendwie das Gefühl, dass mein Alltag jetzt ewig so gleichmäßig weiterplätschern wird. Kein sehr tolles Gefühl. Ein Projekt müsste her. Nur weiß ich (noch) nicht recht, wie das aussehen sollte. Deshalb bin ich wohl auch ein wenig neidisch, wenn andere sich ganz sicher sind, was „ihr“ Projekt ist. Ich bin schon gespannt, was du uns noch schreiben wirst.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s