Wir werden zusammen alt von Camille de Peretti.

Wir werden zusammen alt von Camille de Peretti
282 Seiten, zeitgenössische Literatur
erschienen am 15. Januar 2011

An diesem Ort, der allen gehört und niemandem. Wo mit betrübter Miene die Familien antreten, eine nettverpackte Schachtel kandierte Orangenscheiben unterm Arm, wo die raschen Schritte von Schwestern und Ärzten klappern, Pillendosen in der Hand. Wo die Gerüchte und die letzten Heimtücken derer herumwabern, die sich ans Leben klammern, die sich ans Leben klammern, wo Kummer oder letzte Freuden obwalten, je nachdem, ob die beharrlichen Therapien noch Wirkung zeigen. Die Erinnerungen all dieser ach so verschiedenen Lebensläufe enden allesamt hier, auf ein und dieselbe Art und Weise. (Seite 267)

Inhalt: Am Sonntag werden die Mütter und Väter in der Residenz Les Bégonias in Paris von ihren Söhnen und Töchtern besucht – ein Kosmos voller Überraschungen. Die Alten sind eine unschlagbare Truppe mit phantastischen Ideen, stets zuckersüß und bitterböse. Thérèse findet die Liebe ihres Lebens, spät, aber umso heftiger. Der selbsternannte Kapitän Dreyfus gibt Madame Alma und ihren Freundinnen Anweisungen, wie sie sich an Bord der Residenz zu verhalten haben – bis er durch ein Loch im Gartenzaun entflieht. Der Sohn bemerkt es nicht, er küsst gerade die Pflegerin. Nebenan weint eine Krankenschwester, denn sie erwartet ein Kind von einem Schwarzen, und ihre Eltern sind entsetzt. Der Roman besteht aus 64 Kapiteln, die den 64 Räumen der Residenz Les Bégonias entsprechen. Damit folgt der Text einer genau vorgegebenen Struktur, nach dem Prinzip von «Das Leben. Gebrauchsanweisung» von Georges Perec, in dem Perec auf das Geschehen in einem Mietshaus blickt, als hätte man die Fassade weggenommen. Den gleichen Röntgenblick wirft CAMILLE DE PERETTI auf die Residenz Les Bégonias. Mit sprühendem Humor und großer literarischer Leichtigkeit schreibt DE PERETTI über Menschen, die gemeinsam alt werden und hartnäckig ihre eigenen Vorstellungen von Glück verwirklichen. «Der jungen Autorin gelingt ein zarter und boshafter Blick auf einen pittoresken, wunderbaren Sonntag. Man möchte auf keine Stunde, keine Seite verzichten.» EVE DE CASTRO, LE FIGARO

Meinung Camille de Peretti gelingt ein Kunststück: Von der ersten Seite an fühlt man sich seltsam involviert in diese Geschichte über ein Altenheim in Frankreich. Vielleicht, weil sie so viele verschiedene Charaktere auftreten lässt, dass jeder von uns die Gelegenheit hat, sich mindestens einmal in einem von ihnen wiederzuerkennen. Vielleicht aber auch, weil de Peretti über ein höchst brisantes Thema schreibt, ein Thema, das immer wieder in den Medien auftaucht, aber auch in unserem engsten Umfeld: Das Altwerden. In Zeiten wie diesen ist Altwerden etwas, das man so lange wie möglich verdrängt und irgendwann wacht man dann auf uns muss sich eingestehen, dass man es plötzlich geworden ist. Wohin im Alter ist eine Frage, die wir uns alle so früh wie möglich stellen sollten, wollen wir eines Tages nicht völlig verwahrlosen oder anderen zur Last fallen, wollen wir in Würde altern. Camille de Peretti traut sich in ihrem Buch „Wir werden zusammen alt“ nach Antworten auf die Frage „Wie kann es mit mir enden?“ zu suchen und schildert dabei die Schicksale verschiedener älterer Personen, die im Les Bégonias ihrem Ende entgegensehen, aber auch jüngerer Menschen – Angehörige oder Pflegekräfte zum Beispiel – die jeden Tag mit dem Altsein konfrontiert sind und es darüber selbst werden. In 64 Kapiteln, alle kurz gehalten und dadurch sehr dicht und aussagekräftig, befasst sich de Peretti unter anderem mit der Geschichte der Heimbewohner – etwas, das schnell aus den Augen verloren wird, sieht man doch oft nur noch den alten, eingeschränkten Menschen, der Hilfe benötigt, nicht mehr die Person, die sie in all den mehr oder weniger gesunden Jahren zuvor war. Im Alter ist die Gefahr groß, nur noch aufs Altsein reduziert zu werden. Dem wirkt die Autorin gekonnt entgegen, lässt ihre älteren Helden sich in einander verlieben, eine Flucht planen, einander zerfleischen, gibt ihren Ängsten und Sehnsüchten, Hoffnungen und Träumen Raum. Auch die jüngeren Protagonisten, mal genervt von der Hilfsbedürftigkeit ihrer Angehörigen, mal sentimental oder selbst emotional in zu viel verstrickt, um sich noch um etwas anderes zu kümmern, als um sich selbst, wirken glaubwürdig und facettenreich. Die Zeit, die ich im vergangen Jahr mit einer Vielzahl an Besuchen bei meiner Großmutter im Heim verbracht habe, hat mich ähnliche Eindrücke sammeln lassen, wie de Peretti sie beschreibt – was „Wir werden zusammen alt“ fast schon zu einem Muss für uns alle macht, werden wir es doch immerhin auch früher oder später. Alt.

Ein weiterer Pluspunkt ist die Sprachschönheit und sehr gelungene Ausdrucksweise der Autorin sowie das typisch französische Flair, das einem beim Lesen auffällt. In der letzten Zeit haben sich viele französische Autorinnen in mein Herz geschrieben. Camille de Peretti ist ganz vorne mit dabei.

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