Fehlende Kommata.

Selbst in der SMS, die du mir schriebst, nachdem ich gegangen war, besaßest du noch die Frechheit, mir das Gefühl zu vermitteln, der Fehler läge bei mir. Du vermitteltest mir das Gefühl, ich wäre nur durch dich jemand, dabei wusste ich an diesem Montag im Juli endlich, dass ich nur ohne dich jemand sein konnte.

du wirst noch sehen dass du einen riesigen fehler gemacht hast. aber wenn du dann angekrochen kommst dann bin ich nicht mehr zu haben.

Dass es sinnlos war, mich über fehlende Kommata und mangelnden Einsatz der Großschreibtaste aufzuregen, das hatte ich bereits am Anfang unserer Beziehung begriffen. Deine Arroganz, die erkannte ich erst jetzt, mit ein wenig mehr emotionalem Abstand. Wer liebt, der ist nicht in der Lage zu reflektieren. Eigentlich weiß ich nicht einmal, ob ich jetzt dazu in der Lage. Da sind immer noch die Fotos von diesem Uns, das es nun nicht mehr gibt. Weil ich mich dagegen entschieden habe, weiterhin der illusorischen Idee eines Uns nachzuhängen. Da sind immer noch die Gerüche, die mich an dich erinnern. Wenn ich dein Rasierwasser an einem anderen Mann rieche. Manchmal klingt einem Lachen deinem sehr ähnlich, obwohl das eigentlich gar nicht sein kann. Manchmal benutzt jemand eine Formulierung, die du gerne benutzt hast. „Das kommt nicht in die Tüte“ zum Beispiel, oder „So läuft der Hase“. Dann, in diesen schwachen Momenten, erinnere ich mich wieder daran, was ich damals an diesem Uns gefunden habe, warum du mir gefallen hast. Was mich so lange hat bei dir bleiben lassen, obwohl ich zu dem Menschen wurde, der ich niemals werden wollte: Zu meiner Mutter. Und du, du warst wie mein Vater, du warst wie dieser Mensch, der in einer Frau Besitz sah, einen Gebrauchsgegenstand, jemanden, der in der Hierarchie weiter unten steht. Du warst der Mann, den ich niemals lieben wollte und dem ich all das durchgehen ließ, wogegen ich daheim rebelliert hatte. Ich glaubte ja nicht einmal, dich ändern zu können. Zu keinem Zeitpunkt. Irgendein kranker Teil von mir, Gefühle und Hormone nehme ich an, wogen deine Stärken gegen deine Schwächen ab und kamen zu dem irrationalen Schluss, dass deine Stärken überwiegen würden. Dabei war ich in Mathe niemals schlecht. Dabei wusste ich, dass etwas an dieser Rechnung faul war. An dir war etwas faul, aber mit dir hatte eben auch die rosarote Brille in mein Leben Einzug gehalten. Also fiel das Ergebnis lange zu deinen Gunsten aus. Lange, aber nicht für immer.

Ich habe mich in dich verliebt und das nicht weiter hinterfragt. Ich habe mich zu der Frau an deiner Seite machen lassen, alle in unserer Beziehung getroffenen Kompromisse lagen bei mir. Du hattest einen neuen Job – fein, dann zog ich eben mit dir um. Du wolltest ein Haus kaufen – fein, dann wohnte ich eben künftig da. Du wolltest heiraten – fein, dann heirateten wir eben. Ich war wie Kautschuk und du formtest mich komplett um, ohne dass ich etwas dagegen unternommen hätte. Obwohl ich, im Vergleich zu Kautschuk, etwas hätte tun können. Nein sagen, zum Beispiel. Aufwachen. Oder einfach den Versuch unternehmen, Angelegenheit so zu lösen, dass wir uns irgendwo in der Mitte getroffen hätten. Bei dem Versuch wäre ich gewiss aufgewacht: Eine Mitte gab es für dich nicht. Dein Weg oder keiner. Deine Vorstellung von Uns oder gar keine. Mein Ja oder dein Nein. Geld und Ansehen: Du. Haushalt, Küche, Schmuckstück: Ich. Du warst großzügig und aufmerksam, du warst charmant und vermitteltest mir das Gefühl, dass wir gleichberechtigt seien – solange es lief, wie du wolltest. Solange war alles okay. Die seltenen Momente, in denen ich nein sagte, dienten dir als Vorlage für Erpressungen, da du wusstest, wo ich angreifbar: In meiner Liebe zu dir. Die Angst dich zu verlieren knüpfte mich so eng an dich, dass ich mehr darüber nachdachte, dir zu gefallen, als mich zu fragen, wer ich eigentlich sein wollte.

Wann ich den Mut fand dich zu verlassen? Und warum? Eigentlich ist das eine Geschichte, die mich völlig erbärmlich und lächerlich dastehen lässt, eine Geschichte, die nur einer Frau passieren kann, die in eine Falle gegangen ist: In die der Abhängigkeit. Du hattest vergessen, mir das Haushaltsgeld auf mein Konto zu überweisen. An der Supermarktkasse konnte kein Geld abgebucht werden. Bargeld hatte ich nicht dabei. Du hast keine Ahnung, wie peinlich dieser Moment für mich war, wie demütigend, wie erbärmlich. Und wie erleuchtend. Ich fragte mich plötzlich, wie Liebe mein Verhalten rechtfertigen kann. Oder vielmehr: Ob überhaupt. Der Schluss, zu dem ich kam, war schmerzhaft und so eindeutig, wie keiner zuvor.

Mit ein bisschen Abstand kann ich ein Bild finden, das ganz gut beschreibt, wie das mit uns war, warum unser Wir zum Scheitern verurteilt war: Weil uns nicht fehlende Kommata trennten, sondern ein ganzes Wörterbuch.

(Bild via shoothead,
gefunden über Creative Commons)

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2 Kommentare

  1. Ob’s Fiktion ist oder nicht – sehr schön zu lesen. Bin seit über 4 Jahren getrennt und seit 2 Jahren auch geschieden und kann vieles bestens nachvollziehen. (Und auch wenn es ein Klischee ist – Beziehungen scheitern vordergründig oft an Sex oder Geld…*g*).
    Alles Liebe!

  2. „Ich habe mich in dich verliebt und das nicht weiter hinterfragt.“ Das klingt, als sollte man Liebe hinterfragen und dieser Text macht deutlich, dass das besser gewesen wäre, aber macht dir Idee, dass nicht mal mehr Liebe etwas ist, auf das man sich blind verlassen kann, keine Angst? Oder war das, was das lyrishe Ich und ihr Mann hatten, dann nicht das, was ich „Liebe“ nenne? Na ja, ich mag den Text. Vielleicht solltest du „Das Schmuckstück“ mit Catherine Deneuve sehen.

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