Wie im richtigen Film – Oliver Wnuk.

Wie im richtigen Film von Oliver Wnuk
252 Seiten, zeitgenössische Literatur
erschienen am 10. März 2011

„Papa?“
„Hm?“
„Schläft du?“
„Hm.“

„Machst du noch mal Licht an?“
Knips.
Luca beugt sich über meinen Kopf hinweg zur Nachttischlampe und schaut direkt in die Glühbirne.
Ich liebe den Geruch, der in ihrem Pyjama nistet. So müffelig rosig.
„Und jetzt wieder ausmachen“, ordnet sie an und läss sich zurückplumpsen.
Knips.
„Und? Wie viele Glühwürmchen siehst du?“, frage ich.
„Ganz viele.“

„Papa?“
„Hm?“
„Ich will ans Meer.“
„Aha… Na, vielleicht nächsten Sommer.“
„Au ja. Fahren wir nächsten Sommer ans Meer? Mit der Mama?“
„Vielleicht eher mit der Clara.“
„Ich will aber mit der Mama.“
„Ich glaube, das geht nicht.“
„Warum nicht?“
„Weil dann die Clara traurig ist … und der Steffen bestimmt auch.“
„Okay … dann mit dir alleine.“
„Okay … und warum nicht mit der Clara?“
„Weil dann die Mama traurig ist.“
„Das glaube ich nicht.“
„Das glaube ich schon.“
„Schlaf jetzt.“

„Papa?“
„Hm?“
„Wann ist Sommer?“
„Noch zweihundert Mal schlafen, ungefähr.“

„Papa?“
„Hm!?“
„Machst du noch mal Licht an?“
„Nein!“

(Seite 9-10, Prolog)

Inhalt: Der Schauspieler Oliver Wnuk wechselt gefühlvoll in die Rolle des Autors und schreibt über den modernen Mann in all seinen Rollen: als Vater und Sohn, als Kumpel und Partner – eine außergewöhnliche Liebeserklärungsgeschichte. Liebe, die Sorgen macht, heißt Familie.
Der nicht mehr blutjunge Schauspieler Jan hat sich bei einer Gala schwer angetrunken schwer daneben benommen, und die Boulevard-Presse druckt am nächsten Tag ein peinliches Foto. Jans Alzheimer-kranker Vater erkennt ihn darauf, nur im wahren Leben nicht, seine Tochter malt es im Kindergarten mit Buntstiften nach, seine Exfrau hält ihn für ein Nichts , und seine Freundin will reden. Jan, der Familienmensch, wäre gern für alle da und doch am liebsten einfach mal allein. Denn wer viele Rollen spielt im Leben, vergisst vielleicht irgendwann nicht nur seinen Text, sondern auch sich selbst. Und so geht Jan mitten im Leben auf die Suche nach dem Sinn des Liebens.
Der beliebte Schauspieler und ehrliche Romantiker Oliver Wnuk erzählt in seinem ersten Roman eine Liebeserklärungsgeschichte für und über unsere Zeit.

Meinung: Oliver Wnuks Debütroman hat mich weggefegt. Sprachlich, inhaltlich, das Gesamtkonzept. Die Melodie, die in Wnuks Worten mitschwingt ist unverkennbar, ist ehrlich und unverblümt, emotional und authentisch, trifft genau auf den richtigen Fleck. „Ich habe diese Frau [Clara] nicht gesucht, sie ist mir einfach passiert“, so beschreibt der Hauptprotagonist Jan beispielsweise, wie gewaltig das mit seiner Freundin Clara und ihm eigentlich eigentlich ist. Jan, der Ich-Erzähler, ist ein mittelprächtig erfolgreicher Schauspieler, der mit der weitaus erfolgreicheren Schauspielerin Clara liiert ist. Mit seiner Ex-Freundin Anne hat er eine fünfjährige Tochter und er hat immer noch ein wenig daran zu knabbern, dass sie als Familie gescheitert sind. Auch weitere Familienmitglieder treten in Erscheinung, beispielsweise sein alzheimerkranker Vater, der ihn nicht mehr erkennt – außer, er sieht seinen Sohn auf einem Foto in der Tageszeitung, das ihn kotzend beim Fernsehpreis zeigt. Auch wenn man beim Schildern dieser Episode fast annehmen möchte, dass Wnuk die Erkrankung des Vaters herunterspielt, komödiantisch oder unsensibel mit ihr umgeht: Er tut es nicht. Ich habe so viel in seinen Schilderungen über das Verhaltens von Jans Vater am eigenen Leib erlebt, bei meiner Oma beobachten können. Man merkt: Wnuk hat recherchiert, ihm liegt viel daran, eine authentische Geschichte zu schreiben.

Sein Hauptprotagonist Jan ist sympathisch, aber auch ein wenig hoffnungslos. Der geborene Antiheld. Einer, der fast zum Scheitern geboren scheint. Im Vergleich zu anderen Antihelden der Gegenwartsliteratur lässt Wnuk seinen Jan an keiner Stelle als bemitleidenswerten Vollhorst darstellen, sondern erzählt seine Geschichte ohne viel Pathos, lässt seinen Hauptprotagonisten immer nur so tief in der Scheiße stecken, dass er sich da noch erhobenen Hauptes rauslavieren kann. Gehen mir sonst Antihelden schnell auf die Nerven, wirken mir zu weinerlich und kraftlos, ist Jan glaubwürdig und überzeugend, da er an den richtigen Stellen weiß, wann es geboten ist zu Handeln, Dinge in die Hand zu nehmen. Besonders die Szenen mit seiner Tochter haben mir sehr gut gefallen, wie er sich auf sie einlässt, versucht die Welt durch ihre Augen zu sehen. Das Ende des Buches mag ein klein wenig zu dick aufgetragen gewesen sein, ein wenig zu vorhersehbar, aber das ist durchaus verzeihlich, betrachtet man das Gesamtbild, das der Roman hinterlässt.

„Wie im richtigen Film“ hat mich restlos überzeugt, gut unterhalten und war ein absoluter Leckerbissen für zwischendurch. Keine tiefschürfende Literatur, aber ein Buch, das es versteht, seinen Leser zu packen, zum Schmunzeln zu bringen. Ein Buch über und für unsere Generation.

Ein paar Worte auch noch zum Hintergrund des Autors: Oliver Wnuk ist selbst Schauspieler, dürfte den meisten als Ulf aus Stromberg ein Begriff sein. Und für die Bunte-Leser: Er ist der Freund von Yvonne Catterfeld. Auf den ersten, oberflächlichen Blick hätte ich Wnuk so ein umwerfendes Buch gar nicht zugetraut, nachdem ich mich aber genauer mit seiner Person auseinandersetzte, musste ich feststellen, dass er neben der Schauspielerei bereits für Theater, Kabarett und Hörfunk geschrieben hat. Schön, dass dieses Buch, in dem er lässig mit vielen Klischees hinsichtlich der Welt der Schauspieler, der Reichen und Schönen, spielt, auch die Aufmerksamkeit auf seine Tätigkeit als Autor lenkt. Schreiben, das kann er nämlich auch sehr gut.

Leise autobiographische Untertöne finden sich in der Geschichte übrigens auch wieder: Oliver Wnuk hat, genau wie sein Protagonist Jan, eine Tochter aus einer früheren Beziehung, lebt mit einer in Deutschland relativ erfolgreichen Schauspielerin zusammen (ob Yvonne Catterfeld genau wie Clara erfolgreicher ist, darüber möchte ich jetzt nicht urteilen) und es ist ihm, ebenfalls eine Parallele zu Jan, verhasst, wenn Journalisten versuchen, sein Privatleben auszuspionieren. (Wnuk in einem Interview bezüglich Homestories: „Es gibt immer wieder Anfragen der Boulevardpresse, und wenn wir denen nichts erzählen, dann erfinden sie halt was.“) Vielleicht ist „Wie im richtigen Film“ auch so gut geworden, weil es ein sehr persönlicher Roman ist.

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