Der Märchenerzähler – Antonia Michaelis.


Der Märchenverzähler von Antonia Michaelis
448 Seiten, Zeitgenössische Literatur/Jugendroman
erschienen am 01. Februar 2011

Inhalt: Abel Tannatek ist ein Außenseiter, ein Schulschwänzer und Drogendealer. Wider besseres Wissen verliebt Anna sich rettungslos in ihn. Denn es gibt noch einen anderen Abel: den sanften, traurigen Jungen, der für seine Schwester sorgt und der ein Märchen erzählt, das Anna tief berührt. Doch die Grenzen zwischen Realität und Fantasie verschwimmen. Was, wenn das Märchen gar kein Märchen ist, sondern grausame Wirklichkeit? Was, wenn Annas schlimmste Befürchtungen wahr werden? Ein temporeicher Thriller und eine zu Herzen gehende Liebesgeschichte – lässt nicht los! Eindrucksvoll, begeisternd und abwechslungsreich – eine ganz neue Antonia Michaelis.

Meinung: Mehrere Male habe ich diese Rezension gedanklich begonnen, mehrere Male habe ich versucht, meine Gedanken hinsichtlich dieses Buches zu ordnen, zu entwirren, zu irgendeinem Schluss zu kommen. Zu diesem Schluss, nach dem ich mehrere Wochen geforstet habe, bin ich mittlerweile gekommen: Dass es nahezu unmöglich ist, eine Rezension zu dem Roman von Antonia Michaelis zu verfassen. Eine Rezension, die diesem faszinierenden, aufrüttelnden, abstoßenden, alles in Frage stellenden Buch gerecht wird.

Antonia Michaelis hat mit „Der Märchenerzähler“ keinen Fantasyroman vorgelegt, was ich an dieser Stelle ausdrücklich betonen möchte, da ich mehrfach mitbekommen habe, wie das Buch in das Genre Fantasy eingeordnet wurde. Märchen spielen zwar in diesem Buch eine große Rolle, allerdings nur in parabelförmiger Art und Weise, nicht als tatsächlicher, sich in der Realität abspielender Handlungsstrang. Ebenso strittig ist es meiner Meinung nach, ob „Der Märchenerzähler“ überhaupt als Jugendbuch durchgehen kann. Ein All Age Roman ist er unstrittig, dass man ihn aber nur in der Jugendbuchecke findet, ist schade und wird diesem Buch nicht im Mindesten gerecht. Dafür ist es zu wortschön erzählt, zu aufrüttelnd, mit einer zu wichtigen Botschaft für Leser jeden Alters ausgestattet.

Eigentlich beginnt alles ganz harmlos: Da ist Anna, eine gute Schülerin, manchmal ein wenig selbstverloren, ein wenig zu träumerisch. Anna, ein durchschnittliches Mädchen, mit Eltern und einem schönen Haus und einem Garten. Anna, das scheint eine Assoziation zu ‚Idylle‘ zu sein. Und auf der anderen Seite, da sind Abel und Mischa, Geschwister. Abel ist Annas Mitschüler, der deren Aufmerksamkeit weckt, vor allem dadurch, dass er sich so aufopferungsvoll um seine kleine Schwester kümmert. Anna entwickelt beinahe schon eine Abel-Faszination, verfolgt ihn, versucht ihm und seiner Schwester näher zu kommen, mehr über das Leben der beiden zu erfahren, ihre Geschichte zu verstehen. Dass Abel und Mischa auf der anderen Seite sind, das gilt auch im gesellschaftlichen Sinne: Abel und Mischa sind da, wo man lieber nicht sein möchte. Plattenbau und abgenutzte Sofa, Hartz4 und trinkende Mutter, schreckliche Stiefväter und abgenutzte Möbel. Soziale Misere, wie wir sie von RTL und aus der Tageszeitung kennen. Kein Entkommen, ein sich schließender Kreislauf. Anna glaubt daran, Abel und Mischa aus dieser Welt in ihre Welt „rüberretten“ zu können. Anna ist eine Idealistin und haltlos verloren in einer Welt, die nicht am Ideal orientiert ist.

Während des Lesens bin ich an einen Scheideweg geraten: Im letzten Drittel, bei einer Szene in einem verlassenen Bootshaus. Ich musste das Buch für eine Weile weglegen, mich fast zwingen weiterzulesen, so schockiert war ich. So schockiert und so fasziniert, weil Antonia Michaelis mit „Der Märchenerzähler“ für ein Jugendbuch sehr ungewöhnliche Wege beschritten hat.

Aus einer feministischen Perspektive betrachtet, ist Anna kein starker Charakter, kein Charakter, mit dem ich mich identifizieren kann und möchte. Das, was sie Abel zu verzeihen bereit ist, ist in meinen Augen unverzeihlich. Deswegen sehe ich die Einordnung als Jugendbuch durchaus kritisch, da ich denke, dass viele Mädchen im Alter von 13 Jahren noch nicht in der Lage sind, Buchcharaktere reflektiert zu sehen, anstatt sie als Vorbild und Identifikationsfigur zu erachten. Anna ist kein Charakter, den ich als Vorbild für meine Tochter sehen wollen würde – weil ich möchte, dass meine Tochter stark und unabhängig ist, Jungen wie Abel sagen kann: „Ich scheiße auf dich, ich brauche keinen Jungen, den ich retten muss, obwohl ich mich dabei selbst verliere. Ich bin stark.“

„Der Märchenerzähler“ ist vielleicht kein ’schönes‘ Buch, aber ein wichtiges, ein besonderes, ein zumindest sprachschönes. Wer denkt, dass nur ein Buch mit Happy End, mit einer Idylle, wie Anna sie im Laufe ihres Lebens, vor Abel, erfahren hat, ein gutes Buch ist, der trifft mit „Der Märchenerzähler“ eine denkbar schlechte Wahl. Wer mit Büchern allerdings gerne neue Wege einschlägt, für den gibt es kein besseres Buch als Antonia Michaelis‘ „Der Märchenerzähler“.

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5 Comments

  1. ich glaube du hast mir soeben ein neues wunschbuch geliefert!!!!:)

    klingt sehr speziell. ich bin gespannt! wann ich meinen restlichen bücherberg bezwungen haben, weiss ich noch nicht. dafür ist es ganz vorne auf der ‚muss ich haben‘-liste und v.a. auf der ‚werde-ich-als-nächstes-lesen‘-liste 🙂

    annie.

  2. das buch habe ich mir durch deine blogempfehlung gekauft und bin nun sehr gespannt 🙂 noch habe ich keine zeit es zu lesen, aber es wird definitiv mitreisen, wenn es ende august in den sommerurlaub gehen wird. ich freu mich schon!

    danke für den tip!

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