Dieses Offline.

Wollt ihr nicht auch manchmal in einen Laden gehen und „Entschuldigung, kann man hier dieses ‚Offline‘ erwerben?“ fragen? Wollt ihr nicht auch manchmal euer Smartphone und euren Laptop in einem Schwimmbadspind einschließen und den Schlüssel im Schwimmerbecken versenken?

Eigentlich bin ich ein Onlinemädchen. Das mit dem Internet und mir, das war schon sehr, sehr früh Liebe – wo vielleicht auch schon das Problem verankert liegen mag. In unserem Haushalt hielt der Computer eigentlich erst recht spät Einzug, im Vergleich zu anderen, die schon in den 90ern daran geglaubt hatten, dass sich da was Tolles raus entwickeln kann. (Meine Eltern hatten in den 90ern kurzfristig mal einen Computer – den sie dann aber wieder verkauften, weil sie dachten, dass sich das eh nicht in Haushalten durchsetzen würde. Sie können aber auch bis heute nicht richtig den DVD-Recorder bedienen, also würde ich da nicht zu viel reininterpretieren.) Der Computer nahm vermutlich so 2002 Einzug in mein Leben. (Was im kommenden Jahr auch schon ein ganzes Jahrzehnt bedeutet – und mich somit so ziemlich die Hälfte meines Lebens begleitet hat. Etwas, das so lange verankert ist, das muss ja Spuren hinterlassen.)  Am Anfang habe ich das immer nur kurz, in winzigen Dosen genutzt. Weil man sich damals noch mühevoll einwählen musste, nachdem der Computer eine halbe Ewigkeit lang hochgefahren war. (Schon damals war man irgendwie ungeduldig und rastlos, obwohl man eigentlich noch Kind war und somit doch das Gefühl der Endlosigkeit mit sich herumtragen hätte müssen.) Hinzu kam, dass niemand mehr telefonieren konnte – ausgehende Telefonate hätte man ja auf andere Zeiten verschieben können, blöd war nur, dass man auch keine Anrufe empfangen konnte. Und es hätte im Prinzip ja jederzeit irgendwo einer einen Herzinfarkt haben können und dann wären wir nicht erreichbar gewesen. (Handynummern rief damals in meiner Familie kategorisch niemand an. An die Durchsetzung des Handys glaubten viele im Clan nämlich auch erst, als es eigentlich schon zu spät war. Was heißt, dass man heute hoffnungslos überfordert auf Touchscreens herumfingert und wahllos Leute anruft oder aber SMS mit drei Monaten Verzögerung empfängt.) Mein Onlineverhalten hat sich im Laufe der Zeit natürlich sehr verändert. Am Anfang habe ich viel gechattet, mit Menschen, die ich über eine Kindercommunity kennen gelernt habe, die ich aber alle nicht wirklich näher kennen gelernt habe. Schon da hatte das Internet etwas sehr Kurzweiliges, Flüchtiges. Dass man auch echte Freundschaften schließen kann, habe ich 2007 gelernt, als ich in einem Rollenspielforum (nein, nichts Versautes, was ihr schon wieder denkt!) aktiv wurde und Mädchen kennen lernte, die mir sehr ähnlich sind. Das ist es, was ich am Internet vielleicht am Meisten schätze: Als Dorfmädchen habe ich hier das Gefühl, dass ich endlich nicht mehr darauf angewiesen bin, nach endloser Suche irgendwo draußen jemanden zu finden, mit dem ich mich über viele Dinge austauschen kann, Dank ähnlicher Interessen, sondern es problemlos im Netz tun zu können, weil es dort viele Gleichgesinnte gibt. (Was nicht bedeutet, dass ich den Kontakt zu den Menschen verloren habe, die mir im Alltag begegnen, keine Sorge.) 2008 kam dann das Bloggen dazu, ein paar Monate später das Twittern. Und das ist erstaunlicherweise bis heute geblieben. Wenn ich mich einmal für etwas entschließe, dann bleibe ich auch meistens dabei. (Sieht man mal von dieser Chatsache ab, ich war schon seit Jahren in keinem Chat mehr, auch für ICQ oder MSN kann ich mich nicht sonderlich begeistern, weil ich das Internet eigentlich mehr in meinen Alltag integriere und das bei einem Chat sehr schwierig ist, weil man schnell auf die Person, mit der man chattet, reagieren muss.) Bloggen und Twitter haben mein Leben in gewisser Weise schon sehr stark geprägt. Ich habe meinen Schreibstil ausgebaut Dank hilfreicher Kommentare, ich habe darüber gestaunt, wie viele Menschen bereit sind, sich meine Tweets anzutauen (irgendwann in naher Zukunft sind es 2500, irre), unglaublich schöne, bestärkende E-Mails erhalten und Dank vieler über das Internet angeforderte Leseexemplare, die ich auf meinem Blog rezensiere, schon seit Ewigkeiten kein Geld mehr für neuen Lesestoff ausgeben müssen.

Im vergangenen Jahr las ich „Ich bin dann mal offline“ von Christoph Koch, in den letzten Tagen folgte dann „Ohne Netz“ von Alex Rühle. Während Koch ein bisschen wissenschaftlicher und sachbuchgerechter (inklusive einem Tipp-Kapitel zum Schluss) daherkommt, hat Rühle eher ein Tagebuch vorgelegt – woraufhin er auch ausdrücklich hinweist. Vielleicht konnte ich mich deswegen so gut mit Rühle identifizieren: Er schrieb über Dinge, die wir Onliner alle kennen. Obgleich mich und Rühle mehr als zwanzig Jahre trennen, kann ich viele seiner Impressionen nur bestätigen: Dieses unruhige Arbeiten, ständig abgelenkt vom Internet, zwischen tausend Fenstern hin und her klicken, viel Halbes und nichts Ganzes, von einen Link auf den nächsten kommen, obwohl man sich schon kaum noch erinnert, womit und vor allem weswegen man die Suche überhaupt gestartet hat. Morgens nach dem Aufwachen greife ich als erstes zu meinem BlackBerry – und das nicht nur, weil es gleichzeitig als Wecker fungiert und ich es schließlich zum Ausschalten in die Handy nehmen muss, wenn meine Ohren nicht explodieren wollen. Nein, ich checke schnell meine Timeline und wenn ich denke, dass auch das von Nöten ist, werfe ich einen Blick in meine E-Mails. Und Abends, nachdem ich ein wenig gelesen habe, ist es eigentlich auch die Timeline, die ich als letztes sehe. Rühle schrieb aber auch darüber, wie kompliziert es eigentlich ist, ein halbes Jahr ohne Netz zu leben und dass er sich das als freier Journalist nicht hätte erlauben können, da man, wenn man dann nicht ordentlich vernetzt ist, ziemlich schnell aus dem Rennen ist. Rühle schrieb, wie schwierig es war, an gewisse Informationen zu gelangen (der Tipp „Googeln Sie das doch mal eben“ tauchte ständig auf, brachte ihm aber nicht weiter). Er rief so oft wie nie in seinem Leben bei der Auskunft an, suchte verzweifelte Telefonzellen und Briefkästen und hätte nicht nach Amerika einreisen können, wenn seine Sekretärin nicht für ihn das Formular von der Botschaft ausgedruckt und ausgefüllt hätte. (Einen anderen Weg gibt es da nicht mehr. Alles übers Internet. Eine Welt, die langsam nur noch gemacht ist für Digitale Natives.)  Er erkannte aber auch, dass er an manchen Ecken deutlich entspannter war, Dinge bewusster wahrnahm, sich mehr Zeit für Dinge nahm, konzentrierter arbeiten konnte.

Im Rahmen meines Projektes 2011 habe ich mir vorgenommen, auch mal mein Onlineverhalten unter die Lupe zu nehmen. Bislang habe ich darum noch einen großen Bogen gemacht. Vielleicht, weil es einfach so ein unbequemes und dennoch fundamentales Thema ist. Vielleicht, weil ich eigentlich weiß, dass eine Veränderung in der Hinsicht viel zu einem anderen Lebensgefühl beitragen würde. Ich weiß, dass mein Internetkonsum nicht besorgniserregend ist, dass ich im Vergleich zu anderen, die weniger Zeit im Netz und mehr Zeit irgendwo in einem überfüllten Real Life verbringen, immer noch mehr Dinge geregelt bekomme, mein Leben besser in die Hand nehme, aber was wäre, wenn ich weniger Zeit wahllos herumsurfen würde und stattdessen mehr lesen würde und schreiben? Mehr Aufgaben an einem Stück abarbeite? (Das fängt ja schon damit an, dass man das Badezimmer in Etappen putzt, unterbrochen von einer Portion Mails checken, dreimal die Timeline bespaßen, einen Eintrag in einem Forum hinterlassen, den Blogreader schnell überfliegen und dann irgendwo haften bleiben… Bis man den letzten Winkel des Bades geputzt hat, hat der erste schon fast wieder Staub angesetzt, mag man befürchten.) So einen Radikalschnitt wie die beiden Herren, deren Bücher ich las, ihn gemacht haben, kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen – weil mich das Internet eben nur in manchen Momenten belastet oder ablenkt, es sich in vielen Momenten aber auch als persönlicher Lebensretter entpuppt. (Was besonders hervorsticht, wenn das Internet, wie bei mir in den vergangenen Wochen, nicht einwandfrei funktioniert und man immer dann, wenn man gerade wichtige Recherche betreibt, wutentbrannt in den Keller rennen muss, um irgendwelchen Schabernack mit dem Router anzustellen, der dann aber trotzdem nach weiteren zwanzig Minuten wieder abstürzt.) Im Moment brauche ich das Internet für meine Facharbeit, die ich bis zum 8. April fertig haben muss. Ich habe zwar auch erstaunlich viel Buchmaterial gefunden, aber mal ehrlich – eine Facharbeit über die Philosophie hinter der Fernsehserie Lost, das ist sowas von ein Internetthema, internetthemaiger geht es doch gar nicht mehr! Und englische Texte muss ich auch ständig übersetzen. Als das Internet einmal einen ganzen Tag überhaupt nicht funktionierte, da habe ich mich in den Untiefen meines monstermäßig dicken Wörterbuches verloren. Ich weiß, dass in der IHK-Prüfung auch kein Computer stehen wird, aber warum nicht jetzt das ganze Nachschlagen durch eine winzigkleine Suche bei leo.org erleichtern? So spare ich Zeit. (Ja. Darum geht es uns heute wohl immer: Zeit sparen. Ich bin da eine ganz Schlimme. Ich versuche tausend Dinge in einem Minimum von Zeit zu erledigen und knicke dann irgendwann frustriert unter der Last ein und esse Schokolade. Oder gehe schlafen. Oder schaue irgendeine Mädchenserie. Während ich durch ein wenig mehr Nachsicht und Geduld mit mir selbst eigentlich alles locker hinbekommen würde – wenn ich es doch nur schaffen würde, nicht immer alles gleichzeitig zu tun und stattdessen eines nach dem anderen täte, von Beginn bis zum Ende, ohne Unterbrechung.)

Ich habe heute zum ersten Mal seit anderthalb Jahren einen Brief geschrieben, handschriftlich. Sieht man von dem unangenehmen Krampf ab, den ich jetzt in der Hand verspüre, war es das Befreiendste, was ich seit Langem getan habe. Sich Dinge von der Seele schreiben, ganz ohne eine Löschtaste. Eng beschriebene Seiten, die man hinterher in einen Umschlag steckt und zur Post trägt. Ich hoffe, dass meine Brieffreundin sich über den Brief freut – und entschuldigend darüber hinwegsieht, dass mich das Internet die letzten anderthalb Jahre so sehr verschluckt hat, dass ich mir kein einziges Mal eine Stunde genommen habe, um einen handschriftlichen Brief zu verfassen. (Während ich mich stundenlang durch Tumblr-Blogs mit netten Seriengrafiken geklickt habe, seltsame Twittermems las oder aber meine E-Mails in Ordner sortierte.)

Diesen Artikel habe ich übrigens fast ganz ohne Ablenkung durch andere Seiten heruntergeschrieben. In dreißig Minuten. Wie produktiv man doch sein kann, wenn man sich mal konzentriert.

(Bild via.)

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7 Comments

  1. Chapeau! Es ist interessant zu sehen, dass du dir offenbar dieselben Gedanken machst wie ich schon seit einiger Zeit. Die „Unterbrechungskraft“ des Internet (bzw. von Twitter, reddit etc.) ist sehr groß und ja, es dominiert mein Leben. Nicht dass ich was dagegen hätte und mein „RL“ leidet mMn auch nicht wirklich darunter. Diejenige, die jetzt meine Freundin ist, habe ich auch so erst richtig kennengelernt mit den von dir kaum genutzten Chats. Als Landei mit 200m Entfernung zum nächsten Nachbarn ist das Internet für mich das „Fenster zu Welt“ und ohne würde ich wohl entweder verkümmern oder aber in Büchern versinken, wie als Kind schon.
    Ich möchte die Community im Netz (besonders auf Twitter) auf keinen Fall mehr missen und käme daher eher nicht auf den Gedanken vollständig auf meine Online-Aktivitäten zu verzichten. Wenn dann nur einschränken, man muss ja nicht immer alles so radikal angehen wie die zwei von dir erwähnten Autoren.
    (Das habe ich jetzt übrigens auch in einem Stück geschrieben)

  2. Guter Artikel! Ich hätte nicht gedacht, dass jemand die selbe „Putz-methode“ hat wie ich, haha! Und was ist mit sozialen Netzwerken wie FaceBook, was hälst du davon?
    Für mich ist das Internet definitv auch eine Art „Fenster zur Welt“ und es hat seine Vor-und Nachteile, wie alles eben! 🙂

  3. Hey Liebes;
    ich musste oft schmunzeln, weil ich mir auch oft Gedanken über dieses OFFLINE sein, gemacht habe. Manchmal habe ich das Gefühl mal wirklich von diesem ganzen Internetding fernbleiben zu müssen und das mache ich dann auch so – einen Tag. Danach verspüre ichs chon wieder eine Art Entzugserscheinung und denke, dass ich irgendwas wichtiges (!) verpasst haben könnte. Dabei ist das ja eigentlich totaler Quatsch, man sollte davon ausgehen können, dass wenn was wirklich spannendes ist, die Menschen, die einen auch anders kontaktieren können, dieses tun, oder? Aber da bleibt dennoch immer diese Ungewissheit, was ist, wenn irgendwas passiert, Alle darüber Bescheid wissen und man selbst in seiner Unwissenheit Zuhause sitzt.

    Oft muss ich mir von meinen Eltern anhören, ich wäre zu viel am Internet. Dennoch war es früher viel schlimmer und extremer. Inzwischen ist es anders geworden. ❤

    Hoffe du hattest einen schönen ersten Schultag. Ich hatte gestern Schule (Niedersachsen), aber überraschend habe ich heute frei, weil Alles ausfällt.
    Gruß, Lisa

  4. „Ich bin da eine ganz Schlimme. Ich versuche tausend Dinge in einem Minimum von Zeit zu erledigen und knicke dann irgendwann frustriert unter der Last ein und esse Schokolade. Oder gehe schlafen. Oder schaue irgendeine Mädchenserie.“

    Hallo,
    Ich bin neu hier wie du sicher sofort gemerkt hast.
    Ich bin einer der „irren“ die dir auf Twitter folgen und ich mache es gerne denn manchmal muss ich über deine Tweets schon schmunzeln oder gar lachen.
    Ich hab mir das hier mal fast bis ganz nach Unten durchgelesen und wie du deine Gedanken hier so rein schreibst finde ich klasse.
    Ich habe mir auch einen Blog gemacht und versuche dort Regelmässig etwas zu Posten, Dinge aus Aller welt die ich so im Internet finde (Wenn ich nicht gerade über meine Hausaufgaben hocke).
    Den Text den ich aus deinem Schreiben hier Kopiert habe, erinnernt mich an mich selbst.
    Ich versuche auch Tausend Dinge in einer gewissen Zeit zu machen und bin dann sogar nocht Frustriert das ich es nicht geschafft habe.
    Du bist eine Interessante Person die ich wirklichg gerne mal kennen Lernen würde.
    Viele liebe Grüße
    Lucy Evens

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