An Oberflächlichkeit nicht zu überbieten.

Ich war mal Modebloggerin. Vor einem gefühlten Jahrtausend. Ich habe schicke Dinge angezogen und davon Fotos gemacht und drunter geschrieben, welches Kleidungsstück von H&M war und welches nicht. Ich habe manchmal eine Buchbewertung veröffentlicht und manchmal eine Filmkritik und an besonders verwegenen Tagen, da habe ich mein Essen fotografiert. Das ist nichts, wofür ich mich schäme – immerhin hat es mich überhaupt erst zum Bloggen, und somit hierhin, gebracht.

Vor mittlerweile einigen Wochen, stolperte ich auf einem der wenigen Modeblogs, die ich noch regelmäßig verfolge, über einen Kommentar, der mich bis heute nicht losgelassen hat, so sehr hat er mich … Keine Ahnung. Nach dem passenden Wort suche ich noch. Irgendetwas zwischen abgestoßen, verärgert und zutiefst betrübt. Bei dem vorausgegangenen Blogartikel hatte die Modebloggerin fotografiert, was für Make-up-Produkte sie tagtäglich benutzt. (Für meinen Geschmack zu viele, zu teuere und unangemessene. Das Mädchen könnte meine kleine Schwester sein, schminkt sich aber wie die Kosmetikerin, die ich nicht habe.) Aber darum geht es gar nicht. Jeder wie er meint, denke ich bei Make-up und belasse es selbst bei gelegentlich ein bisschen Mascara.

Der Kommentar, der mir so übel aufstieß, lautet wie folgt:

„ich find das argument mit der schule imemr so lustig, nur weil man noch zur schule geht heißt das doch nich dass man dahin gehen muss wie ne schüppe würmer. ich würd nie im leben ungeschminkt zur schule gehn, auch nich in schlabberklamotten oder so. da sind leute, die mir wichtig sind, und da will ich entsprechend auftreten… denke das geht marie (und vielen anderen) genauso“

(Mit Rechtschreibkorrektur habe ich mich zurückgehalten, auch wenn es weh tat. Der Kommentar sollte aber so authentisch wie möglich für sich selbst sprechen.)

Da es sich bei diesem Kommentar um den Kommentar eines anonymen Lesers handelt, habe ich keine Ahnung, was für eine Person hinter diesem Kommentar wohl stecken mag. Ich kann nur spekulieren, was ich aber eigentlich gar nicht möchte.

Was mich aufgebracht hat, ist jedenfalls die Einstellung, die die Kommentierende vertritt. Eine Einstellung, die an Oberflächlichkeit nicht zu überbieten ist. Die Formulierung, dass man vor Menschen, die einem wichtig sind, „entsprechend auftreten“ will, das hat mich fast aus dem Fenster springen lassen. Menschen, die mir wichtig sind, die haben mich von montags bis freitags ungeschminkt und in skurrilen Pullovern zu ertragen. Menschen, die mir wichtig sind, müssen sich irgendwann mal die Mühe gemacht zu haben, über eine Beurteilung, die das rein Äußerliche angeht, hinauszugehen, den Menschen hinter der Fassade kennen zu lernen wollen. Mit betrübt es zutiefst, dass es Menschen gibt, die selbst vor ihren engsten Freunden noch eine Rolle spielen müssen – oder meinen dies tun zu müssen.

Das sind diese Momente, in denen ich für meine Generation schäme. Sehr sogar.

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15 Comments

  1. Die Banalität des Kommentars ist kaum zu übersehen, dennoch kann ich es verstehen – und ich meine damit nicht die Oberflächlichkeit, sondern die vermutliche Angst dahinter. Ich zum Beispiel habe schon viele Freundschaften hinter mir und in jeder war ich ein anderer Mensch. Keine dieser Freundschaften hält bis heute noch, weil ich jeden irgendwann einmal verlassen habe. Ich will damit nur sagen, dass der Druck in dieser Gesellschaft enorm hoch ist und selbst ich, obwohl ich es besser wissen sollte, nicht ungeschminkt zur Schule gehe (bis auf die Woche, in der ich dachte, es zerstöre meine Inspiration). Die Angst von Menschen verlassen zu werden, die einem wichtig sind, bewegt einen zu seltsamen, vielleicht auch stumpfen Entscheidungen.

  2. ich finds generell komisch, wenn leute NIEMALS ungeschminkt vor die tür gehen würden (sogar rein hypothetisch nicht). das spricht ja dafür, dass diese leute sich auf eine art schminken, dass es ihr aussehen entscheidend verändert. machen die ernsthaft so einen aufriss bloß um mal kurz in den supermarkt zu gehen? wenn man das hochrechnet ist der zeitliche aufwand fürs schminken doch höher als der fürs einkaufen. sowas hat meiner ansicht nach aussage über das selbstbild einer person und evtl. auch darüber, wie sie andere menschen betrachtet. beides finde ich sehr traurig. und die aussage mit den wichtigen menschen halte ich erst recht für bedenkenswert. ich gehe davon aus, dass das mädchen damit seine freunde meint. wenn sie ein entsprechendes optisches aussehen braucht, um von ihnen gemocht (in einem solchen falle wohl eher akzeptiert) zu werden, dann sollte sie sich vielleicht mal gedanken darüber machen, wie wichtig sie ihnen ist und ob sie den ganzen aufriss wert sind.

    1. Es gibt Leute, die nie ohne einen Strich Mascara (Zeitaufwand: ca drei Sekunden, wenn mans kann? Wahrscheinlich sogar weniger, ich kann das nicht so gut) aus dem Haus gehen. Weil sie sich einfach nicht richtig angezogen fühlen, das wär ihnen so, als ob sie in Hausschuhen rausgehen. Stört Dich das? Lass sie doch.

      1. wenn es sowas einfaches wie mascara oder rouge ist, dann finde ich das auch nicht weiter schlimm. allerdings verwirrt es mich einfach, wenn sich leute nicht vorstellen können ohne das vor die tür zu gehen. gerade wenn es doch nur so wenig ist.
        das hat nichts mit stören zu tun. von mir aus können sich die leute bis zur unkenntlichkeit anmalen. ich kann so manche einstellung diesbezüglich nur nicht nachvollziehen.

  3. Ich weiß gar nicht, was ich schlimmer finde: Dass Menschen glauben, sie müssten sich auch für ihr „Freunde“ hinter einer Fassade verstecken (das wirst du in jeder Generation finde), oder dass Schule immer mehr zum Laufsteg degeneriert. Als ich zur Schule ging, liefen wir alle noch in Omas Pullis und ungeschminkt herum (klar, Richtung Abitur änderte sich das auch) – warum auch nicht, der Pausenhof war dafür da, im Matsch zu spielen. Und später dann erzählte eine Klassenkameradin, ihre frisch eingeschulte, kleine Schwester würde gemobbt werden, weil sie die einzige war, die sich noch nicht schminkte. In der Grundschule. Das ist so bitter, dass es einem körperlich wehtut – weil Kinder und Jugendliche freiwillig für falsche Ideale und Illusionen genau das wegschmeißen, was man sich schon in den Zwanzigern anfängt, zurückzuwünschen: Unbeschwertheit.

  4. Während ich alle deine Argumente vollkommen verstehe, würde ich mal kurz tief durchatmen und in Betracht ziehen, dass die Schreiberin grade mitten in der Pupertät steckt und sich momentan komplett über ihre Außendarstellung definiert.

    Und von Leuten umgeben ist, die vorlauter Unsicherheit genauso denken. Ich sehe vor meinem geistigen Auge eine hysterische Siebtklässlerin, die sich – und das ist Entwicklungspsychologisch leider die Norm – mehr Gedanken über ihr Aussehen macht und darüber wie stark dieses Aussehen mit ihrer Beliebtheit zusammenhängt, als dahinter zu kommen, dass wichtige Menschen auf diesen KlimBim keinen Wert legen.

    Das klingt jetzt furchtbar altklug, ich weiß. Aber du kannst dich an dieser Stelle eigentlich nur beglückwünschen,dass diese Phase bei dir nie so ausgeprägt war und vermutlich mittlerweile vorbei ist.

    Teenager sein in Zeiten des Internets, Facebook und dem Schönheitsterror ist nervenzerreißend. Wir sollten uns eher Gedanken machen, welche Strömungen in der Gesellschaft dafür verantwortlich sind, dass junge Menschen so denken, anstatt ihnen ihre Haltung vorzuwerfen.

  5. Naja, muss ja nicht darum gehen, ne Rolle zu spielen, es gibt eben verschiedene Subkulturen. Es würde heute in Deutschland z.B. niemand mehr ideologische Diskussionen über die Benutzung von Deo vor der Schule führen. Und dass Mädchen und Frauen sich die Achseln und (wenn sie sie zeigen) die Beine rasieren, war vor 20 Jahren in Deutschland auch noch nicht so verbreitet, dass es (so wie heute vielfach) als Naturgesetz gesehen wird.
    Ob „auftreten“ im Sinne von „Rolle spielen“, ergo, etwas, was ich nicht bin vormachen oder von „erscheinen“, und zwar gepflegt, gemeint ist, erschließt sich mir nicht.
    In der Schule früher oder in der Uni würde ich mich geschminkt eher verkleidet fühlen, wenn ich in Hamburg in die Stadt geh, nicht (ungeschminkt aber auch nicht underdressed, da ist es egal) und tanzen geh ich nur in wenigen Zusammenhängen ungeschminkt, da hat doch jeder seine eigenen Standards, die eben auch von der eigenen Subkultur geprägt sind, sei es in dem Sinne, dass man das gut findet und mitmacht, nicht gut findet und trotzdem mitmacht, extra nicht macht, um seine Individualität und ggf. Geringschötzung zur Schau zu stellen oder nicht macht und sich immerhin insofern damit befassen muss, dass man damit ggf. ne Sonderstellung hat.

  6. Das schönste Kompliment, das ich je in meinem Leben erhalten habe, war ein simples „Du bist so wunderschön“, und zwar als es mir schlecht ging, ich ungeschminkt war und in Jogginghose und Schlabberpulli vor einem Kerl stand, den ich erst wenige Wochen kannte.

    Heute sind wir 2 Jahre zusammen. Und ich weiß, dass wir auch zusammen bleiben werden, weil er mich einfach so liebt wie ich bin. Ohne Schminke und ohne hübsche Klamotten. Und so findet er mich schöner als irgendwie sonst, weil ich so einfach ich bin.

  7. Ich finde es auch erschreckend, wie viele junge Mädchen heutzutage auftreten und sich nur noch Gedanken um ihr Aussehen machen. Meine Mutter hat eine Malgruppe mit 13-16jährigen und sie meint, dass sich alle Themen nur noch ums Haareglätten und -färben drehen. Schockierend.
    Aber andererseits finde ich es auch falsch, Frauen, die sich halt mit Schminke wohler fühlen, in Schubladen zu stecken, wie das offenbar viele Mädels tun, die sich überhaupt nicht schminken. Ich habe schon einige getroffen, die „Natur pur“ predigen und auf andere Frauen herabsehen, bloß weil diese Concealer verwenden oder sich einen Lidstrich ziehen. Man ist nicht direkt weniger intellektuell, oberflächlich oder unsicher, wenn man geschminkt aus dem Haus geht.
    Ich selbst fühle mich ohne Kajalstift und Wimperntusche einfach viel weniger wohl. Ich mag meine Augen und betone sie gerne. Wenn ich nicht ein bisschen Puder verwende, glänzen manche Stellen im Gesicht – und so fühle ich mich einfach nicht wohl. Weder an der Uni, noch in der Stadt oder in Bars. D.h. nicht, dass ich mich ungeschminkt nicht mehr ertrage ;), aber in der Öffentlichkeit fühle ich mich leicht geschminkt doch wohler. Ich denke, dass es vielen Frauen so geht und das ist doch vollkommen okay. Nicht jeder hat einen tollen Teint und schaut sich gerne mit mega Augenringen im Spiegel an.
    Natürlich finde ich es aber auch alles andere als schön, wenn Frauen sich das Gesicht zukleistern, nach dem Motto: Drück mich – deine Schminke reicht für uns beide.

  8. Ich freue mich sehr, dass dieser Artikel solch eine rege Diskussion hervorgebracht hat. Meine Meinung zu Schminke ist durchaus keine negative – ich finde es völlig okay, wenn jemand sagt: „Ich verwende das und das, weil ich mich dann wohler fühle.“ Wenn ich irgendwo einen hässlichen Pickel habe oder einfach mal meine Augenringe nicht ertrage, dann tue ich da auch etwas gegen. Für MICH. Mein großes Problem ist einfach, dass viele sich nicht schminken, um sich selbst wohler zu fühlen, sondern um anderen zu gefallen, sich besser in die Gesellschaft einzufügen. Sowas finde ich irgendwie bedenklich, eine negative Entwicklung in den letzten Jahren. Diese Menschen, die versuchen sich irgendeinen Charakter anzuschminken, den sie so eigentlich gar nicht haben. Und meistens natürlicher viel besser aussähen.

  9. Ganz ehrlich – ohne augenringabdeckende Maßnahmen lass ich mich draußen auch ungern sehen, dann seh ich nämlich einfach nur tot aus.
    Aber ich versteh echt voll & ganz, was du meinst. Aber ich glaub auch, das „Modeblog-Leser“, die man ja durchaus auch irgendwie in ’ne Schublade stecken kann, da ne verschobene Sichtweise drauf haben, eben genau wegen solcher Kommentare. Weil im echten Leben kann ich NIEMANDEN, der rumläuft wie so ein Bloggerklischee.
    Was ich viel schlimmer find, ist der offensichtliche Realitätsverlust, den manche Bloggerinnen wohl haben (Fotos einer H&M Bestellung mit der Post-Überschrift „be unique“ – aha.), und der krasse Selbstprofilierungszwang, der überall herrscht. „Willst du medienaffin sein und up to date, dann verbringe gefälligst 3 Stunden täglich im Internet. Mindestens!“

  10. Ich selbst gehe auch eher ungern ohne Make-up aus dem Haus, nicht weil ich mich ungeschminkt hässlich fände, sondern weil Schminken für mich zum normalen Morgenprogramm gehört, wie Zähneputzen. Und je nach Laune ist das dann mal wenig und mal mehr. Ich schminke mich gerne, und mein 60s-Lidstrich gehört mittlerweile so zu mir wie meine roten Haare. In den 60ern wurden BHs als Unterdrückung der Frauen verbrannt und ich trage meinen BH nicht, weil mich ein Mann dazu zwingt, sondern weil ich keine Lust auf ungeniertes Herumbaumeln und Abzeichnen unter dem T-Shirt habe. Und das zu entscheiden, ob man sich schminkt oder nicht, BH trägt oder nicht, ist doch sehr emanzipiert, finde ich zumindest.

  11. ich will dich nicht angreifen,aber ich denke, du hast die aussage falsch verstanden.
    das mädchen meinte sie will sich schön machen für ihre freunde. Nicht weil sie sich verstecken will unter einer Decke aus Make- up oder um eine Rolle zu spielen, sondern ihnen zu zeigen, dass ihr mir wichtig seid und ich mir deswegen Mühe mache, hübsch für euch auszusehen.

    1. Sagen wir so: Wissen können wir beide nicht, was sich die Verfasserin bei ihrer Aussage gedacht hat. Für mich ging das aber eindeutig in eine andere Richtung, als die deine. Letztlich ist es aber immer Interpretationssache.

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