Herznovelle – Julya Rabinowich.

Herznovelle von Julya Rabinowich
157 Seiten, zeitgenössische Literatur
erschienen am 7. Februar 2011

Bernhard kommt mich nicht mehr besuchen. Meine Eltern nehmen ihm das nicht übel. Meine Mutter rennt als Hamster im Familienrad zwischen allen Beteiligten hin und her und klopft diplomatische Sprüche aus dem hundertjährigen Kalender. (S. 141)

„Wenn Sie mit sich im Reinen bleiben, richtet sich Ihr Leben ins Positive ein“, sagt Grinsekatze. Ich bin nicht im Reinen, sondern im Arsch. (S. 143)

Inhalt: Eine Frau wird von ihrem Mann ins Krankenhaus gebracht, zu einer Herzoperation. Die beiden wirken wie Schlafwandler, keiner scheint den anderen wahrzunehmen. Nach einer erfolgreichen Operation kehrt sie schon nach wenigen Wochen nach Hause zurück. Doch schon bald plagen sie Träume, in denen sie mehr lebt als in ihrem realen Leben. Sie findet in den Alltag vor ihrer Operation nicht mehr zurück. Im Krankenhaus begibt sie sich auf die Suche nach dem Herzspezialisten, ihrem Lebensretter, der ihr Herz berührt hat. In der deutschsprachigen Literatur der Gegenwart ist Julya Rabinowich eine neue Stimme, die aufhorchen lässt. „Herznovelle“ ist ein Text über die große Sehnsucht nach einem Leben vor dem Tod.

Meinung: Ein bisschen auf die Nerven gegangen ist sie mir ja schon, die namenlose Ich-Erzählerin, die Julya Rabinowich uns in „Herznovelle“ vorgesetzt hat. Sie ist unzufrieden, anstrengend, vielleicht sogar gestört, entwickelt sich im Verlauf der Geschichte immer mehr zur Stalkerin, überschreitet eigene Grenzen, aber auch die des guten Geschmacks.
Alles beginnt damit, dass eine nicht mehr ganz so junge Frau, besagte Ich-Erzählerin, sich am Herzen operieren lässt, da ihr Herz unregelmäßig schlägt, hin und wieder aussetzt. Sie wird von ihrem Mann Bernhard, von Rabinowich als Langweiler und Spießer karikiert, dem seine Frau nach und nach, mit zunehmendem Wahnsinn, über den Kopf wächst, ins Krankenhaus gebracht und nach der Operation ist nichts mehr wie zuvor. Der Arzt, der ihr das Leben gerettet hat, geht ihr einfach nicht mehr aus dem Kopf – er hat „ihr Herz berührt“. Erst verfolgt er sie nur in ihre Träume, dann kann sie ihn auch im wachen Zustand nicht mehr loslassen, muss ihn kennen lernen, will ihm nah sein, verfolgt, zwingt sich ihm auf. Ihre Obsession geht so weit, dass sie ihre Tabletten nicht mehr nimmt, um erneut Herzprobleme zu haben und von „ihrem“ Arzt behandelt zu werden. In ihr altes Leben, ein Leben, in dem sie längst nicht mehr glücklich gewesen zu sein scheint, findet sie nicht mehr wirklich zurück, es erscheint ihr schal und ohne Sinn und Zweck – befreit von ihrer Krankheit will sie diese große Mehr; oder zumindest: ein Anders. An einigen Stellen ist es nicht ganz einfach zu unterscheiden, ob wir es mit einer Traumpassage zu tun haben oder mit etwas, das tatsächlich geschieht, die Übergänge sind hier sehr fließend und weich gewählt. Dass, wie angepriesen, Herznovelle „ein Text über die große Sehnsucht nach einem Leben vor dem Tod“ ist, kann ich nur bedingt unterstützen. Die Hauptprotagonistin mag diese Sehnsucht haben, aber sie unternimmt letztlich nichts, um sich von den Fesseln ihres Lebens zu befreien, stattdessen führt sie sich auf wie eine verblende, verliebte Teenagerin, die ihrem großen Idol in Hotellobbies auflauert.
Lobenswert hervorzuheben ist allerdings Rabinowichs Schreibstil: Sehr bildhaft, sehr drastisch, dem überzogenen Verhalten der Hauptprotagonistin mit ausufernden Satzkonstrukten angemessen. Sehr schön sind auch die lyrischen Passagen, die eingeflochten sind in die Erzählungen der Kranken.
Was mich hauptsächlich gestört hat, waren die Stellen, an denen die Hauptprotagonistin sich in solche Extreme bewegte, dass mir, als Leser, die Geschichte regelrecht konstruiert vorkam, zu überzeichnet, zu unzeitgemäß. Die Ich-Erzählerin wird so unemanzipiert dargestellt, ihr Glück wird so sehr auf einen Mann projiziert, dass es mir, als emanzipierter, moderner Frau ganz schlecht wird. Auch das Ende, dem man immerhin zugestehen muss, dass es recht offen formuliert ist, bricht daraus nicht aus, im Gegenteil: Die Ich-Erzählerin verharrt weiterhin, wartend, dass das Leben zu ihr kommt. Sich selbst aufzurütteln, von der Passivität zu befreien, das scheint nichts für sie zu sein. Sie steckt fest und tut nichts dagegen.
Eine abschließende Empfehlung zu formulieren fällt mir nicht ganz leicht. Es gab Passagen, durch die ich mich förmlich durchquälen musste, vor allem, als die Obsession der Hauptprotagonistin immer offensichtlicher und kindischer wurde, Anfang und Ende habe ich hingegen am Stück weggelesen, haben mir auch zum größten Teil gefallen. Wer experimentelle Bücher mag, Bücher, die ein Abbild sind von unserem Scheitern und unseren Abgründen, wer auch Bücher mit unsympathischen Hauptprotagonisten zu schätzen weiß, der soll sich an „Herznovelle“ versuchen und wird es mögen. Wer mit solchen Büchern auf Kriegsfuß steht, sollte sich lieber für etwas Positiveres entscheiden. Ich selbst gehöre eigentlich zur Gruppe ersterer, habe mich aber am dargebrachten Frauenbild – obwohl von einer Frau verfasst! – gestoßen, was meiner Faszination für die schöne Sprache aber keinen Abbruch getan hat.

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