Lieber Mischa – Lena Gorelik.

Lieber Mischa … der Du fast Schlomo Adolf Grinblum geheißen hättest, es tut mir so leid, dass ich Dir das nicht ersparen konnte: Du bist ein Jude von Lena Gorelik
184 Seiten, zeitgenössische Literatur
erschienen am 2. März 2011

Wie ist es, als Jude in Deutschland zu leben? Alle reden von Normalität, aber Normalität ist, wenn man diese Frage nicht mehr stellen muss. Vielleicht sind wir ja eines Tages so weit. Vielleicht wirst Du ja eines Tages sagen: „Mama, was für ein Blödsinn! Ich wurde das noch nie gefragt!“, und mir fällt kaum etwas ein, was mich mehr freuen würde. Wir sind eine neue Generation, Du noch mehr als ich. Ich werde mit Dir über den Holocaust sprechen und mit Dir trauern und mir dann die Zeit nehmen und Dir noch viele andere Dinge aus der jüdischen Geschichte erzählen, denn stell dir vor, sie fing nicht 1933 an und hörte nicht 1945 auf. (S. 181)

Inhalt: Lena Gorelik gehört der neuen Generation junger Juden in Deutschland an, die sich über ihre Zukunft, nicht über ihre Vergangenheit definieren wollen. Dazu passt perfekt, dass sie gerade Mutter geworden ist: In ihrem neuen Buch erklärt Lena Gorelik ihrem Sohn nicht nur präventiv, wie er sich später einmal ihrer mütterlichen Fürsorge entziehen kann. Sondern auch, warum bei Festen immer viel geweint wird, obwohl seine Eltern nicht gläubig sind. Warum sein Großvater lieber Sudokus macht als in der Thora liest. Warum er auf seine Nase und seine Ohren stolz sein kann. Wie er die Weltherrschaft erlangt, auch wenn er kein Rothschild ist. Wie er es auf die Liste der 10 coolsten Juden der Welt schafft und wie er sich Leute charmant vom Leib hält, die mit Leuchten in den Augen sagen: Waas, du bist wirklich Jude?!

Meinung: Ein herrlich unverkrampftes Buch hat Lena Gorelik geschrieben. Ein Buch, das einen zum Schmunzeln bringt, zum lauten Auflachen, zu Kicheranfällen, die besonders in öffentlichen Verkehrsmitteln von Mitfahrern als bedenklich eingestuft zu werden scheinen. Ein unverkrampftes Buch über das Judentum, das Judesein, geht das denn überhaupt? Wegen der Geschichte, aus Pietätsgründen? Und überhaupt?! (…) Natürlich geht das. Vor allem auch, weil Lena Gorelik selbst Jüdin ist.

Lena Gorelik ist nicht wirklich mit den jüdischen Traditionen aufgewachsen. Sie wurde in der ehemaligen Sowjetunion geboren, kam 1992 als ‚Kotingentflüchtling‘ mit ihrer Familie nach Deutschland und hat erst zu diesem Zeitpunkt begonnen, sich wirklich mit ihrer Religion auseinanderzusetzen, zur Gebetsschule zu gehen, mit ihrer Familie Feiertage „auszuprobieren“. Sie beschreibt all diese Erlebnisse mit einem Augenzwinkern – und formuliert ihre Erlebnisse, ihre Lebensgeschichte, als eine Gebrauchsanweisung für ihren kleinen Sohn Mischa, eine Gebrauchsanweisung für das, was ihn mal erwarten wird: Das Judentum. Sie versucht ihm in Briefform, gespickt mit lustigen Randbemerkungen, nahezubringen, was das Judentum für sie bedeutet, was nervt, was toll ist – und gibt Mischa so alles mit auf den Weg, was für sie wichtig ist und es eines Tages vielleicht auch mal für ihn sein wird. Sie verspricht ihm, keine typische jüdische Übermutter zu werden, lässt sich über Konvertiten aus, denen sie mit gesunder Skepsis entgegentritt, da viele so übereifrig sind und sie der Meinung ist, dass es sehr schwer, wenn nicht sogar unmöglich ist, ein „echter“ Jude zu werden, wenn man nicht von Geburt an der Religion zugehörig war. Sie listet erfolgreiche Juden auf und setzt sich mit dem Thema Antisemitismus auseinander, auf das sie laut eigener Aussage ständig angesprochen wird – was sie oftmals als sehr lästig empfindet. Ebenso wie Abende im jüdischen Museum es manchmal sein können, da nur die jüdischen Anwesenden über ihre Witze lachen, die anderen allenfalls hinter vorgehaltener Hand leise kichern, weil sie das Gefühl haben, dass Lachen aus Geschichtsgründen einfach völlig unangebracht sei. Dabei will Lena Gorelik so nicht verstanden werden, sie will nicht nur anhand der Vergangenheit anderer Juden beurteilt werden, da es ihr wichtig zu betonen ist, dass das Judentum so viel mehr zu bieten hat, als nur eine schreckliche Geschichte während des zweiten Weltkriegs.

Lena Gorelik hat einen sehr angenehmen, ironischen, pointierten Schreibstil – und hat ein bisschen bestätigt, dass viele Klischees, mit denen in der 90er-Jahre-Sitcom „Die Nanny“, die ich unglaublich grandios finde, gearbeitet werden, der absoluten Wahrheit entsprechen: Anstrengende Verwandte, obskure Feiertage, laute Stimmen, Männer mit Glatze, überbesorgte Mütter.

Lena Gorelik ist ein optimistisches, lebensfrohes, mitreißendes, spannendes Buch gelungen, das mir viel über das Judentum beigebracht hat. Dinge, die die Schule versäumt hat, da sie das Judentum meistens nur im Zusammenhang mit dem zweiten Weltkrieg thematisiert, niemals unverkrampft, unabhängig davon. Wie schade das ist, hat Gorelik mir aufgezeigt. Absolute Leseempfehlung für alle, die eine gesunde Portion Humor vorweisen und das Judentum mal auf eine völlig andere Art und Weise kennen lernen wollen.

„Lena Gorelik verfügt über die Gabe, ihr Publikum zum Lachen zu bringen und ihm dabei rasch und professionell das Herz zu brechen.“ Hannes Stein, Die Welt, 26.03.2011

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