Alle Personen, die ich jemals getroffen habe.

Ich wurde in einem Kommentar Folgendes gefragt: Mich würde ja interessieren, über wen du schreibst. Irgendwoher musst du doch diese Ideen haben, an irgendwen müssen dich diese Personen doch erinnern. Das wirkt schließlich alles so wahr bei dir. Dieser Beitrag ist ein Versuch, die passende Antwort auf die Frage zu finden, die man beantworten können sollte, wenn man schreibt.

Ich glaube, in meinen Figuren stecken alle Personen, die ich jemals getroffen habe, mit denen ich jemals gesprochen habe, die ich jemals flüchtig im Vorbeigehen wahrgenommen habe, die mir jemals in Cafés aufgefallen sind, die ich jemals lachen und weinen, lieben und leiden, sterben und ihre ersten Schritte habe machen sehen. In meinen Figuren stecken ehemalige beste Freundinnen, Busfahrer, unliebsame Verwandte und die grandiosen, Briefträger, Kellnerinnen mit wippenden Pferdeschwänzen, kleine Kinder, die mich angelächelt haben oder im Supermarkt mit Dingen um sich geworfen haben, erschöpfte Mütter, hysterische Pubertierende, verschlossene Einzelgänger, die sich nicht trauen, ihren Mitmenschen in die Augen zu sehen. Ich bin eine Beobachterin, ich studiere Menschen und nehme sie mit nach Hause, an meinen Schreibtisch, in meinem Herzen. Niemand tritt eins zu eins in einer meiner Geschichten auf, aber ich vermenge all das, was mir tagtäglich begegnet zu neuen Figuren, setze sie zusammen wie eine Patchworkdecke. Jede meiner Figuren wirkt nur so echt, weil sie kein Abziehbild ist und sich an keinem Idealbild orientiert. Keine Figur ist nur gut oder nur schlecht, keine Figur lebt ein Leben, in das ich mich durch das Schreiben hineinzuträumen versuche. Ich schreibe nicht, um mir eine Zuflucht zu kreieren oder Ausflüchte, schaffe keine Heile-Welt-Szenarien oder „Sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage“-Happy-Ends. Beim Schreiben geht es mir darum, Charaktere zu schaffen, in deren Leben es immer ein „Aber“ geben wird. Und ein „Trotzdem“. Charaktere, die leiden und stürzen und glänzen und sich wieder aufrappeln. Charaktere, die mal gewinnen und mal verlieren und deren Geschichten stark davon bestimmt werden, wie sie mit Niederlagen und Siegen umgehen.

Natürlich steckt auch in jedem Text ein bisschen von mir, ein bisschen von meinen Träumen und Wünschen, Ängsten und Abgründen. Vor allem aber, wie oben beschrieben: Meine Art und Weise, Menschen wahrzunehmen. Ihre kleinen Eigenheiten und Besonderheiten. Ich gehe nicht an Menschen vorbei, ich verschmelze nicht mit der Vielzahl an Menschen, die kaum mehr als sich selbst wahrnimmt, sondern drehe mich nach ihnen um, blicke ihnen ins Gesicht, habe ein Gespür dafür, ob da gerade ein glücklicher oder ein unglücklicher, ein angekommener Mensch oder einer auf der Flucht an mir vorbeigeht. Ich brauche Menschen, die verschiedensten, um schreiben zu können, um Geschichten erzählen zu können, die über bloßes Aneinanderreihen von Worten hinausgehen. Ich bin nicht Frankie, nicht Lene, nicht Paul. (Die Charaktere des Buches, an dem ich arbeite.) Aber: Frankie (um die es in dem Text geht, zu dem die obige Frage gestellt wurde) hat meine Lebenslust, die bei Mitmenschen schonmal in den falschen Hals geraten kann, Lene meinen Sarkasmus und den Hang zum Weltschmerz, Paul meinen Drang, sich ständig zu verändern, selbst wenn eigentlich alles gut ist oder zumindest okay – weil er sich fragt, ob da nicht irgendwo noch mehr ist als bloß ‚okay‘. Es wäre fatal, würde ich einen Charakter kreieren, der immer und allgegenwärtig diese drei Eigenschaften mit sich rumschleppt – dann würde ich keine Geschichte mehr erzählen, jedenfalls keine mit ein wenig Distanz und emotionalem Abstand. Vor allem aber, wäre dieser Charakter keine Kreation mehr, sondern ein Abbild. Und mit Abbildern kann man keine Geschichten erzählen.

(Bild via Riley Alexandra.)

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7 Comments

  1. Finde ich stark, dass Du Menschen so beobachten und wahrnehmen kannst.

    Wenn ich so zurückdenke, meine Zeit im Gymnasium. Meine Familie. Da waren Scheuklappen gefragt (die ich eigentlich nicht habe). Damals habe ich so viel entschuldigt. Dass das, was ich da sehe, eigentlich ja gar nicht so ist (ich hatte mich an meine Familie angepasst).

    Tja, heute lebe ich anders. Aber dieses Beobachten von Menschen, diese Gabe fehlt mir doch. ( Oder ich habe sie noch nicht an mir entdeckt.)
    Das ist etwas, was mir an Schriftstellern – auch an Songschreibern – so gefällt. Dieses Beobachten und gleichzeitige Annehmen.

  2. Wow, das ist ja mal eine Ehre: So eine ausführliche Antwort auf meine Frage! Vielen Dank dafür! Das ist ziemlich aufschlussreich und interessant. Und irgendwie total klug! Vor allem dieser Teil „Keine Figur ist nur gut oder nur schlecht“… Der ist prima 🙂 Hut ab vor so viel Weisheit!

  3. ich glaube, du hast soeben in worte gefasst, was ich meinen freunden seit jahr und tag zu erklären versuche.

    das in jeder meiner figuren ein bisschen von mir steckt, ein bisschen von ihnen, ein bisschen realität, ein bisschen fiktion und ein bisschen von dem, was sie ganz einzigartig macht.

    danke.

  4. Wenn ich Schriftstellerin wäre, hätte ich nie den Mut gehabt, auf so einer Frage zu antworten.

    @Violine Menschen beobachten kann jeder, nur die meisten wissen nicht, dass sie es können.

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