Umzingelt von tickenden Zeitbomben.

Japan stand immer auf der Liste in meinem Kopf, auf der Liste mit faszinierenden Ländern, die ich in meinem Leben bereisen würde. Die japanische Kultur hat immer etwas in mir ausgelöst, etwas, das mich dazu brachte, sie erforschen zu wollen. Ich wollte nach Tokio und ich wollte endlich lernen, wie Origami funktioniert. Ich wollte herausfinden, ob in Japan wirklich so viele Menschen Yoko heißen wie in meiner Vorstellung und einen Japaner fragen, ob Yoko tatsächlich „Kind des Meeres“ bedeutet, ob das wirklich der perfekte Zweitname für meine Tochter wäre, eines fernen Tages.

Aber so wie es aussieht werde weder ich je nach Japan reisen können, noch meine Tochter, noch sonst irgendjemand. Ich habe zwar nicht sonderlich viel Ahnung von Physik und Chemie, von Atomkraft und von allen Abläufen, aber was ich weiß: Wenn es wirklich zum Äußersten kommt, dann werden alle Japaner vermutlich ihre Heimat verlieren, aus ihrer Heimat evakuiert werden müssen. Die, für die es nicht schon längst zu spät ist.

Ich glaube, dass vor allem die emotionalen, psychischen Folgen für die Japaner unglaublich groß sein werden. Wagen wir mal ein Gedankenspiel, eines der beklemmenden Art, der „Hoffentlich, um Himmels Willen, hoffentlich, muss ich das nienieniemals durchmachen“-Art.

Stellt euch vor, ihr wüsstet, dass eine Katastrophe über unsere Heimat hereinbrechen wird. Stellt euch vor, dass wir alle vor die Wahl gestellt würden: Unsere Heimat verlassen oder sterben. Stellt euch vor, dass euer Lebenswille groß genug wäre, um zu sagen: „Ich gehe fort, ich gehe ins Ungewisse.“ Stellt euch vor, ihr hättet nur ein paar Stunden, vielleicht einen Tag, um eure wichtigsten Sachen zusammenpacken, um euch in Panik und Angst, in Wut und Verzweiflung, in Hysterie und Unglauben darüber klar zu werden, was von eurem Hab und Gut, was von euren Erinnerungen es wert ist, in ein neues Leben, in ein Land, dessen Kultur ihr nicht versteht, dessen Sprache ihr nicht sprecht, in ein Leben fern jeder Sicherheiten und Perspektiven. Stellt euch vor, dass ihr all das, was euch etwas bedeutet, in einen Koffer packen müsst. Euer ganzes Leben, in einen einzigen Koffer. Fotoalben und der Laptop, die Lieblingsbücher und -serien, alte Tagebücher, das erste Stofftier, die wichtigen Papiere, die, durch die wir uns ausweisen können, die aber nichts über unsere Geschichte verraten, die, durch die wir nicht viel mehr sind als eine Nummer, einer von vielen. Ich bin kein sonderlich materieller Mensch, aber bei dem Gedanken, all meine Herzenssachen in einen Koffer packen zu müssen, meine Kindheit, meine Jugend, das macht mir Angst, das lässt mir Tränen in die Augen steigen.

Und dann: Stellt euch vor, dass ihr selbst schuld seid an all dem. Dass ihr das kreiert oder zumindest nicht bekämpft habt, das euch nun euer Leben ruiniert, euch eure Identität stiehlt, euch den Boden unter den Füßen wegzieht. Stellt euch vor, dass das Monster, vor dem ihr weglauft, das, das euch außer Kontrolle geraten ist, aus Menschenhand kommt, aber nicht von Menschenhand aufgehalten werden kann. Stellt euch vor, dass die Apokalypse mittlerweile weit mehr ist als eine Idee, die in Filmen zum Leben erweckt wird. Stellt euch vor, dass ihr vielleicht sterben müsstet, nur weil ihr nicht aufgehorcht habt, nur weil ihr nicht Stellung bezogen und protestiert habt, nur weil ihr nicht zur richtigen Zeit am richtigen Ort war um gegen das Falsche Einspruch zu erheben.

Unser Leben geht weiter, während in Japan die größte Katastrophe zu geschehen scheint, die ich in meinen 18 Lebensjahren miterleben musste. Wir sind geschockt von den Bildern und den Zeitungsartikeln, von den Radionachrichten und den Diskussionen, die wir über das Unglück führen, klar. Wir sind geschockt, das so etwas möglich ist, aber: „Japan ist so weit weg. Wir sind kein Erdbebengebiet. Hier ist doch alles viel sicher.“ Mit solchen Argumenten versuchen wir uns zu trösten. Mit solchen Argumenten versuchen wir zu verdrängen, dass wir umzingelt sind von Atomkraftwerken. Dass wir umzingelt sind von tickenden Zeitbomben. Wie lange werden wir noch verdrängen können? Wie lange wird das, was ich in diesem Artikel versucht habe zu karikieren, nicht mehr als nur ein Gedankenspiel sein? Wie lange müssen wir noch auf ‚unser‘ Japan warten?

(Bild mindfulness,
gefunden über Creative Commons)

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3 Comments

  1. Ich bin immer sehr beeindruckt davon, wie du solche Gedanken in Worte fassen kannst. Wie du Bilder vor meinem geistigen Auge erschaffen kannst.

    Diese Szenerie, die du da schilderst, ist furchtbar. Ich könnte mir auch nicht vorstellen, all mein Hab und Gut zusammengewürfelt in einen Koffer zu stecken, meine Vergangenheit hinter mir zu lassen und alles, was mir sonst noch wichtig ist, aber nicht in einen Koffer passt.

    Es ist wirklich langsam an der Zeit aufzuhören zu beten und anzufangen etwas zu tun.

  2. Mir geht’s da im Moment ähnlich wie dir – ich kriege die Bilder und Gedanken nicht aus meinem Kopf, aber ich glaube, dass ist auch richtig so.
    Japan ist vielleicht zerstört und auf jeden Fall wird Fukushima genauso wie Tschernobyl ist unseren Geschichtsbüchern stehen. Wir werden Japan IMMER mit dieser Katastrophe in Verbindung bringen. Das tut weh. Wegen der Menschen dort und weil Ostasien so verdammt faszinierend ist. (Fange so oder so nächstes Jahr an Ostasienwissenschaften zu studieren – vielleicht dann nicht mit Japanologie, sondern Sinologie als Hauptfach.)

    Der Drang etwas zu bewegen ist jetzt bei vielen groß. Umdenken. Neue Ideale. Aber ich habe im Moment tierische Angst, dass es vielleicht schon zu spät ist. Nicht nur für Japan.

  3. Vor paar Jahren – um genau zu sein ist es jetzt 8 Jahre her – mussten wir das Buch „Die Wolke“ in der Schule lesen. Ich sah nur dieses komische Zeichen auf dem Cover und stellt mir bildlich Gifte vor. Dann las ich es. Das Buch war erschreckend. Aber selbst als ich das Buch durch hatte, konnte ich mit 14 Jahren noch nicht ganz begreifen, was Atomkraft ist. Wie kann denn eine Wolke „giftig“ sein? Es regnet Gift vom Himmel. Wie geht das? Sowas gibt es doch nicht wirklich oder?

    Und wenn es das wirklich gibt, wieso bauen Menschen sowas?

    Ich kann die Frage nicht beantworten und werd es auch nie können. Die Begründungen „Es sei effektiv/billig“ und „Es gäbe momentan keine andere Möglichkeit“ gehen nicht in meinen Kopf. Das Einzige, was ich daraus höre ist: „Geld. Geld. Geld.“ Die Welt ist grausam. Alleine die Reaktionen mancher Menschen auf die Katastrophe in Japan war mehr als beängstigend!

    Ich fragte Kollegen bei meinem Praktikum in einer sozialpädagogischen Praxis. Ihnen war es egal, was da passiert. „Ich hab kein Bezug zu dem Land“. „Die sind daran doch selbst Schuld“. „Ich finde es viel schlimmer, wenn ein Kind vergewaltigt wird“. Oder im Internet: „Es passieren doch jeden Tag Katastrophen.“ „Es sterben doch tagtäglich auch Menschen in Afrika“ „Das ist die Rache für Pearl Habor“.

    Unfassbar. Mir fehlen die Worte.

    Und die ganze Zeit habe ich dann gedacht „Wie denkt Mirka über diese Situation?“ Und du hast es einfach beschrieben, wie es nicht besser geht. Du vermittelst deine Gedanken so gut, findest so passende Worte dafür und jeder Idiot müsste doch wenigstens nach deinem Text hier verstanden haben, WARUM so eine große Aufregung um Japan herrscht.

    Am 11 März habe ich geweint. Am 12. März habe ich geweint. Dann saß erstmal nur der Schock. Am 15. März habe ich wieder geweint um Japan und dann dacht ich mir, dass das den Leuten dort auch nicht weiterhilft. Ich habe gespendet und hoffe, dass das Geld in Hilfsmittel investiert wird. Ich liebe dieses Land. Ich liebe die japanische Mentalität. Ich liebe sie dafür, dass sie mir so viel Kraft gaben. Durch ihre Trickfilme habe ich immer an Gerechtigkeit geglaubt und werde immer dafür kämpfen. Für Liebe und Gerechtigkeit… Ich wollte nach Japan reisen, so wie du. Und von heute auf morgen ging es unter. Es ist untergegangen. Die brauchen es nicht um mir herum verharmlosen. Es ist einfach so. Es ist schrecklich. Und es ist enttäuschend, wie die Menschen einfach nicht daraus lernen wollen. Wie vielen es eigentlich egal ist. Ich finde das zum kotzen. Gäbe es nicht noch Menschen wie dich oder meinen Freund / Freunden, wüsste ich echt nicht, was ich noch in dieser scheiß Welt zu suchen hätte.

    Am meisten tut mir eigentlich nur Eins leid: Die Natur.

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