Ausnahmezustand. Immer noch.

Eine Kiste mit Büchern, eine Kette und eine Tasse. Das ist es, was übrig bleibt von dir. Das ist es, was ich mir ausgesucht habe, als ich heute in deiner Wohnung war, die eigentlich gar nicht mehr deine Wohnung ist, genauso, wie du eigentlich gar nicht mehr meine Großmutter warst, als du gegangen bist.

Ich bin kein materieller Mensch. Ich hänge nicht an Dingen – oder vielmehr: An den wenigstens. Ich hänge vielmehr an Erinnerungen. An den flüchtigen Momenten, irgendwo abgespeichert in meinem Gedächtnis. An Fotos, an Texten, die ich geschrieben habe – um zu verarbeiten, zu vergessen und um eines Tages mit voller Wucht zu erinnern. Ich will mir keine Gedanken darüber machen, wer den Kronleuchter bekommt und wer den Wohnzimmertisch, wer den Fernseher und wer das gute Service. So ein Mensch bin ich nicht. Ich bin einer dieser Menschen, denen der bloße Gedanke an eine riesengroße Villa voller Dinge Angst macht. Ich bin einer dieser Menschen, die ihr Geld gerne auf der Bank hortet und dann nicht weiter darüber nachdenkt. Es gab mal eine Zeit, da habe ich von einer dieser großen Stadtvillen geträumt und von einem recht teuren Lebensstil, aber je älter ich werde, desto klarer wird mir: Ich bin Minimalistin. Und wenn es eines gibt, das ich wirklich haben möchte, dann ein glückliches Leben. Eines, das mich erfüllt. Das kann man nicht kaufen. Und auch nicht erben. Natürlich brauche ich Geld, um dieses Glück ermöglichen zu können, aber ich verspreche mir von Geld nicht Glück. Das ist ein Unterschied. Ich brauche Geld, um meine Ausbildung finanzieren zu können und diese Ausbildung ist mir wichtig, um mich selbst verwirklichen zu können. Selbstverwirklichung gehört für mich essentiell zu einem glücklichen Leben dazu. Und ich glaube, dass ich erst eine gute Mutter sein kann, wenn ich mich selbst gefunden und verwirklicht habe, dass ich erst dann fähig bin, mich auf eine ernsthafte Partnerschaft, auf eine, die hält, einzulassen. Geld ist für mich ein Faktor, der eine Rolle spielt, aber niemals das Ziel. […]

Du bist jetzt schon zweieinhalb Monate tot und jetzt wird dir auch langsam deine Wohnung folgen. Die, in der wir so viele Stunden gemeinsam verbracht haben. Die, in der ich als Kind so oft deinen Kartoffelsalat gerochen habe. Die, in der es sich manchmal ein bisschen so anfühlte, als wäre die Zeit stehen geblieben. Die, in der ich mich manchmal fragte, was wohl aus mir geworden wäre, wenn ich zu deiner Zeit und unter deinen Umständen erwachsen geworden wäre. Bei diesem Gedanken wurde mir immer ganz anders. Weil in mir eine unglaubliche Emanze wohnt. Weil ich den Gedanken kaum ertrage, dass eine Frau ’nur‘ das Anhängsel eines Mannes zu sein hat, keinen Führerschein oder Beruf hat, ihr Leben nicht einfach in die Hand nehmen könnte. Wie ich oben schrieb: Selbstverwirklichung, das ist für mich vielleicht das Wichtigste im Leben.

Du hast mich fasziniert, auf deine ganz eigene Art und Weise. Manchmal war es anstrengend, manchmal war ich zu dickköpfig, vor allem, als ich noch jünger wurde. Ich habe dich immer als kranke, gebrechliche Frau wahrgenommen, was so, so schade ist. Ich hätte dich gerne früher gekannt, ich hätte dich gerne auf einer ganz anderen Ebene und unter anderen Umständen kennen gelernt. Aber ich weiß auch, dass wir vermutlich keine guten Freundinnen geworden wären, wenn wir gleich alt gewesen wären. Die Gläubige und die Kirchenkritikerin. Die begabte Hausfrau und Handarbeiterin und die recht karriereorientierte Ungebundene. Die, die an alten Werten und Normen festhält und die, die sich vorstellen kann, eine Frau zu lieben. Wir hätten uns vermutlich die Köpfe eingeschlagen, aber: Ich bin ein konfrontativer Mensch. Und du bist das, trotz allem, auch irgendwie immer gewesen.

Zweieinhalb Monate und es ist alles immer noch so surreal. Ich habe oft immer noch das Gefühl, dass du bald einfach nur aus einem langen, langen Urlaub zurückkommst. Weil die Frau, die ich in ihren letzten Monaten und Wochen begleitet habe, kaum noch an die Frau erinnerte, die so lange meine Großmutter war. Manchmal hatte ich das Gefühl, eine völlig andere, völlig fremde Frau zu begleiten. Manchmal hatte ich das Gefühl, dass das eigentlich die Oma anderer Enkel ist. Aber ich weiß, dass du das warst. Die Frau, die unglaublich leckeren Erdbeerboden gemacht hat und die Familie zusammengehalten hat. Ich weiß, dass du gegangen bist. Dass du nie wieder zurück kommst.

Zweieinhalb Monate und es fühlt sich immer noch ein bisschen an, als befände ich mich in einem Ausnahmezustand.

(Bild via.)

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7 Comments

  1. Verfolge deinen Blog schon seit längerem, aber dieser Text bewegt mich das erste mal zu einem Kommentar…
    Hat mich sehr berührt und in vielen Punkten an die Situation erinnert, als meine Großmutter von heute auf morgen gestorben ist. Das ist mittlerweile schon einige Jahre her, aber auch heute noch kommen die Erinnerungen manchmal total unvermittelt und heftig, so dass ich von jetzt auf gleich anfangen könnte zu heulen.
    Ich kann das leider nicht so schön und treffend in Worte fassen wie du, deswegen danke für diesen Text, der mir in vielen Punkten aus der Seele spricht!

  2. Es ist sehr schwer dir zu schreiben. Ich weiß nicht einmal, ob du eigentlich dazu Kommentare lesen möchtest, denn keine Worte der Welt könnten dich jetzt trösten, weil es deine Großmutter auch nicht zurück bringen würde.. Trotzdem mag ich gerne mit dir reden. Auch wenn es gerade nur einseitig ist und wahrscheinlich auch so bleiben wird.

    Vielleicht liest du es dir ja durch.. und es lenkt dich ab. Vielleicht fühlst du dich dann nicht mehr so allein mit den ganzen Schmerzen in dir. Vielleicht.

    Ich denke sehr oft über den Tod nach. Eigentlich sollte man es nicht tun, aber er schleicht überall um uns herum, also wie soll man es dann schaffen ihn zu ignorieren? Kann man nicht. Auch wenn die Gesellschaft ihn gerne vertuscht und Münder geschlossen bleiben. Ich kann ihn auch nicht begreifen. Niemand kann das. Er gehört leider dazu, auch wenn ich das nicht aktzeptieren mag. Wahrscheinlich lässt mein biologisches Alter das noch nicht zu.

    Mein Uroma starb im Oktober letzten Jahres. Ich habe mit niemanden darüber bisher geredet. Aber ich habe viel darüber nachgedacht. Über Sie. Über meine anderen Vorfahren. Die Angst überkam mich, dass die Menschen, die ich liebe, etwas passiert und ich ahne, dass bald meine kränklichen Großeltern dahinscheiden könnten. Ich schenkte ihnen zu Weihnachten extra ein Buch, wo sie mir alles über ihr Leben aufschreiben sollten. Sie haben es auch getan und ich habe viele Sachen über sie erfahren, die ich vorher nicht wusste. Was mir dabei bewusst geworden ist, wie schön es ist, dass man sie in Erinnerung behalten kann. Man kann es festhalten. Und den eigenen Kindern später von ihnen erzählen. Das Wichtige daran ist wirklich nicht so schnell vergessen zu werden. Klar wird sich in 150 Jahren niemand mehr an uns Einzelnen erinnern, aber es ist doch schön, wenn man selbst noch ein bisschen in der Familie bleibt. Und wüsste deine Großmutter, was du momentan für sie tust und wie sehr du sie liebst, wäre sie unglaublich stolz auf dich. Und gerührt.

    Ich habe mich eine zeitlang sehr mir der asiatischen Kultur beschäftigt. Sie schätzen und verehren ihre Vorfahren sehr. Und sie schreiben, dass man im Moment des Sterbens darauf zurückblickt, wie oft man geliebt hat und wie sehr man geliebt wurde/wird. Und das ist der springende Punkt, den ich dir beipflichten mag:

    Auch wenn du dich traurig und leer fühlst, so fülle diese Leere stetig mit Liebe, die dich umgibt. Deine Freunde überschütten dich mit Liebe. Deine Eltern lieben dich. Vielleicht ist auch ein Junge heimlich in dich verliebt, wovon du nichts ahnst. Lass die Liebe zu. Genieße jeden Tag, der dir selbst noch verbleibt. Und sage dir selbst, dass du deine Großmutter liebst und sie immer im Hrzen mit dir trägst. Denn dort stirbt sie nie.

  3. Liebe Mirka,

    bisher bin ich dir nur bei Twitter gefolgt und muss sagen, dass du es auch in 140 Zeichen eine wunderbare Ausdruckskraft hast. Ich wünschte, ich könnte mich auch nur annähernd so differenziert mitteilen. Was ich jedoch hier zu lesen bekam, fasziniert mich, weil du doch sehr private Eindrücke in deine Gefühlswelt gibst. Gratulation, du bist mutig.
    Gerade für diesen Blogpost möchte ich dir danken. Momentan bin ich sehr nachdenklich, weil große Veränderungen auf mich zukommen (ich gehöre zu den diesjährigen Abiturientinnen und Abiturienten) und in solchen Momenten beschäftigt mich der Tod meiner Urgroßmutter immer wieder besonders stark. Sie war der Mensch der meine Familie in meinen Augen zusammenhielt. Als sie starb, dachte ich, dass nun alles noch schwieriger wird. So ist es gottseidank nicht gekommen und ich nehme aus deinem Post eine Hoffnung und Zuversicht mit.
    Danke!

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