Ein Akt der Gewalt von Ryan David Jahn.

Ein Akt der Gewalt von Ryan David Jahn
269 Seiten, Thriller
erscheint am 28. Februar 2011

Vielleicht ist es nur ein Alptraum. Sie hat das Gefühl, dass es gar nichts anderes sein kann. Dass es ein Alptraum sein muss. Als Teenager lag Kat oft im Bett und fragte sich, ob ihr Leben wohl nur ein Traum war. Sie lag da und fürchtete sich einzuschlafen, weil sie dachte, dass sie beim Erwachen vielleicht in ihrem wahren Leben landete und in diesem wahren Leben bereits eine alte Frau war – oder etwas in der Art. Also lag sie im Bett, stellte sich vor, dies Leben sei ein Traum, aber ein guter Traum, aus dem sie nicht erwachen wollte, zum Teil ganz einfach deswegen nicht, weil sie nicht wusste, wo hinein sie erwachen würde – was war denn Realität? Jetzt aber wünscht sie sich, dass dies alles nur ein Traum sei. Sie hofft, dass es ein Traum ist. Egal, in welcher Situation sie erwacht – es kann nur besser sein als das hier. Sie schließt die Augen und will sich zwingen, aufzuwachen, aber als sie Augen wieder öffnet, ist sie noch immer am selben Ort, umgeben von Beton und Glas, auf einem Hof der menschenleer ist bis auf sie.
Warum hilft ihr denn niemand? Wenn das hier kein Traum ist, warum hilft ihr niemand?
Weil es ein Alptraum ist, sagt eine Stimme.
Tränen strömen über ihr blasse Gesicht. (S. 123/124)

Inhalt: Es ist vier Uhr früh, als sich Katrina Marino auf den Heimweg macht. Die Straßen sind menschenleer, trotzdem hat Katrina das Gefühl, beobachtet zu werden. Als sie sich wenig später ihrer Haustür nähert, nimmt sie aus dem Augenwinkel eine Gestalt wahr. Noch bevor sie reagieren kann, ist der Angreifer über ihr und sticht mit einem Messer auf sie ein. Katrina fängt an zu schreien. Katrinas Nachbarn hören ihre Schreie. Alle schauen aus ihren Fenstern, doch wer unternimmt etwas?

Meinung: „Ein Akt der Gewalt“ ist eines dieser Bücher, die einen sprachlos zurücklassen, sprachlos darüber, wie ignorant Menschen sein können, welch ausufernde Folgen Wegsehen haben kann, ein Buch, das gleichzeitig ein Plädoyer für Zivilcourage ist. Mir fällt es schwer zu sagen: ‚Dieses Buch hat mir gefallen.‘ Weil es sich einer Thematik annimmt, die frei von jeder Schönheit ist, die ebenso wenig zu rechtfertigen ist. „Ein Akt der Gewalt“ ist entlarvend und zeigt das auf, was wir alle nicht sehen wollen, unsere größten Alpträume und unsere verborgensten Ängste.

Mich lässt das Werk von Jahn vor allem sehr desillusioniert zurück – viele solcher oder ähnlicher Bücher würde ich vermutlich nicht verkraften. Ich lese durchaus Bücher, die sich mit den Abgründen des Menschseins auseinandersetzen – normalerweise lasse ich die Finger aber eher von Thrillern, außer sie sprechen mich in irgendeiner Form besonders an. „Ein Akt der Gewalt“ tat dies, weil es zum einen auf einer wahren Begebenheit beruht und es zum anderen das Schicksal so vieler verschiedener Menschen schildern sollte. Ich liebe Bücher, die in kurzen Kapiteln viele verschiedene Leben beleuchten, diese verschiedenen Leben zu einer großen Geschichte zusammenlaufen lassen. Bei „Ein Akt der Gewalt“ habe ich mich an manchen Stellen ein bisschen schwer getan, vor allem, weil viele der Charaktere sich in ihrem Verhalten, ihren Einstellungen und in ihrer Art zu handeln (oder eben nicht zu handeln) sehr ähnelten, ich Facettenreichtum vermisst habe.

Trotzdem muss ich zugeben: Ein mit seinen Worten kalte Schauer den Rücken herunterlaufen lassen, das kann Jahn eindeutig. Viele Kapitel ließen einem das Blut in den Adern gefrieren – die Kapitel, in denen es sich um den direkten Mord an Kat drehte. Für meinen Geschmack war das ganze vielleicht schon etwas zu detailliert, aber das Buch erfüllte an dieser Stelle definitiv seinen Anspruch, ist es doch immerhin im Heyne Verlag in der Kategorie Hardcore erschienen. Und, wie zuvor erwähnt, darf man nicht vergessen, dass das Buch auf einer wahren Begebenheit beruht, dem bestialischen Mord an Kitty Genovese. Jahn hat sich, soviel ich beim Vergleich mit dem wahren Tathergang entnehmen konnte, stark an den wahren Geschehnissen orientiert. Als Kitty Genovese starb, taten 38 Zeugen, die in dem gleichen Appartementkomplex wohnten, nichts. Sie riefen nicht die Polzei („I didn’t want to get involved“ sagte ein Nachbar später), sie schritten nicht ein. In seinem Buch gibt Jahn einigen dieser Beobachter ein Gesicht, erzählt ihre Geschichte. Ich weiß immer noch nicht genau, was ich davon halten soll. Im Vergleich zu dem, was Kat wiederfährt, wirken ihre Schicksale teilweise ein wenig gezwungen und belanglos, obwohl Jahn gewiss zur damaligen Zeit brisante Themen anschneidet (Homosexualität, Ehebruch, Sterbehilfe), für einen einzigen Abend in einem einzigen Haus irgendwo in Amerika wirkt das ganze insgesamt dann aber doch ein wenig konstruiert.

Fazit: Ich empfehle das Buch an alle weiter, die starke Nerven haben und darüber hinwegsehen können, dass gewisse Charaktere viele Stereotype erfüllen. Der Schreibstil Jahns ist sehr angenehm und fesselnd, man will das Buch an manchen Stellen gar nicht aus der Hand legen, obwohl es einen auch sehr, sehr sprachlos macht. Was mir „Ein Akt der Gewalt“ auf jeden Fall mit auf den Weg gibt, das ist der leise Appell, die Augen und Ohren immer offen zu halten, Zivilcourage zu zeigen, nicht ein Beobachter zu sein, der Dinge geschehen lässt, die niemals geschehen dürften.

Advertisements

2 Comments

  1. dieses und auch das letzte buch, das du reszensiert hast, will ich mir unbedingt holen – aber wie kommst du da eigentlich immer vor dem erscheinungsdatum ran? Gibts sowas wie TRND auch für Bücher?

    1. Ja, solche Seiten gibt es. Die meisten Leseexemplare bekomme ich über http://www.vorablesen.de oder über Leserunden bei http://www.lovelybooks.de (eine wirkliche tolle Seite, wo man ein virtuelles Bücherregal einrichten kann und alles ausführlich dokumentieren kann). Ansonsten lohnt es sich auch, Verlage wegen bestimmter Bücher anzuschreiben, wenn man einen Blog hat. Viele sind da sehr entgegenkommend und schicken dir ein Buch, das du dann rezensierst.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s