Endzeit – Liz Jensen.

Endzeit von Liz Jensen
395 Seiten, Thriller
erscheint am 1. April 2011

Früher einmal, denke ich, pflanzten Könige Eichen, die hundert Jahre später gefällt werden sollten, um daraus Kriegsschiffe zu bauen. Sie wussten, dass sie die Flotten niemals selber sehen würden, aber darum ging es auch nicht: es ging um Visionen. Was ist aus uns geworden? Wie kann es sein, dass wir, die wir über Ozeane fliegen, zu anderen Planeten rasen, unter der Erde graben und aus der Ferne töten können, dass die Atomspalter, Antibiotika-Entdecker, Computermodell-Berechner, Kunstherz-Transplanteure, Schöpfer genmanipulierter Pflanzen und Erbauer von Skipisten in Dubai keine fünf Minuten über ihre eigene Lebenszeit hinausblicken können? (S. 350)

Inhalt: In der Hitze eines gnadenlosen Sommers versucht die Psychotherapeutin Gabrielle, nach einem Autounfall wieder in ihrem Beruf Fuß zu fassen. Aber dann weist man ihr ausgerechnet die 16-jährige Bethany als Patientin zu. Bethany hat auf grausame Weise ihre Mutter umgebracht. Sie ist gewalttätig, manipulativ – und sie behauptet, sie könne Katastrophen vorhersehen. Gabrielle tut das als Symptom von Bethanys psychischer Erkrankung ab. Doch dann treten genau die Unglücksfälle ein, die Bethany prophezeit hat. Ist es möglich, dass tatsächlich die Apokalypse bevorsteht, eine letzte Katastrophe, die eine vom Konsumwahn verblendete Menschheit endgültig in den Abgrund stürzen wird?

Meinung: Vielleicht liegt es daran, dass ich mir völlig falsche Vorstellung von „Endzeit“ gemacht habe, etwas anderes nach dem Lesen des Klappentextes erwartete. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass ich das Werk von Liz Jensen nur bedingt weiterempfehlen würde.

„Endzeit“ präsentiert sich auf dem Buchrücken als ein „apokalyptischer Thriller“ – ein Thriller, den man nie wieder vergessen wird. Diesem Anspruch wird das Buch allerdings nicht gerecht. Ich hatte mir im Vorfeld einige Gedanken zu „Endzeit“ gemacht, weil ich eine Liebhaberin von dystopischen Filmen und Serien bin, literarisch aber noch nie mit dem Thema in Berührung gekommen war. Ich erwartete ein Buch, das seinen Leser in eine Welt im Ausnahmezustand entführt, ein Buch, das von Plünderungen und Gewalt, Angst und Hysterie, Krankheiten und Armut, Chaos und Klimakatastrophen erzählt, ein Buch, das Angst macht und wachrüttelt. Wachrüttelt, dass uns solch ein Schicksal auch blühen könnte, wenn wir nicht endlich aufwachen und aktiv werden, uns dafür einsetzen, dass die Welt zu einem besseren Platz wird. Stattdessen beschäftigt sich das Buch mit dem Davor, also mit dem Herausfinden, dass die große, allumfassende Katastrophe naht. Natürlich: Es werden Erdbeben und Tsunamis erwähnt, aber eigentlich nur am Rande, fast schon wie eine Fußnote. Die Hauptprotagonistin, Psychologin und Ich-Erzählerin Gabrielle Fox, die keine sonderlich sympathische Zeitgenossin zu sein scheint, befindet sich bis zum letzten Kapitel nicht einmal in der entfernten Nähe einer Gefahr – sie verfolgt sie nur im Fernsehen, in den Nachrichten. Wirklich auf sie aufmerksam wird sie auch erst, als ihre neue Patientin, Bethany, ein Mädchen, das seine Mutter erstochen hat, auf den Tag genau besagte Katastrophen vorhersagt und Gabrielle irgendwann nicht mehr an reinen Zufall glauben kann. Bis die Katastrophe auch Gabrielles Umfeld betrifft, ist das Buch auch fast schon an seinem Ende angelangt, wir werden mit etwas, das sich böse nach einem Cliffhanger anfühlt, zurückgelassen und fragt sich ein wenig verdattert: ‚Wie? Das war es jetzt schon? Jetzt, wo es gerade spannend wird? Wo endlich die versprochene Apokalypse da ist?‘ Es mag sein, dass die Autorin einen zweiten Teil plant – sollte dies nicht der Fall sein, hat sie den Leser jedenfalls komplett an der Nase herumgeführt, was das Genre betrifft.

Vor allem hat es mich gestört, wie sehr man als Leser mit den Befindlichkeiten der Privatperson Gabrielle Fox belästigt wird – ich habe mich beim Lesen zum Teil wie in jedem durchschnittlich gelungenen Frauenroman gefühlt, die ich mit 13 verschlungen habe. Gabrielle hat mehr private Tragödien durchmachen müssen, als man seinem ärgsten Feind wünscht. Sie sitzt im Rollstuhl, hat mehrere geliebte Menschen verloren, ihr Selbstwertgefühl ist praktisch nicht existent – obwohl sie dafür eigentlich eine recht große Klappe hat. Viel Raum nimmt auch ihre Beziehung zu dem Physiker Frazer Melville ein. Ein Gedanke, der mich wirklich verfolgt: Warum, zum Teufel, nennt sie ihn in ihren Erzählungen bloß im ganzen Buch bei Vor- und Nachnamen, welchen Effekt hat sich die Autorin nur davon versprochen? Für mich kreierte sie durch diese sprachliche Distanz zu „dem Physiker“ irgendwie eine wenig glaubwürdige Beziehung. Als kindisch, unreif und sehr störend empfand ich auch ihren Eifersuchtsanfall, den sie, aus voreilig gezogenen Schlüssen, im Mittelteil des Buches aufs Parkett legt. Eine Psychologin sollte doch eigentlich gelernt haben, sich konfrontativ mit Problemen auseinanderzusetzen, ihre Ängste auszusprechen. Stattdessen verhält sie sich wie die zweifelhafte Heldin eines Nackenbeißerromans.

Die zweite Heldin des Buches, die gestörte Bethany, hat mir schon eher zugesagt, sie wirkte nicht so verstockt wie Gabrielle, legte ein paar Facetten mehr an den Tag. Sie hat ein glaubwürdiges Ende gefunden, ein besseres jedenfalls, als Gabrielle.

Auch Kirche, Religion und verschiedene Weltanschauungen spielen in „Endzeit“ eine große Rolle – das hat mir eigentlich ganz gut gefallen, auch wenn man das vielleicht etwas differenzierter hätte darstellen können. Weil Bethanys Vater Pfarrer ist, lag der Fokus natürlich sehr stark darauf, der Showdown am Ende war zwar überraschend, wirkte aber auch ein wenig gezwungen und konstruiert.

Der Schreibstil hingegen ist angenehm, wodurch sich das Buch als leicht lesbar gestaltet, hin und wieder greift Jensen allerdings etwas zu tief in die Tüte der „abgenutzen Phrasen“, die von ihr bemühten Bilder und Metaphern entwickeln fast schon etwas Küchenpsychologisches.

„Endzeit“ erhält von mir 2,5 von 5 möglichen Punkten – kein absoluter Fehlgriff, aber auch kein Buch, das sich besonders hervorgetan hat, das im Gedächtnis bleibt und einen dazu anregt, weitere Werke der Autorin kaufen zu wollen. Wer ein leicht verdauliches Buch als Gute-Nacht-Lektüre sucht, der kann getrost zu „Endzeit“ greifen. Wunder sollte man allerdings nicht erwarten.

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4 Comments

  1. Na toll. Und was habe ich mir heute gerade für teuer Geld gekauft?!? 😉

    Wenn Du auf Endzeit-Visionen stehst, wäre vielleicht „Der Übergang“ von Justin Cronin was für dich. Ist allerdings als Trilogie angelegt. Die anderen beiden Teile kommen nächstes und übernächstes Jahr in den Handel, aber ich habe den ersten Teil mit Wonne verschlungen.

    1. Oh je, jetzt habe ich dir das Buch madig gemacht. Aber Geschmäcker sind ja verschieden und ich habe durchaus einige positive Stimmen zu dem Buch vernehmen können.

      Von „Der Übergang“ habe ich schon gehört, ich werde es mir mal näher ansehen, danke für den Tipp. (Wäre vielleicht was für die Sommerferien, weil ich mich meine zu erinnern, dass das ziemlich dick ist? Mehr als 1000 Seiten?)

      1. Jaaaa. Es hat viele, viele Seiten. Ich bin eher ein Freund der dicken Bücher. Da ist der Genuss nicht so schnell vorbei ;).

  2. Huhu Mirka,

    hast du die Milleniumtrilogie von Stieg Larsson gelesen oder die Filme gesehen? Ich finde, sie könnten in deinen Lesegeschmack hineinpassen zumal sie eine sehr starke Gesellschaftskritik üben. Stieg Larsson selbst hat sich damit ein Denkmal gesetzt und außerdem noch einmal auf sein Anliegen aufmerksam gemacht. Daher finde ich diese Bücher besonders empfehlenswert und auch die Verfilmung ist wunderbar gelungen.

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