Ich bin niemandes Abklatsch.

Lieber anonymer Fragesteller,

meine Mutter war nicht 16 als sie mich bekam, sondern 31. Meine Eltern sind verheiratet, seit fast 30 Jahren. Meine Großeltern erwarten nicht, dass ich zum freitaglichen Dinner antanze. (Und nein, sie haben auch nicht jede Woche ein neues Hausmädchen. Sie wäre sowieso nicht korrekt. Mein Großvater ist nämlich tot.) Ich habe weder mit dem Jungen aus dem Supermarkt rumgeknutscht noch eine Liason mit dem Neffen des Lieblingscafébesitzers. Ich besuche keine teure Privatschule und alles, was mich je mit Yale in Verbindung bringen wird, das ist ein lausiger Kapuzenpullover – ein Kapuzenpullover, den Rory Gilmore meines Erachtens nach nie getragen hat. Ich habe keinen Hirsch angefahren, als ich zur spät auf dem Weg zu einem wichtigen Test war. In meinem Leben gibt es niemanden wie Paris, mit dem ich mir bittere „Wer ist besser?“-Duells liefere. Ich werde nicht mit Barack Obama auf Wahlkampftour gehen – schon alleine, weil mich der Gedanke, je Politjournalistin zu werden, totunglücklich macht. Ich interessiere mich nicht für Musik und ich gucke auch nicht gerne Filme. Ich schreibe  noch nicht einmal für die Schulzeitung. Ich hasse das Kleinstadtleben und mich würden keine zehn Pferde dazu bringen, bei irgendeinem Volksfest mitzuwirken. Ich würde niemals eine Yacht klauen oder einen Freund haben wollen, der jemanden kennt oder mit jemandem verwandt ist, der eine Yacht hat. Ich bin keine überragende Schülerin, eher eine durchschnittlich gute. Ich trage nie Kleider. Ich trug die Haare lang, als Rory sie sich abschneiden ließ und umgekehrt. (Ich könnte stundenlang so weitermachen, aber ich nehme an, dass man mich auch so versteht.)

Das einzige, das mich zu hundert Prozent mit Rory Gilmore verbindet, das ist unsere Leidenschaft für Bücher und dass wir gerne schreiben. Was auf 99,9  Prozent der Bloggerinnen, die ich regelmäßig lese, auch zutrifft. Rory Gilmore mag ein Abbild dessen sein, was ich in vielen Belangen für erstrebenswert halte, aber  ich spreche nicht jeden Abend vor dem Einschlafen ein „Oh lieber Gott, lass mich morgen bitte in dem Leben von Rory Gilmore aufwachen“-Gebet. Rory Gilmore hat mich geprägt und mir gezeigt, dass es okay ist, wenn man Bücher liebt und etwas aus seinem Leben machen, etwas erreichen möchte. Aber es war Lorelai, die mich Sarkasmus lehrte und mir zeigte, dass es okay ist, in manchen Momenten unpassende Dinge zu sagen. Mich haben viele Fernseh- wie Buchcharaktere beeindruckt, beeinflusst und mir wichtige Lektionen mit auf den Weg gegeben, Juliet Burke und Jack Shepherd, Cristina Yang und Brooke Davis, Sydney Bristow und die starken Frauen aus The L Word, Meredith Grey und Seth Cohen. Die facettenreichen Harry Potter Charaktere. Dein Einfluss, den Popkultur auf mich gehabt hat und immer noch hat, mag ich kaum in Worte zu fassen.

Aber es war meine Mutter, die mir Bücher nahe brachte, noch bevor ich richtig laufen konnte. Es war meine Mutter, die mir zeigte, dass es wichtig ist, sich auch nach seinen Mitmenschen umzudrehen, anstatt immer nur an sich zu denken. Es war meine Oma, die meine Leidenschaft für das Backen schürte. Es war mein Vater, der mir ein Vorbild war, wenn es darum ging, willensstark zu sein und auf sein Recht zu bestehen. Es war meine andere Oma, deren charakterliches Ebenbild ich in vielen Belangen bin. Es waren Freunde, die mir gesagt haben „Du bist eine gute Freundin“ oder „Schön, dass du da bist“, die mich zu einem starken Menschen gemacht haben. Es waren die realen Menschen, die, die mich sozialisiert haben, die verursacht haben, dass ich heute der Mensch bin, der ich nun einmal bin. Kein Fernsehcharakter hat mich großgezogen und erzogen, sie waren allenfalls Pfeiler auf meinem Weg, wichtige Puzzleteile bei meiner Charakterbildung. Ich wage zu behaupten, dass ich ein starker Charakter bin. Ich wage auch zu behaupten, dass ich es nicht nötig habe, irgendjemanden zu kopieren. Ich bin niemandes Abklatsch. Ich bin nicht Rory Gilmore und ich möchte auch gar nicht Rory Gilmore sein. Ich bin Mirka und wer mir sagt, dass das nicht genug ist, der kann mich mal gerne haben.

(Ich weiß, morgen werde ich mich ärgern, dass ich diesen Beitrag überhaupt geschrieben habe. Weil manche Fragen eigentlich keiner Beantwortung bedürfen. Weil die Fragesteller bei Formspring nicht den blassesten Schimmer haben, wer ich bin und was mich ausmacht. Weil dieser Blog kein Tagebuch ist, sondern ein Dokument meiner Leidenschaften und, oh Schreck, diese leider, leider der Leidenschaften Rory Gilmores ähneln.)

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11 Comments

  1. Wenn dich sowas aus der Bahn wirft, hättest du mal meine anonymen Kommentare und Fragen sehen müssen. 😀 Aber ich verstehe das, diese Menschen haben einfach schlich keine Ahnung. Keine Ahnung, keinen Respekt und keinen Grund, ihnen irgendeine Art der Aufmerksamkeit zu schenken. Aber wenn man es tut, dann so wie du. Gut gemacht. 🙂

    1. Ich hatte bisher eigentlich recht viel Glück mit Fragestellern – und ich kann mich nicht erinnern, einen total negativen Kommentar auf meinem Blog erhalten zu haben. Kritisch, klar. Sowas finde ich auch meistens gut, außer ich habe einen schlechten Tag. Vielleicht habe mich deswegen so sehr über die Frage geärgert – weil sie die erste war, die mich irgendwie ein wenig getroffen hat und das in Frage gestellt hat, was nunmal am Wichtigsten ist: Die eigene Persönlichkeit.

  2. Und selbst wenn du dich über soetwas eigentlich nicht ärgern und es ignorieren solltest, so hast du doch daraus einen Text gemacht, der so viel mehr ausdrückt als nur eine Antwort auf diese bescheuerte Frage: Er zeigt, wie viel Liebe du für deine Familie empfindest und wie sehr du dich mit dem Du-sein beschäftigst. Wie sehr dich all die Charaktere aus deiner Kindheit und dem Jetzt geprägt haben, denn das haben sie uns doch schließlich alle! Wer hat sich denn nicht gewünscht mit 11 einen Brief aus Hogwarts zu bekommen oder mit seiner Mutter und besten Freundin zugleich einen spontanen Ausflug in Pensionen mit schrecklichen Blumentapeten zu machen. Wer wünscht sich nicht ab und an einen McDreamy? Aber darum sind wir -bist du- ja noch lange kein Abklatsch.
    Nimm dir das nicht so zu Herzen 😉

  3. Hi Liebes,
    ich finde es gut, dass du dich mit dem Thema auseinandersetzt. Daran, dass es dich ärgert, merkst du selbst, dass du nur DIR treu bist und das ist sehr gut. Ich musste Rory Gilmores erstmal googlen, schlau wie ich bin. Mag sein, dass ich mit Gilmore Girls viel verpasst habe.

    bei diesem eintrag habe ich mir die Frage gestellt, ob du nicht mal Lust hättest, Blogs, die du gerne liest, zu zeigen als Links? Ich würde mich riesig freuen, weil es (leider) gar nicht so leicht ist, unter vielen Blogs noch richtige Schmuckstücke zu finden. ♥

    1. Ich lese zwar nur eine handvoll Blogs kontinuerlich und ein paar mehr gelegentlich, aber ich kann diese sehr gerne am Wochenende vorstellen. Auf 10 heiße Tipps dürfte ich ganz bestimmt kommen – ich bin aber selbst auch jederzeit auf der Suche nach Perlen. Und werde mir im Rahmen dessen auch endlich mal die Blogs der letzten Kommentierenden genauer zu Gemüte führen. So auch deinen. 😉

  4. Ich freue mich sehr auf die kleine ‚Vorstellung‘ , da ich deinen Blog und deinen Geschmack sehr schätze. Immerhin verbindet uns schon die Lost-Liebe und das Schreiben. ♥ Ich freu mich drauf!

  5. Wenn er/sie mir das geschrieben hätte, hätte ich erst einmal gefragt, was derjenige mit „Anklatsch“ meint. Versteh das nicht 😛

    Und ich finde es völlig ok, wenn du dich rechtfertigst. Warum soll man denn auch immer so „cool“ bleiben und einem mit „Ignorieren“ zeigen, wie sehr man über ihn steht. Ich finde, dass gerade du genau richtig gehandelt hast. Du hast dich mit dieser Frage auseinander gesetzt und ihm/ihr vernünftig die Meinung gesagt.

  6. Ich sehe das genauso wie die anderen hier, du bist und bleibst du! Nur weil man vielleicht etwas mit einer Figur gemeinsam hat, heißt das noch lange nicht, dass man ‚Abklatsch‘ ist. Ich finde es einfach nur lächerlich, so etwas zu behaupten. Das ist im Übrigen auch ein sehr schöner Text und ich denke es gibt keine Frau auf dieser Welt, die nicht mindestens einmal an Meredith Grey’s Stelle sein wollte. Man fühlt mit diesen Charakteren, wünscht sich vielleicht auch Mal in ihrem Leben zu sein statt in seinem eigenen, und das ist wie ich finde, vollkommen okay. Dadruch bleibt man trotzdem man selbst, mit seinen eigenen Stärken und Schwächen, seinen eigenen Träumen und Vorstellungen. Liebe Grüße (:

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