Ich hoffe, dass ich eure Tochter bleibe.

Liebe Mama, lieber Papa,

ich habe irgendwann mal gesagt, dass ich Leute hasse, die sich selbst verleugnen. Und ich habe es so satt, mich selbst hassen zu müssen.

Ihr wisst, dass ich nicht gut darin bin, Wahrheiten auszusprechen. Ich fange an mich zu verhaspeln und Dinge sprudeln aus mir heraus, die am Ende niemand logisch zusammensetzen kann. Vor allem, wenn mir etwas wichtig ist, ist es so kompliziert, es treffend zum Ausdruck zu bringen. Deswegen schreibe ich euch diesen Brief. Weil ich das kann, weil mir geschriebene Worte liegen. Weil es geschrieben für mich immer noch schwer ist – schwer, aber immerhin etwas einfacher.

Mama, Papa, ich bin lesbisch. Ich stehe auf Frauen und nur auf Frauen. Schon immer, glaube ich.

Irgendwann, als alle in Jungs namens Max oder Simon verknallt waren, noch in der Grundschule und auch etwas später, da habe ich mich gefragt, warum ich sich bei mir solche Gefühle einfach nicht einstellen wollten. Warum ich kein Herzklopfen bekam, wenn ein bestimmter Junge zufällig mit seiner Hand meine streifte, wenn er an mir vorbeiging. Lange Zeit sollte ich darauf keine Antwort finden. Und dann lernte ich Candice kennen, während meiner Zeit in England. Vor Candice, da habe ich geahnt, dass die Antwort auf meine Frage vielleicht sein könnte, dass ich lesbisch bin. Ich habe es geahnt. Weil ich Mia süß fand. Meine Mitschülerin Mia. England und Candice lieferten die Antwort. Ich habe Candice geküsst oder Candice mich und dann war es klar. Es war klar, dass ich lesbisch bin und für mich war das okay. Für mich gehört diese Erkenntnis seit diesem Tag unabwendbar zu mir.

Keine Ahnung, wann, oder ob überhaupt, ich den Mut aufbringen werde, euch diesen Brief zu geben. Keine Ahnung, ob ich ihn heute Abend verbrennen werden oder unter meine Matratze aufbewahre. Keine Ahnung, ob ich ihn so im Haus platzieren werde, dass ihr ihn eines Tages finden werdet. Ich habe keine Ahnung – und damit meine ich nicht nur diesen blöden, überfälligen Brief. Ich habe keine Ahnung, wie ihr reagieren werdet und wenn ihr, meine Eltern es schon nicht gut aufnehmen würdet, wie soll ich das dann von meinem Umfeld erwarten können? Warum muss man überhaupt heute noch erwarten können, dass andere es als okay empfinden, dass man lesbisch ist oder schwul? Warum ist das eigentlich immer noch mit Scham und Schmach, mit Verschweigen und Drankaputtgehen verbunden? Warum sind meine Gefühle nicht normal, obwohl sie genauso echt sind wie die der anderen? Was heißt überhaupt schon ’normal‘? Wenn heterosexuelle Paare so viel besser sind als homosexuelle Paare, warum liefern sie sich dann ständig Scheidungskriege? Und warum setzen sie homosexuelle Kinder in die Welt? Wer hat das Recht, sich zu einem Richter über meine Gefühle aufzuschwingen?

Ich hoffe, dass sich für euch nichts ändert – an eurer Liebe zu mir. Ich hoffe, dass ihr euch mit dem Gedanken anfreunden könnt, irgendwann eine Schwiegertochter zu haben und keinen Schwiegersohn. Ich hoffe, dass ihr es akzeptieren könnt, dass eure Enkelkinder eines Tages zwei Mütter haben werden. Ich hoffe, dass ich eure Tochter bleibe. Weil es wichtig wäre, dass jemand hinter mir steht, wenn ich den Mut aufbringe, mich vor Menschen zu stellen, die ich kaum kenne und zu sagen: „Ich bin lesbisch.“ Ich hoffe, dass ihr diesen Weg mit mir geht und mir eine Hand reicht, wenn ich sie gebrauchen kann.

Eure Lene

(Bild via.)

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15 Kommentare

  1. Ich habe viele Dinge, für die ich meine Eltern anklage oder von denen ich denke, dass es ihre Fehler sind, aber für eine Sache bin ich meinen Eltern dankbar bis ins Unermessliche: Sie haben mich Toleranz gelehrt und ja, die Art von Toleranz, die fragt, warum man sowas überhaupt tolerieren muss. Dafür bin ich dankbar. Und ich weiß, dass ich meinen Eltern nie so einen Brief schreiben müsste, ich könnte es ihnen sagen und ich würde nicht mal… darüber reden müssen, ich bekäme einfach ein schlichtes „Okay“ oder „Wann lernen wir sie kennen?“ und das ist schön. Das weiß ich sehr zu schätzen, wenn ich sehe, wieviele Eltern ihren Kindern das Gefühl geben, das, was sie fühlen, sei falsch, die Liebe und das Begehren sei falsch. Das macht mich krank. Einfach krank.

      1. Verdad? = spanisch für „Wahrheit?“, soweit mir mein Spanisch für Anfänger Selbstlernkurs das richtig beigebracht hat…

        Schöner Text im Übrigen! Gerade der Gedanke warum man immer noch um Toleranz fürchten muss, wo doch Akzeptanz allgegenwärtig sein sollte.

  2. Ich gebe ja zu, dass ich mich bis zum Schluss viele Dinge gefragt habe und mir diverse Antworten bereits zurecht gelegt hatte. Und dann sah ich, dass dieser Brief unter „Textwerkstatt“ veröffentlicht ist. Manchmal hätte ich den Hinweis gerne am Anfang ;-).

    Ich muss ehrlich gestehen, dass ich gar nicht weiß, wie ich auf meine Eltern zugehen würde, wenn ich auf Frauen stehen würde. Letztendlich kommt man um diesen Moment wohl nicht herum und dann ist es zum einen wichtig, welches Verhältnis man zu ihnen hat und ob vielleicht noch jemand da ist, der einen im Notfall auffängt.
    In meiner etwas naiven Art wäre ich wahrscheinlich einfach davon ausgegangen, dass das doch kein Problem sein sollte und wäre damit ganz schön untergegangen.

  3. ‚Textwerkstatt“, nicht wahr? Dafür ist das Geschriebene sehr gut. Im reellen Leben: ja, aus der Sicht des Schreibers/Schreiberin, auch. Gute Filmvorlage, würde ich sagen.

  4. Solche Texte machen es offensichtlich, warum lesen die soziale Intelligenz fördert. Bei derart gut geschriebenen Emotionen kann man doch gar nicht anders als sie selbst zu empfinden und für eine kurze Minute in deinen (fiktiven) Schuhen zu gehen – und wenn das Leben der beste Lehrer ist, dann ist wohl das simulierte, nur im Kopf reale Leben sein Assistent.
    Danke für den tollen Text und den schönen Ausflug in eine mir fremde Gefühlswelt.
    A

  5. Ich weiß leider nicht, ob WordPress meinen soeben gesendeten Kommentar angenommen hat – die Seite wurde ohne Sendebestätigung aktualisiert – also hier noch mal:

    Danke für diesen großartigen Text! Für die Aussage, dass das Lesen die emotionale Intelligenz schult kann das hier gut als Beleg dienen. Mit so deutlichen Worten kannst du einen Leser in eine bis dahin völlig fremde Gefühlswelt entführen und für neue Perspektiven sorgen.
    Wenn das Leben der beste Lehrer ist dann ist das simulierte, nur im Kopf entstandene Leben, das durch Lesen entsteht, wohl sein Assistent.
    Danke und weiter so!
    Alex

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