Nächsten Sommer von Edgar Rai.

Nächsten Sommer von Edgar Rai
236 Seiten, zeitgenössische Literatur
erschienen am 26. April 2010

„Positive Energien…“ Bernhard sieht Marc an, als habe der ihn persönlich beleidigt. Auch bei Bernhard scheint sich durch den Vorfall im Canyon verstärkt zu haben, was zuvor bereits angelegt war: die über Jahrzehnte eingegrabene Überzeugung, dass das Schicksal ihn wie einen ungeliebten Stiefsohn behandelt. „Ich kann dir sagen, was das Leben ist, beginnt er nach reiflicher Überlegung. „Das Leben ist eine Losbude auf dem Jahrmarkt. Und daneben steht als Hauptgewinn ein funkelnder Mercedes. Sie machen dich glauben, dass irgendwo in der Glastrommel das Los ist, mit dem du den Mercedes gewinnst. Ihr wisst schon: das große Lost. In Wirklichkeit aber, und das ist das Perfide daran, in Wirklichkeit sind nur Nieten in der Trommel – und ein paar Freilose, damit du bei der Stange bleibst. Und irgendwie weißt du das. Du weißt, dass der Hauptgewinn nur eine Illusion ist. Auch wenn er direkt vor dir steht, bleibt er doch für immer unerreichbar. Und trotzdem – es ist nicht zu glauben! – und trotzdem trägst du dein gesamtes Taschengeld in diese verfluchte Losbude. Bis auf den letzten Cent.“ Bernhard nimmt sein Weinglas, dreht es zwischen den Fingern und schleudert es zu unser aller Überraschung auf den Boden, wo es zerspringt, ohne dass irgendjemand sich dafür interessieren würde. „Das ist das Leben, Marc. Privileg… So ein Quatsch.“ (Seite 128)

Inhalt: Auf der Suche nach dem Sound des Lebens Was ist das Leben? Eine Wundertüte? Eine Losbude mit zu vielen Nieten? Kleines Drama oder großes Kino? – Ein wunderbar sehnsuchtsvolles und witziges Roadmovie, das den Sommer, die Freiheit und die Liebe atmet. Eigentlich wollten Felix, Marc und Bernhard nur zusammen fernsehen, doch am nächsten Morgen sitzen sie in Marcs orangefarbenem VW-Bus. Vor ihnen liegt die Reise ihres Lebens. In Südfrankreich wartet ein Haus auf sie. Sie lassen die Haare im Fahrtwind wehen, ertrinken beinahe in einem See, werden von der Polizei gejagt und von den Vögeln begleitet. Sie lesen Lilith auf, Typ Scarlett Johansson. Dann stößt Zoe dazu, mit gebrochenem Herzen, und zuletzt Jeanne, die traurige Französin. Je näher sie dem Ziel ihrer Fahrt kommen, desto brennender wird die eine große Frage: Was ist das Leben? Und am Ende der Straße steht ein Haus am Meer … „Ein Buch, das nach Aufbruch schmeckt. Planen Sie es einfach gleich für den Sommerurlaub ein.“ Hans Rath

Meinung: Ein Buch über das Jungsein, den Sommer, die Sehnsucht und ’nächsten Sommer‘. Ein Buch, das einem von der ersten Seite an mitzuteilen scheint: „Pack deine Sachen, wir wollen los“. So greifbar ist die Aufbruchsstimmung, der Wunsch, irgendwo anzukommen, ankommen, wenn auch nur für eine Weile.

Die Hauptprotagonisten könnten verschiedener nicht sein. Da sind zum einen Felix, der Ich-Erzähler, dessen Onkel gestorben ist und ihm ein Haus in Südfrankreich vermacht hat, der Probleme mit seinem Vater hat und außer einer Katze und einem Wohnwagen nicht viel Besitz vorzuweisen hat. Da ist Marc, den die Frauen lieben und der die Musik liebt, der die ganze Reise über nach dem einen Song sucht. Und dann sind da noch Bernhard und Zoe. Bernhard, sportfanatisch und mit seinem Leben irgendwo zwischen der Pflege seiner Mutter, seiner Arbeit und dem Wunsch mit Zoe zusammen zu sein, festgefahren. Zoe liebt aber lieber Ludger, ihren verheirateten Chef, für den sie auf alles bereit ist zu verzichten, auch auf den vor ihnen liegenden Sommer. Jedenfalls bis zu einem gewissen Punkt. Im Verlauf der Reise lernen wir auch noch die lesbische Lilith kennen und die Französin Jeanne, der es nicht wirklich gut dabei geht, ihre Träume kompostieren zu sehen, aber auch nicht wirklich den Mut hat, daran etwas zu verändern.

Die Reise beginnt in einem alten Bus und verspricht eine lange, anstrengende, fordernde zu werden. Eine Reise, die jedem Teilnehmer ein bisschen wehtut, weil es sich um viel mehr als um eine Reise nach Südfrankreich handelt. Eigentlich handelt es sich für jeden von ihnen um eine Reise zu sich selbst.

Man mag „Nächsten Sommer“ vielleicht vorwerfen können, manchmal ins Kitschige, Klischeehafte abzurutschen, aber ich persönlich habe das zu keiner Zeit so empfunden. Der pointierte, zuweilen poetische Schreibstil und die kurzen, aber aussagekräftigen Kapitel haben mich fortwährend gut unterhalten und meine Sehnsucht nach dem Sommer quadriert. Besonders das Bild, das dem Buch zu seinem Titel verholfen hat, hat mir sehr geholfen. Zwischen den Freunden Felix, Marc, Bernhard und Zoe, die sich schon ewig kennen, gibt es diesen „Nächsten Sommer“-Mythos. Alles, was ihnen unwahrscheinlich oder unerreichbar, lächerlich oder zu kompliziert erscheint, werden sie „nächsten Sommer“ tun. Nächsten Sommer ist ein Synonym für Scheitern und Aufgeben, Verschieben und Abwarten, zu lange. Bernhard wird nächsten Sommer mit Zoe schlafen, zum Beispiel. Aber dann wiederum: Alle werden sich nächsten Sommer in Südfrankreich wiedertreffen. Ein Plan, zum Ende des Sommers. Vielleicht das erste „nächsten Sommer“, das hält, was es verspricht?

Mir hat das Ende des Buches sehr gut gefallen. Mir hat gefallen, wie jeder der Protagonisten einen Weg für sich gefunden hat, eine Möglichkeit, irgendwie anzuknüpfen – oder aber zurückzukehren. Das Ende hat gezwickt und Hoffnung gegeben, reingehauen und nachdenklich gestimmt. Kurz: Alles, was ein gutes Buch bieten sollte, geboten.

„Nächsten Sommer“ erscheint Ende Mai als Taschenbuch. Das perfekte Buch für einen warmen Tag im späten Frühling. Kauft es, lest es, nehmt es als Inspiration für diesen Sommer.

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7 Comments

  1. Hast du es jetzt im Winter gelesen? Sollte man es im Frühling/ Sommer lesen? Ich habe das Buch seit letztem Herbst im Regal stehen und wollte auf den nächsten Sommer warten, um es zu lesen.

    liebe Grüße, Cara

    1. Das ist schwierig zu sagen – es hat mir gefallen, das Buch im Winter zu lesen, weil es die Hoffnung schürt, der Sommer möge bald kommen, Verheißungen weckt. Ich würde aber eher empfehlen, das Buch zu lesen, wenn man nicht mehr mit Schnee rechnen muss und sich der eine oder andere Sonnenstrahl in unseren Alltag verirrt. Vielleicht im Mai. Ich glaube, der Mai wäre ein guter Monat für das Buch. Obwohl der Januar auch okay war für mich.

  2. Pingback: momentliebend

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