Acht Wochen verrückt – Eva Lohmann.

Acht Wochen verrückt von Eva Lohmann
208 Seiten, zeitgenössische Literatur
erschienen im Februar 2011

Wo ist der Anfang vom Faden? Gibt es einen Anfang? Oder zieht sich die Traurigkeit durch mein ganzes Leben?
Auf dem Weg in mein Zimmer komme ich an den Postfächern vorbei. In meinem Fach liegt schon ein Zettel. Darauf stehen meine Termine für die nächsten sechs Wochen. Einzeltherapie, autogenes Training, Massage und Gymnastikstunde. Kein Termin geht länger als eine Stunde. Ich habe im Schnitt etwa zwei Termine am Tag. Und den Rest der Zeit?
Kein Weckerklingeln, kein Frühstückmachen, kein Arbeitsweg, kein Smalltalk mit Kollegen, keine Arbeit, keine Meetings, keine E-Mails, kein Feierabendverkehr, kein Einkaufen, keine Rechnungen durchsehen, kein Friseurtermin, keine Kinoverabredung, kein Weckerstellen. Ich beschließe, erst mal wieder ins Bett zu gehen.
(S. 36)

Inhalt: »Der Tag, an dem ich in die Klapse komme, ist ein Donnerstag« – so beginnt Eva Lohmanns autobiographischer Roman: Ihre Heldin Mila ist müde, unendlich müde und traurig. Dabei ist sie noch keine dreißig. Aber der Jobfrisst sie auf, und der Sinn ihres Daseins ist ihr aus dem Blick geraten. Mit Depression und Burnout wird sie in eine psychosomatische Klinik eingewiesen, auch wenn das bei ihren ambitionierten Eltern alles andere als populär ist und nicht nur bei ihrem Freund eine gewisse Beängstigung auslöst. Denn niemand von denen, die an einen solchen Ort kommen, ist doch normal, oder? Aber wie verrückt ist Mila eigentlich? Und kann man unter lauter Kranken überhaupt den Weg zurück ins richtige Leben finden?»Acht Wochen verrückt«, der so unverstellte wie pointierte Roman über das Verrücktsein in normierten Zeiten. Von einer Erzählerin, deren scharfe Beobachtungsgabe niemanden verschont.

Meinung: Nicht einmal einen Tag habe ich für „Acht Wochen verrückt“ gebraucht, so sehr hat es mich begeistert. In „Acht Wochen verrückt“ begleiten wir die siebenundzwanzigjährige Mila bei ihrem Aufenthalt in einer psychosomatischen Klinik. Mila leidet an Depressionen, nimmt zu viele Schmerzmittel, ist total ausgelaugt und weiß nicht mehr weiter, ihr Job macht sie unglücklich, im Privatleben ist sie passiv geworden. Sie weiß, dass es so nicht weitergehen kann, wie es weitergehen soll, das kann sie aber auch nicht sagen – und hofft, es in der Klinik herauszufinden.

In der Klinik begegnet sie den unterschiedlichsten Menschen, Menschen, die sie auf der Straße vermutlich nur mit einem befremdeten Blick gemustert hätte, Menschen, mit denen sich ohne die Klinik ihre Wege niemals gekreuzt hätten. Anfangs fühlt sie sich ein wenig einsam und nicht zugehörig, nach und nach wird sie aber Teil einer „Clique“, lebt sich ein, macht sich auf die Suche nach den Ursachen für ihre Probleme, hat genug Mut, sich auf eine Konfrontation mit ihren Eltern einzulassen, die auch eine gewisse Mitschuld daran tragen, dass sie so geworden ist, wie sie ist: Irgendwie Mangelware, angeknackst, verloren, überfordert.

Mila ist eine sympathische, ironische Hauptprotagonistin, die Geschichte, die die Autorin in Ich-Perspektive verfasst hat, ist es ebenso: Sympathisch, ironisch, wahr und aufrüttelnd. Diese Erschöpfung, die Mila seit Monaten mit sich herumschleppt, kennen wir das nicht auch ein wenig? Überlasten wir uns selbst nicht auch alle? Setzen uns zu hohe Maßstäbe, scheitern an unseren Erwartungen? Reden uns ein, dass wir nur für das liebenswert sind, was wir erreichen? Ich denke, dass das, was Mila passiert, ein Abbild dessen ist, was das Problem unserer Generation ist: Dass wir nicht nein sagen können, dass wir nie gelernt haben, uns zu genügen, mal eine Pause zu machen, uns auszuklinken. Wir sind immer erreichbar, immer auf Abruf, das Handy klingelt, die E-Mails prasseln auf einen ein – und irgendwann, da können wir dann vermutlich einfach nicht mehr.

Mir hat es gefallen, wie unverkrampft sich Eva Lohmann brisanten Themen annähert, dass sie es geschafft hat, trotz aller Trostlosigkeit und all des Leides noch Hoffnungsschimmer aufglimmen zu lassen, dass sie es dem Leser ermöglicht, über diverse Passagen zu schmunzeln. „Acht Wochen verrückt“ mag vielleicht keine große Literatur sein, aber es ist ein Buch, das einen nicht mehr loslässt, das Wahrheiten beinhaltet und auch ein wenig aufrüttelt. Man merkt Lohmann an, dass sie weiß, wovon sie schreibt – der Roman hat einen autobiographischen Hintergrund. Man darf allerdings hier keinen Erfahrungsbericht oder gar Ratgeber erwarten. Mila kennt auch zum Ende des Buches, zum Ende ihres Aufenthaltes in der Klinik, noch längst nicht alle Antworten, hat immer noch Probleme, aber sie hat wenigstens ein Punkte gefunden, an denen sie ansetzen kann, ihr Leben wieder in glücklichere Bahnen zu lenken.

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