Achterbahndauerticket.

Lernen wie man auf Gebärdensprache klatscht. Am Liebsten alles auf Gebärdensprache ausdrücken können wollen. In einem neuen Schlafsack in einer knarrenden Turnhalle auf einer knallblauen Yogamatte schlafen. Menschen aus der eigenen Stadt treffen und beschließen, sich auch in der Ortsgruppe zu engagieren. Bei der Säkularismusdebatte sehr laut klatschen. Sowohl die Pros als auch die Kontras für Präimplantationsdiagnostik verstehen können. Viele spannende Leute treffen, unter anderem eine charmante Lady in gelben Stiefeln und grüner Hose. (Die Verabredungs zum Stricken auf dem nächsten Bundeskongress steht!) Muskelkater vom TrekkingrucksackdurchdieStadttragen. Das Baby einer Kongressteilnehmerin am Liebsten adoptieren wollen, weil goldig. Bei einem Vortrag über Feminismus im Internet mitdiskutieren, vom Bloggen sprechen und davon, wie viel das Internet für mich bedeutet, dass ich ohne es niemals ich geworden wäre, sondern vermutlich eher ein Mensch, mit dem ich heute nicht würde befreundet sein wollen. Darüber bloggen wollen. Stilles Wasser trinken und sich fragen, was Leute daran finden und ob die wohl auch mit angezogener Handbremse über die Autobahn fahren. Plötzlich auch über Bahnhöfe rennen, in der Hoffnung, Anschlusszüge noch zu erwischen, in der Hoffnung, ans Ziel zu kommen – und sich fragen, was wäre, wenn nicht. Sich versehentlich die Hand an Bodenabdeckungen aufschlitzen, eine skurrile Narbe entstehen sehen, sagen: „Wäre sie etwas zackiger, dann könnte ich behaupten, Voldemort wäre hier gewesen.“ Dem niemals angekommenen Hogwartsbriefe hinterhertrauern.

Endlich wissen, an welchen Unis man sich auf jeden Fall bewirbt. Und an welchen nicht.

So viel über Ernährung lesen, dass man entweder am Liebsten eine Milchkuh und einen Gemüsegarten hätte oder nienienie wieder etwas essen würde. Vor allem wegen der fehlenden Transparenz, weil man als Konsument verarscht wird, weil in Cola Fischgelatine enthalten ist. Feststellen, dass gar nichts essen irgendwie auch nicht die Lösung sein kann. Beschließen, dass die Antwort nur lauten kann: Bewusst essen, hinterfragen, in Untiefen wühlen, Lärm machen, nicht mehr hinnehmen, Ernährung mehr sein lassen als Willkür.

Der Ochidee beim Wachsen und Gedeihen zusehen, seit 6 Wochen schon. Jede neue Knospe, jede neue Blüte ein kleines Freudentänzchen um den Fernsehtisch. Überhaupt: Weniger Fernsehen, mehr lesen, mehr unterwegs. Das nächste Leseclubtreffen planen, diesmal in Köln, diesmal sogar in einem Literaturcafé. Zu einer Anti-Atom-Demo fahren, nächstes Wochenende. Ich freue mich.

Recyclingcollegeblöcke kaufen und plötzlich auch Wasser in Glaschflaschen in braunen Kisten. Das fühlt sich nach Kindheit an und nach warmen Sommern und schweren Flaschen, die man manchmal vor Müdigkeit kaum halten könnte. „Nein, danke, ich brauche kein Plastiktüte“ sagen und die peinlichsten Jutebeutel recyclen. Beim Autofahren fast einen Herzinfarkt bekommen, mehrfach, und sich wünschen, irgendwann irgendwo zu wohnen, wo man völlig ohne Auto nicht aufgeschmissen ist, irgendwo wo Züge fahren und Busse und Straßenbahnen und wo all die Menschen sind, auf die man immer gewartet hat. Das Licht auslassen, nicht nur am Earth Day. Petitionen unterschreiben. Sich wünschen, beim Same Sex Handholding mitmachen zu können, aber anderswo eingespannt sein. Den nächsten Blutspendetermin aufschreiben und im Kalender umkringeln. Sich über jeden Fitzel Engagement freuen, auch aus ein bisschen hier, ein bisschen da, viel Überzeugung, kann etwas werden, etwas enstehen, etwas wachsen.

Seit Langem wieder Bücher aus der Bücherei ausleihen und feststellen, dass es dort doch tatsächlich ein paar Schätze gibt. Sich für „Die Mutter des Erfolgs“ von der kranken Chinesin vormerken lassen. Diskussionsposts über Ernährung, Erziehung und Feminismus vorbereiten. Aufgekratzt erste Meinungen im Kopf vorformulieren, sachlich.

Zum Aerobic gehen, endlich wieder. Sich bei der Schrittfolge völlig verheddern, zum Ende der Stunde fast auf der Matte kollabieren, unter einer heißen Dusche den Tag abwaschen und sich sagen: „Ja, heute war wertvoll.“

Am Montag ein Vorstellungsgespräch haben.

Für Ideale in den Krieg ziehen, immer wieder, zunehmend lauter, zunehmend erschöpfter. Sich selbst lächerlich vorkommen und trotzdem weitermachen.

2011, das ist ein Jahr, in dem ich endlich etwas bewege und erlebe, Dinge in die Hand nehme und . 2011, das ist ein Jahr, das bislang alle Erwartungen übertrifft und sämtliche Rekorde bricht. 2011, das ist nicht nur ein Jahr, sondern mein Jahr. 2011 scheint für mich ein Achterbahndauerticket gebucht zu haben – die Loopings jedenfalls sind großartig!

Darüber sprechen. Gerne. Auch mit Fremden, mit Fastfremden, mit Nichtganzfremden. Über meine Ansichten und meine Ziele, meine Projekte und meine Hoffnungen. Weitermachen, nicht aufgeben, sich freuen, scheitern, wieder aufstehen, nochmal versuchen, lachen, Hände schütteln und Umarmungen verteilen, Aufgekratztheit bis zum Mond, Ideale vertreten bis zum Letzten.

Jetzt nur noch auf Sommerregengeruch in der Früh warten, auf Sommerferien und darauf, was geschehen wird, in der nächsten Minute, morgen, bald. Im Moment ist mein Leben wie eine Serie, für die ich das Drehbuch der nächsten Folgen noch nicht kenne. Alles hängt in der Schwebe, die Dialoge sind großartig, die Cliffhanger atemberaubend – aber ich, ich kann gerade mal in Worte fassen, was in dieser Minute passiert. Manchmal, jedenfalls.

(Bild via Riley Alexandra.)

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10 Comments

  1. So toll, dass Du so ein faszinierendes und bewegendes Jahr hast. Noch dazu in so jungen Jahren! Geniess es, solange Du kannst.

    Man weiss nie, wie das Leben spielt.

    Ich denke da gerade an eine Freundin von mir. Die hatte ein bewegtes Leben, war Chefsekretärin. Und dann kam der Absturz, sie wurde schwer psychisch krank. Sie ist eine der wenigen Menschen, die selbst darauf gedrungen haben, eine gesetzliche Betreuung zu bekommen. Insofern hat sie ihr Leben noch „im Griff“. Wenn man das so nennen kann. Denn heute hat sie Betreuung für alles mögliche, nicht nur für ihre Gesundheit. Sie lebt im Heim, in einer Stadt, in der sie kaum jemand bis gar niemand kennt, mit viel Freizeit und keinem Geld. Telefon hat sie zwar, aber sie scheint damit so ihre Probleme zu haben. Selbst wenn sie angerufen wird, sie also nichts bezahlen muss. Anscheinend telefoniert sie sehr ungern.
    Wir, ihre Freunde, besorgen ihr Briefmarken, Briefpapier und Umschläge. Sie freut sich über jeden Brief und jede Postkarte.
    So sieht’s aus.

    Dann das Schicksal von einem aus meinem Orchester. Emeritierter Prof, guter Kerl, hat aber nun eine Art Demenz. Eine Krankheit im Hirn, die macht, dass man immer mehr die Koordinationsfähigkeit verliert.
    Im Konzert gestern hat er sich zurückgehalten, aber in der Generalprobe vorgestern hat er sowas von laut und an den falschen Stellen gespielt, es war schlimm. Und leider fährt er noch Auto, hält sich an seinem Navi fest. Ich denke, er weiss genau, dass ihm das Siechtum blüht.

    Und deswegen: Geniesse dieses Jahr aus vollen Zügen. Es ist so toll, dass Du es haben kannst.

  2. Das klingt gut. Und liest sich zudem auch noch sehr schön. Ich wünsche dir, dass es so bleibt. Besser wird! Ich genieße es sehr, durch dieses Fenster, das dein Blog bietet, zusehen zu können!

  3. du inspirierst mich, machst mich gkücklich und ich freue mich so sehr, dass es dir so gut zu gehen scheint, du deinen Weg findest, oder ihn zumindest versuchst zu finden, dich zu finden, das Leben zu finden, das, was dich interessiert und bewegt verteidigst, tiefer gehst. Redest, über die Dinge, die du wissen willst, die dich interessieren, die dich faszinieren! ❤
    Pass auf dich auf bei Allem, was du tust und genieß die Zeit.
    ❤ Lisa

  4. Das liest sich wirklich wunderbar, es erinnert mich an mich selbst und mein eigenens Jahr. Vielleicht ist es ja das ähnliche Alter und die gleiche Liebe zum Geschriebenen, denn es macht mir wirklich eine Menge Freude, deinen Blog zu verfolgen. Und mich ständig in einzelnen Fetzen wieder zu finden. Viel Glück bei dem Vorstellungsgespräch übrigens, um welche Art von Stelle geht es denn? Liebe Grüße, Clara

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