Tschick – Wolfgang Herrndorf.

Tschick von Wolfgang Herrndorf
253 Seiten, zeitgenössische Literatur
erschienen am 17. September 2010

„Wenn du nicht willst.“ Er kicherte. Und das brachte mich endgültig aus dem Konzept. Wenn er aufgelegt hätte oder rumgeschrien, das hätte ich verstanden, nachts um vier. Aber dass er sich die ganze Zeit amüsierte und uns seine Hilfe anbot – alter Finne. Seit ich klein war, hatte mein Vater mir beigebracht, dass die Welt schlecht ist. Die Welt ist schlecht, und der Mensch ist auch schlecht. Trau keinem, geht nicht mit Fremden und so weiter. Das hatten mir meine Eltern erzählt, das hatten mir meine Lehrer erzählt, und das Fernsehen erzählte es auch. Wenn man Nachrichten guckte: Der Mensch ist schlecht. Wenn man Spiegel TV guckte: Der Mensch ist schlecht. Und vielleicht stimmt das ja auch, und der Mensch war zu 99 Prozent schlecht. Aber das Seltsame war, dass Tschick und ich auf unserer Reise fast ausschließlich dem einen Prozent begegneten, das nicht schlecht war. Da klingelte man nachts um vier irgendwen aus dem Bett, weil man gar nichts von ihm will, und er ist superfreundlich und bietet auch noch seine Hilfe an. Auf so was sollte man in der Schule vielleicht auch mal hinweisen, damit man nicht völlig davon überrascht wird. Ich war jedenfalls so überrascht, dass ich nur noch rumstotterte. (Seite 208-209)

Inhalt: Ein klappriges Auto kam die Straße runtergefahren. Es fuhr langsam auf unser Haus zu und bog in die Garagenauffahrt ein. Eine Minute stand der hellblaue Lada Niva mit laufendem Motor vor unserer Garage, dann wurde der Motor abgestellt. Die Fahrertür ging auf, Tschick stieg aus. Er legte beide Ellenbogen aufs Autodach und sah zu, wie ich den Rasen sprengte. ‹Ah›, sagte er, und dann sagte er lange nichts mehr. ‹Macht das Spaß?›“
Mutter in der Entzugsklinik, Vater mit Assistentin auf Geschäftsreise: Maik Klingenberg wird die großen Ferien allein am Pool der elterlichen Villa verbringen. Doch dann kreuzt Tschick auf. Tschick, eigentlich Andrej Tschichatschow, kommt aus einem der Assi-Hochhäuser in Hellersdorf, hat es von der Förderschule irgendwie bis aufs Gymnasium geschafft und wirkt doch nicht gerade wie das Musterbeispiel der Integration. Außerdem hat er einen geklauten Wagen zur Hand. Und damit beginnt eine Reise ohne Karte und Kompass durch die sommerglühende deutsche Provinz, unvergesslich wie die Flussfahrt von Tom Sawyer und Huck Finn.

Meinung: Vielleicht gibt es kein besseres Buch für den März, für die ersten wärmeren Tage nach einer langen Zeit der Kälte und des Frierens, der Sehnsucht nach dem Sommer. Vielleicht gibt es kein besseres Buch für unsere Generation, für die, die immer noch auf der Suche sind, für die, die keine Antworten finden können, weil sie nicht einmal wissen, wie man die Frage formulieren soll.

„Tschick“ mag nicht die Antworten auf all unsere Fragen liefern – aber es regt zum Nachdenken an, es lässt einen Schmunzeln und bringt einen zum Lachen, an manchen Stellen zeichnet sich auch eine federleichte Melancholie ab, die einen rührt. Genauso, wie einen der äußerst charmante Erzählstil des 14jährigen Hauptprotagonisten Maik von der ersten Seite an in seinen Bann zieht. Herrndorf ist es gelungen, das Buch in einem autentischen Tonfall zu erzählen, man glaubt sofort, dass der Hauptprotagonist 14 ist, es fällt einem leicht, die Welt durch seine Augen zu sehen, man erinnert sich daran, wie man mit 14 war oder gerne gewesen wäre. Nach „Tschick“ hat man zumindest eine essentielle Frage im Kopf: „Wo sind meine Grenzen? Wie weit kann ich mit Mut und Willen kommen?“ Die Antworten, die gibt uns nicht „Tschick“,  die müssen wir selbst finden. Vielleicht brauchen wir, um Antworten zu finden, ebenfalls einen solch atemberaubenden Sommer wie Maik und Tschick, die auf ihrer Reise die schillerndsten Persönlichkeiten treffen, mehrfach verunglücken, vor der Polizei fliehen, schließlich an einem Schweinetransporter scheitern. Tschick und Maik, die am Anfang nicht mehr als zwei Fremde waren, die zufällig in die gleiche Klasse gingen. Ohne zu tugendhaft oder schwülstig zu wirken, beinhaltet „Tschick“ auch eine Lektion. Eine Lektion über Freundschaft und Ehrlichkeit, Mut und Wagemut, eine Lektion darüber, dass es völlig okay ist anders zu sein, manchmal ein wenig am Teenagersein zu zerbrechen, sich jeden Tag neu zu erfinden.

Natürlich ist das Abenteuer, das Tschick und Maik in diesem einen Sommer erleben nicht wirklich realistisch – aber gerade das macht die Geschichte aus. Die Absurdität und die Frage, die sich langsam im Kopf bildet: „Was, wenn man mit 14 wirklich so weit zu gehen versucht hätte – wäre man damit wohl so weit gekommen wie die beiden?“ Ich denke nicht, dass ich mit 14 so weit gekommen wäre, dass ich mich so viel getraut hätte, aber: Das hätte Maik zu Beginn des Buches, vor diesem einen Sommer, auch nie für möglich gehalten. Weil auch Maik von sich glaubte, eher langweilig zu sein, nicht der geborene Abenteuer. Das 253 Seiten starke Buch, das viel zu schnell vorbei war, beweist uns das Gegenteil.

„Tschick“ ist eines dieser Bücher, das ich, sobald es als Taschenbuch erschienen ist, zu gegebenen Anlässen zahlreich verschenken werde. „Tschick“ ist ein Roman für Jung und Alt – die Jungen werden eine spannende, fesselnde Geschichte vorfinden, die etwas Älteren werden die Lektion, die Bedeutsamkeit des Ganzen verstehen und vielleicht auch ein wenig daran denken, wie das eigentlich war: Dieses Jungsein.

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6 Comments

  1. Ich wollte mir das Buch ohnehin schon kaufen, wäre das nicht der Fall gewesen, hätte mich deine Rezension allerdings davon überzeugt, dass ich’s unbedingt tun muss! 🙂 Sehr schön geschrieben.

  2. Ich bin selbst noch jugendlich und verstehe diese Lektionen auch, die du erwähnst. Nicht nur Erwachsene sehen eine Moral in Büchern. 🙂 Das Buch regte mich an mein Leben zu geniessen und nicht zuzusehen wie es an mir vorbeirauscht. 🙂

  3. Ja, ein virtuoses Stück über Jugend und Altsein, bevor man alt geworden ist. Schöne, kleine Szenen über Schule, Alltag und Familienkram. – Die oben zitierte Stelle über die „Welt ist schlecht“ oder auch nicht … ist so grauslich schön, wenn ich daran denke, dass sich Herrndorf die brutalstmögliche Kugel geben musste und kein Schwein von Arzt oder Seel-Sorger da war, der ihm einen sanften Suizid ermöglichte. Nein: Die Welt ist nur schön in f i c t i o n!

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