Der Sommer ohne Männer – Siri Hustvedt

Der Sommer ohne Männer von Siri Hustvedt
297 Seiten, zeitgenössische Literatur
erschienen am 11. März 2011

Bald, sagen Sie, werden wir an einen Pass oder eine Weggabelung kommen. Dort ist dann ACTION. Dort ist mehr als die Personifizierung eines sehr geschätzten, alternden Penis, mehr als Mias ausschweifende Exkurse über dieses oder jenes, mehr als Präsenzen und Niemande und erfundene Freunde oder Tote oder Pausen oder abwesende Männer, Herrgott nochmal, un eine dieser alten Damen oder Mädchen-Dichterinnen oder die sanfte junge Nachbarin oder die fast vier Jahre alte Version von Harpo Marx oder sogar der winzige Simone wird etwas TUN. Und ich verspreche Ihnen, sie werden es. Da köchelt etwas, o ja, da köchelt ein Hexeneintopf. Ich weiß es, weil ich es erlebt habe. Aber bevor ich darauf zu sprechen komme, möchte ich Ihnen, dem freundlichen Menschen da draußen, sagen, dass, wenn Sie jetzt hier bei mir auf dieser Seite sind, ich meine, wenn Sie bis zu diesem Absatz gekommen sind, wenn Sie nicht aufgegeben haben und mich, Mia, nicht im hohen Bogen durchs Zimmer geworfen haben, oder, selbst wenn, Sie sich dennoch fragen, ob nicht bald etwas passiert, und wenn Sie mich wieder aufheben und weiterlesen, dann möchte ich die Hände nach Ihnen ausstrecken und Ihr Gesicht in beide Hände nehmen und es mit Küssen bedecken, Küsse auf Ihre Wangen und Ihr Kinn und über Ihre ganze Stirn und einen auf den Rücken Ihrer (jeweils unterschiedlich geformten) Nase, weil ich die Ihre bin, ganz die Ihre.
Ich wollte nur, dass Sie das wissen.
(S. 152)

Inhalt: «Eine Weile nachdem er das Wort Pause ausgesprochen hatte, drehte ich durch und landete im Krankenhaus. Die Pause war eine Französin. Natürlich war sie jung, und ich vermute, dass Boris schon lange scharf auf seine Kollegin gewesen war, bevor er sich auf ihre signifikanten. Bereiche stürzte …» Von einer der großen Denkerinnen der US-Literatur: ein erfrischend frecher, geistreicher und amüsanter Roman über den sogenannten Geschlechterkrieg. «Die intellektuelle Demut und die Wissbegier sind Siri Hustvedts Schwestern.» DIE ZEIT

Meinung: Unglaublich, aber wahr: „Der Sommer ohne Männer“ war mein erster Roman von Siri Hustvedt. Was für ein Skandal, hat sie mich doch so sehr mitgerissen und begeistert. „Der Sommer ohne Männer“ erzählt die Geschichte der verlassenen Dichterin Mia, irgendwo in den Fünfzigern, die sich in ihren Geburtsort zurückzieht, nachdem ihr Mann Boris beschlossen hat, eine „Pause“ einzulegen. Nach einem kurzen Nervenzusammenbruch, inklusive Aufenthalt in der Psychiatrie, beschließt Mia, Abstand zu allem gewinnen zu wollen.

Zurück in ihrer Heimatstadt bezieht Mia ein Ferienhaus, verbringt viel Zeit mit ihrer Mutter, die ihr Geschichten aus ihrer Vergangenheit erzählt, lernt die Freundinnen ihrer Mutter kennen, die verschiedener nicht sein könnten, entwickelt zu ihrer jungen Nachbarin, die im ständigen Clinch mit ihrem Ehemann liegt und zwei kleine Kinder hat, eine Bindung, leitet sieben junge Mädchen beim Gedichteschreiben an. Mir gefällt es, wie Hustvedt Menschen beschreibt, wie sanft und poetisch, und wie kraftvoll ihre Geschichten dabei dennoch sind. Sie schreibt über gescheiterte und scheiternde Liebe, über die Bindung zwischen Müttern und Töchtern, über Frauen, die versuchen auszubrechen, über junge Mädchen, die sich gegenseitig mobben. Dabei wirkt Hustvedt sehr souverän, ihre Bereitschaft, sich auf ihre Charaktere einzulassen, ist unübersehbar. Einzig und allein Boris, dem Ehemann der Hauptprotagonistin, hätte sie ein wenig mehr Tiefe verleihen können, obgleich er in den größten Teilen des Buches durch Abwesenheit glänzt.

Weniger zugesagt hat mir auch der E-Mail-Kontakt der sich zwischen Mia und einem gewissen „Niemand“ entspinnt. Meiner Ansicht nach ist dieser Handlungsstrang überflüssig, völlig aus dem Kontext gerissen und führt zu keiner wirklichen Erkenntnis, zu keinem Ziel. Stattdessen beschleicht einen als Leser der Eindruck, dass Siri Hustvedt an dieser Stelle demonstrieren möchten, wie groß ihr Wissen hinsichtlich Philosophie, Psychologie und Naturwissenschaft doch ist. Dieses Sichbrüsten hätte Siri Hustvedt gar nicht nötig, die Sprachgewalt, die ihr zueigen ist, vermochte mich schon mehr als ausreichend zu fesseln, ebenso wie die Geschichte, die sie rund um ihre Hauptprotagonistin Mia und die anderen auftretenden Charaktere wob.

Insgesamt hat mich „Der Sommer ohne Männer“ aber überzeugt und bewegt, einige schöne Stellen sind im Gedächtnis geblieben, die Geschichten hatten einen gewissen Nachhall. Siri Hustvedt ist ein Buch gelungen, das perfekt ist für den Sommer – ob nun mit oder ohne Männer.

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2 Comments

  1. Dann solltest du dringend „Was ich liebte“ lesen, nach möglich natürlich auf Englisch. Das ist wahnsinnig gut. „Sorgen eines Amerikaners“ krankt dagegen an dem von dir Beschriebenen: Dass Hustvedt immerzu mit ihrem Wissen prahlt.

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