Brief an mein Leben – Miriam Meckel.


Brief an mein Leben von Miriam Meckel
223 Seiten, Sachbuch
erschienen am 12. März 2010

Inhalt: Eine erfolgreiche Frau klappt zusammen. Ihr Körper zieht die Notbremse, nichts geht mehr. Die Diagnose: Burnout. In einer Klinik im Allgäu beginnt sie, einen «Brief an mein Leben» zu schreiben. «Ich war fünfzehn Jahre um die Welt gereist, hatte gearbeitet, geredet, geschrieben, akquiriert, repräsentiert, bis der Arzt kam. Im Wortsinne. Ich habe keine Grenzen gesetzt, mir selbst nicht und auch nicht meiner Umwelt, die zuweilen viel verlangt, mich ausgesaugt hat wie ein Blutegel seinen Wirt. Und das meiste von dem, was ich gemacht habe, hat mir tatsächlich Freude gemacht … Aber ich habe in alldem nicht die aristotelische Mitte finden können zwischen dem ‹Zuviel› und dem ‹Zuwenig›. Nun war ich plötzlich stillgelegt, wiederum im Wortsinne …»

Meinung: Manchmal, da habe ich mich ein bisschen in den Gedanken von Miriam Meckel verloren. In diesen Momenten, da konnte ich die Kritiker ihres Buches verstehen. Und in anderen Momenten, da hat sie mich ungemein inspiriert und mit ihren Worten schier weggefegt.
Viel kritisiert wurden die mehr als 60 Fußnoten, die Meckel auf nur 217 Seiten verteilt hat. Das sei doch nur akademisches Imponiergehabe, ihr Schreibstil zum Teil zu gehoben, um Burnout ginge es in vielen Passagen ja sowieso gar nicht und überhaupt – Thema verfehlt, 6, setzen. Ich sehe das anders. Ich habe das Buch einer Frau, Akademikerin und prominent hin oder her, gelesen, die sich in sich selbst zurückzieht und sich mit dem, was sie dort findet, intensiv auseinandersetzt. Ich habe das Buch einer Frau gelesen, die überfordert ist von der Kommunikationsgesellschaft, von dem ewigen Leistungsdruck, von sich selbst gegenüber ihr aufgebautem Druck. Ich habe das Buch einer Frau gelesen, die es mir an vielen Stellen leicht gemacht hat, mich mit ihr zu identifizieren, obwohl uns 25 Jahre trennen und wir uns in völlig verschiedenen Phasen unseres Lebens befinden. Ich habe mich ihr in ihren Erzählungen phasenweise sehr nahe gefühlt – was mir gezeigt hat: Burnout, das kann uns allen passieren, vor allem in einer Zeit wie der diesen, in einer Zeit, in der zu jedem Zeitpunkt ein Leistungsmaximum erwartet wird und auf den Einzelnen keine Rücksicht genommen werden kann, weil das bedeuten würde, man müsse wirtschaftliche Einbußen in Kauf nehmen. Und das funktioniert in unserer Höher-Schneller-Besser-Gesellschaft nicht mehr. Der Mensch wird nach und nach zu einer schlichten Variable: Wir als Individuen zählen nicht mehr – und unseren Job, den kann auch einer anderer, ähnlich qualifizierter machen.

Was ich unbedingt betonen möchte: Wer sich Lebenshilfe von einem Sachbuch, das mit dem Thema Burnout arbeitet, erwartet, der sollte nicht zu „Brief an mein Leben“ greifen. Miriam Meckel hat kein Patentrezept gegen eine Krankheit entwickelt, die in einer Welt wie der diesen kaum zu besiegen ist. Sie blickt vielmehr sehr philosophisch auf die Ereignisse und Parameter, die sie in ihre jetzige Situation gebracht haben, die den Klinikaufenthalt haben notwendig werden lassen, zurück. Sie schreibt auch über den Klinikalltag, über Herausforderungen, den sie sich selbst dort, bei ihrer Suche nach sich selbst und dem für sie richtigen Weg, stellen muss, und über die Menschen, die ihr begegnen und die nicht unterschiedlicher sein können. „Brief an mein Leben“ ist auch eine Ode an das Leben – Miriam Meckel liebt das Leben, das merkt man, sie hat nur für eine aus den Augen verloren, wie genau ihr Weg weitergehen soll. Ob sie es nach dem Klinikaufenthalt wirklich weiß, das bleibt offen, aber darum geht es in „Brief an mein Leben“ auch nicht. Es geht darum, dass es wichtig ist, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen, sobald man merkt, dass man in einer Sackgasse gestrandet ist. An dieser Auseinandersetzung lässt uns Meckel teilhaben. Kein Ratgeber, sondern ein Dokument ihrer eigenen Hilflosigkeit und ihres mutigen Versuches, sich aus ebendieser zu befreien.

Ich spreche eine Empfehlung an all diejenigen aus, die sich für die Auswirkungen der modernen Kommunikationsmöglichkeiten auf unsere Lebensweise interessieren, die gerne die Gedanken anderer Menschen zu verstehen versuchen, die sehen wollen, wie anders man mit einem Burnout literarisch umgehen kann, als es die meisten anderen tun.

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3 Comments

  1. Ist Miriam Meckel nicht die Lebensgefährtin von Anne Will? Was für ein Druck muss auf diesem Paar lasten: Die eine mit einem Burnout in der Klinik, die andere erfolgreiche Top-Journalistin unter ständiger öfentlicher Beobachtung,

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