Es lebe die Individualität.

Mein Poetry Slam Text. Natürlich war er ein wenig inspiriert von diesem Video. (Und ein klassischer Poetry Slam Text ist er auch nicht wirklich.)

Heute Morgen habe ich darüber nachgedacht im Schlafanzug zu kommen. Ich habe darüber nachgedacht, im Schlafanzug zu kommen, weil ich die Schnauze voll habe. Weil ich die Schnauze voll davon habe, etwas genügen zu sollen, das gar nicht existiert.

Werbung arbeitet mit den vier Ps: Picture, Promise, Prove und Push. Uns wird ein Bild gezeigt, wie wir zu sein haben. Uns wird das Versprechen gegeben, dies durch den Kauf eines bestimmten Produktes zu erreichen. Uns wird durch ein weiteres Beispielfoto bewiesen, dass wir wirklich durch einen Kauf aufsteigen in die Perfektion des Werbeolymps. Und dann werden wir auch noch mit einer „Kaufen Sie, bevor es ein anderer kauft“-Panikmache in die Läden gescheucht. Wir kaufen Drogerien leer und Bekleidungsgeschäfte, Supermärkte und Autohäuser, nur um einem Idealbild zu genügen, das an einem Computer entstanden ist. Diese Frauen und auch Männer, die wir Tag für Tag vorgesetzt bekommen, sind nicht echt. Sie heißen Herr und Frau Photoshop, leben in einer Villa direkt am Meer, in dem es natürlich weder Algen noch Quallen gibt und trinken bei Sonnenuntergang in Badekleidung Jules Mumm. Herr Photoshop fährt einen Porsche, Frau Photoshop trägt nur Prada und die rumänische Putzfrau arbeitet schwarz bei ihnen, was aber natürlich keiner erfahren darf. Die 2,0 perfekten Kinder werden ins Kinderbeautystudio geschleppt und besuchten bereits mit drei den Kurs „Chinesisch für Kleinkinder.“

Mit 2500 Bildern von perfekten Körpern wie denen von Herrn und Frau Photoshop werden wir am Tag belästigt. 2500 Bilder, die in uns das Gefühl wecken sollen, mehr zu wollen. In anderen Worten: Die uns vermitteln sollen, dass das, was wir haben, nicht genügt. Dass WIR nicht genügen. Intelligenz und Humor, Nächstenliebe und Begabung, – all das, was man nicht kaufen kann, wird durch die Werbung abgeurteilt. Werbung ist nur noch dünner, noch schöner, noch perfekter. Werbung ist nicht zu unserem Besten, wie man uns glauben machen will, sondern zum Besten irgendwelcher fetten Vorstandschefs und Firmenbesitzer, die jeden Abend drei Steaks verdrücken, während wir hungern sollen, um reinzupassen, in eine Welt, die vielversprechend ist, aber bei genauem Hinsehen als fragile, schillernde Seifenblase enttarnt werden kann, die jeden Moment platzen könnte – wenn wir sie endlich durchstoßen würden.
Eine namhafte Drogerie warb vor einer Weile mit dem Slogan „Come in and find out“. Dass viele Konsumenten das mit „Komm rein und finde wieder heraus“ übersetzt haben, beinhaltet eine Wahrheit, die wir uns erst bewusst machen müssen: Dass wir herausfinden müssen aus einer Welt, die uns im Moment durch einen Zerrspiegel präsentiert wird. Size 0 muss sterben, bevor es noch mehr hungernde Frauen tun. Als Einstellungskriterium sollen eines Tages nicht meine Brüste gelten. Ich möchte Sätze hören wie „Frau von Lilienthal, Ihre Texte haben etwas in uns ausgelöst!“ Und damit meine ich keine Erektion.
Lasst uns gemeinsam die Zerrspiegel der Zivilisation einschlagen und herausfinden, was unter den vielen Schichten von Make-up liegt. Vielleicht werden wir alle überrascht.

2500 Bilder in Zeitschriften, auf Werbeplakaten, im Fernsehen, auf U-Bahnplakaten. 2500 Bilder und keines davon hat den Mut, UNS abzubilden. Wir leben in einer Demokratie, deren Werbemafia einen Diktator auf den Thron gehoben hat: Das Idealbild. Wir sollten ihn stürzen, bevor es zu spät ist.

Ich habe nicht nur keine Zeit mich zu fragen, was andere von mir denken – wenn ich ehrlich bin, dann habe ich da keinen Bock drauf.
Vielleicht komme ich morgen im Schlafanzug. Wenn ich einen ohne Loch finden sollte.
Es lebe die Individualität.

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13 Comments

  1. Mach das, geh im Schlafanzug! Ich bin mal in einem viel zu großen, grünen Jogginganzug zur Schule gegangen – allerdings an einem Nachschreibtermin für Klausuren, samstags. Da waren nicht so viele da. Für mehr hat der Mut nicht gereicht. 😉 Ich fand es jedenfalls mal sehr erfrischend und belebend.

    Toller Text! In jedem einzelnen Wort steckt so viel Wahrheit. Es ist schon traurig, was uns tagtäglich als DAS Idealbild verkauft wird.

    1. Überraschend gut – und das sogar, obwohl die überwiegenden Besucher männlich waren und der Text ja eher in die feministische Richtung geht. 😉 Hat mich jedenfalls darin bestätigt, dass es gut war, mich endlich mal zu trauen, was vorzutragen.

    1. Natürlich, alles könnte anders sein. Aber es ist vermutlich einfacher, sich seine Zielgruppe selber zu basteln und sie davon zu überzeugen, dass sie die angebotenen Produkte unbedingt benötigen, um ihr Lebensglück weiter aufrecht zu erhalten.
      Solang eine Vielzahl von Menschen auf diese Masche anspringt, werden die werbenden Firmen auch so weitermachen.

  2. ein toller Text, gefällt mir sehr gut. Leider war ich noch nie bei einem Poetry Slam, aber ich habe bald vor, zu einem hinzugehen, wenn mal wieder einer in meiner Stadt stattfindet 🙂

    liebe Grüße, Lola.

  3. Ich bin (absolut) kein Poetry Slam Fan. Es tut mir leid. Ich habe mich wirklich bemüht, aber es ist wie mit Hermann Hesse oder Opern. Nein. Einfach.
    Dennoch – ich würde dich gerne mal sehen. Also, während eines Poetry Slams. Alles andere käme leicht verstörend rüber? Du hast in mir übrigens keine Erektion ausgelöst. Keine Sorge 🙂

    1. Oh, ich finde Poetry Slam toll – aber es kommt stark darauf an, wer vorträgt. Die Hälfte ist klasse, die andere Hälfte möchte man eher von der Bühne runterholen. Bei uns gibt es im kleinen Rahmen immer wieder offene Lesebühnen, also ohne die Punktebewertung. Darüber habe ich schon mehrfach für die Lokalpresse berichtet und es war immer ziemlich grandios.

  4. Liebes, ich habe mir erlaubt deinen Blog in einem Beitrag bei mir zu verlinken. Ich hoffe, dass das okay ist? Ich habe mal meine Gedanken runtergeschrieben und fand eine Verlinkung am Ende ganz passend.
    Gruß, Lisa

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