Das einzige, was ich wirklich bin, das ist an dir kaputt gegangen.

Mit 35, da wollte ich ein Haus in der Vorstadt haben, mit einer Schaukel im Garten und einem erbärmlichen Gemüsebeet. Ich wollte nie Karriere haben, aber einen Job, der mich glücklich macht und es zulässt, dass ich Kinder habe, mindestens zwei, vielleicht sogar mehr. Ich wollte Kindergeburtstage organisieren und meine Schwiegermutter hassen, einen Lesezirkel gründen, in dem nur über Nora Roberts und Rosamunde Pilcher diskutiert würde, obwohl ich solche Bücher verabscheue, und ich wollte vor allem glücklich sein. Mit 35, da wollte ich deine Frau sein.

Ich hätte es nie für möglich gehalten, je so abhängig von einem Menschen zu sein. Das war immer mein Albtraum. Abhängigkeit in jeder Form. Den meisten Abhängigkeiten bin ich bis heute gut aus dem Weg gegangen, vor allem den finanziellen. Worüber ich mir in all den jugendlichen „Was sein soll – was sein WIRD – wenn ich 35 bin“-Illusionen nie Gedanken gemacht habe: Dass es auch emotionale Abhängigkeiten gibt. Das musste ich erst noch lernen. Diese eine Lektion musste ich noch lernen, die, die mich jeden Tag ein kleines bisschen mehr zerstört.

Ich ertrage es nicht, wenn du mich wegstößt, immer und immer und immer wieder. Ich ertrage es nicht, wenn du mich anschreist und ich zurück schreie und das keiner von uns beiden wirklich will. Ich ertrage es nicht, wenn ich morgens aufwache und schon ein wenig die Luft anhalte, weil ich weiß, dass irgendwo eine Katastrophe wartet, mindestens eine. Ich ertrage es kaum noch, mein eigenes Spiegelbild anzuschauen. Weil mein zwanzigjähriges Ich meine Schwäche, meine Schwäche für dich, verabscheut hätte. Mein zwanzigjähriges Ich hätte mich wachgerüttelt, „Lauf so schnell du kannst! Lauf endlich!“ geschrien, mir gesagt, dass ich Hilfe benötige, dass das, was ich hier mitmache nicht gesund sein kann. Aber vielleicht gehört das auch zum Erwachsenwerden dazu: Dass man mit jeder Erinnerung, die einen mit einem Menschen verbindet, ein bisschen schwerer gehen und loslassen kann. Dass man ab einem gewissen Zeitpunkt nur noch vor kann, auch wenn dieses Vor verlangt, dass man die Ideale aufgibt, die man als Jugendliche noch für essentiell gehalten hat. Nachdruck und immer bereit zu sein, die Initiative zu ergreifen. Gesunden Egoismus und Emanzipation, vor allem Emanzipation. Mein zwanzigjähriges Ich, das hätte jedem Mann vor die Füße gespuckt, der es sich getraut hätte, ihm zu sagen, dass er einen nicht will oder braucht, dass man ihn erdrückt, mit seinem Interesse an ihm und seinem Bedürfnis, für ihn da zu sein. Für mein zwanzigjähriges Ich wärst du der größte Albtraum gewesen und vielleicht musste ich mich deswegen in dich verlieben. Vielleicht musste mir so beigebracht werden, dass Gefühle nicht steuerbar sind, dass sie mächtig sind und vielleicht das wichtigste im Leben. Vielleicht musste mir das alles durch jemanden beigebracht werden, der seine Gefühle verleugnet, vielleicht immer verleugnen wird.

Mit 35 wollte ich verheiratet sein. Morgen ist mein Geburtstag und das einzige, was ich mit 35 wirklich bin, das ist an dir kaputt gegangen.
(Bild via.)
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12 Kommentare

  1. Großartig, wirklich großartig. Immer wieder bringst du Dinge auf in kürzester Form auf einen Punkt. Das ist schon beinahe unheimlich.
    Woher kommt denn die Inspiration immer?

    1. Inspiration erlange ich auf die unterschiedlichsten Arten. Oft, meistens, sind plötzlich einfach Geschichten und Begebenheiten in meinem Kopf, Worte formen sich zu Sätzen, die niedergeschrieben wurden. Manchmal bin ich unterwegs und sehe einen Menschen, den ich nicht kenne, habe aber plötzlich eine Geschichte für ihn im Kopf. Ab und zu inspiriert mich auch ein Lied oder eine Fernsehserie dazu, die dargebrachten Gedanken und Geschichten weiterzuspinnen. Ich glaube, ich kann mich ganz gut in andere Menschen hineinversetzen – was mich meine Texte während des Schreibens auch immer sehr intensiv durchleben lässt. Nach manch einem Text bin ich völlig fertig und deprimiert. Raus müssen sie trotzdem.

  2. Das ist so super, ich möchte vor Freude im Kreis rennen, und vor allem, das ist das Allerschlimmste, es ist WAHR!

    Weißt du, ich bin seit zweieinhalb Jahren in einer Beziehung mit einem Mann, von dem mir die halbe Welt sagt, ich soll ihn in den Wind schießen und es gibt gefühlte tausende Augenblicke, so ich das auch denke und auch wieder von dem träume, was sich in meinem Kopf Liebe nennt und deswegen bin ich grade sehr froh, dass ich diese Gedanken nicht alleine denken muss, sondern dass es jemanden gibt, der sich vorstellen kann, wie sich das anfühlt. Das legitimiert meine Zweifel ein bisschen und macht sie zu ein bisschen mehr Liebe. Danke.

    „Dass man mit jeder Erinnerung, die einen mit einem Menschen verbindet, ein bisschen schwerer gehen und loslassen kann“
    Die Spur hinter und hält uns zusamm‘
    doch auch sie zerfällt irgendwann.

    1. Wow, vielen, vielen Dank für diesen Kommentar. Ich glaube, es bestätigt einen nichts mehr, als zu lesen, dass das, was man rüberzubringen versucht echt wirkt, glaubwürdig ist, dass es Menschen gibt, die sich mit beschriebenen Gefühlen, Situationen und Momentaufnahmen identifizieren können.

      Ich glaube auch, dass es falsch ist, pauschal zu raten: „Trenn dich doch einfach.“ So funktioniert Liebe nicht. Manchmal ist sie zerstörerisch – aber echt.

  3. Wahr, daher schon unzählige Male geschrieben, sei es als Fiktion, sei es als tatsächliche Selbstaussage in Ratgeberforen, hier leider wieder mal ohne auch nur einen neuen Dreh. Kein Mehrwert. Annoyingly boring.
    Aber OK, mit 18 ist einem das vielleicht noch nicht so oft begegnet…
    Vielleicht fragst Du oder irgendjemand sich, warum ich hier immer noch lese und auch kommentiere, naja, ich hab halt Texte von Dir gelesen, die Mehrwert für mich hatten, neue Perspektiven auf Bekanntes. Leider schon länger nicht mehr, aber ab und zu guck ich halt noch nach…

    1. Das schöne an Fiktion ist doch ihre Strittigkeit. Dass jeder etwas anderes in ihr sieht, sich in anderen Texten wiederfindet – oder eben auch nicht. Für mich ist das völlig okay, wenn jemand sagt: Hier finde ich mich nicht wieder. Das geht einem ja sogar oft bei abgedruckten Werken so. Und das hier sind „nur“ Gedankenspiele im World Wide Web.

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