Auf der Sonnenseite, da sind doch immer nur die anderen, Teil 3.

„Ich habe dich gebraucht.“ Das hatte sie eigentlich nicht sagen wollen, schon gar nicht zu Beginn, im Idealfall überhaupt nicht. „Ich habe dich gebraucht und du warst nicht da.“ Sie spürte, wie ihr die Tränen in die Augen schossen und hoffte, dass sie sich nicht ihren Weg bahnen würden.
„Wenn du meine Hilfe wirklich gewollt hättest, dann wärst du nicht gegangen.“ Die Stimme ihrer Mutter klang schärfer, als sie sie in solchen Momenten, in solchen Diskussionen, in Erinnerung hatte.
„Nein, wenn du mir deine Hilfe angeboten hättest, dann wäre ich vielleicht geblieben.“
Darauf sagte eine Weile erstmal niemand mehr etwas. Nur das Ticken der alten Uhr an der linken Wand, die Vögel vor der auf Kippe gestellten Gartentür und das Quietschen durchdrehender Reifen irgendeines Vorstadtautofahrers drangen zu ihnen durch.

„Also, warum bist du hier?“ Ihre Mutter hatte sich gesammelt, war da schon immer schneller gewesen als Frankie.
„Ich bin so unglaublich müde und da sind so viele Fragen und keine Antworten und ich wollte nach Hause, einfach nur nach Hause.“ Sie war so hilflos, dass sie sich selbst peinlich war. Sie hatten keines dieser Mutter-Tochter-Verhältnisse, in denen man sich Dinge erzählte. Eigentlich hatten sie schon lange gar kein Mutter-Tochter-Verhältnis mehr – und auch vorher hatten sie viel Zeit darauf verwandt, einander aus dem Weg zu gehen. Bis das dann nicht mehr nötig gewesen war, plötzlich.
„Ich glaube nicht, dass ich dir helfen kann.“ Wieder nicht ihr Name, wieder nur diese Kälte. Vielleicht hatte sie nach Hause gewollt, aber nach Hause war mehr ein Gefühl, als ein Ort. Vielleicht fand sie zu Hause nicht dort, wo es am naheliegensten war, sondern dort, wo sie es zu allerletzt erwartete. Vielleicht war zu Hause irgendwo in ihr drin und sie hatte nur noch nicht den richtigen Schlüssel gefunden, um es raus zu lassen. Vielleicht gab es aber für sie auch einfach kein zu Hause. Keinen Ort, kein Gefühl, nur Leere. „Ich wäre gerne glücklicher.“ Schon jetzt hatte sie keine Ahnung mehr, warum sie überhaupt kommen war, was sie sich davon versprochen hatte. Glücklicher werden? Hier?

„Auf der Sonnenseite, da sind doch immer nur die anderen.“ Ein bitterer Zug lag plötzlich um den Mund ihrer Mutter, ihre Fassade bröckelte, endgültig. Die Enttäuschung all der vergangenen Jahren, des Lebens eines Lebens, das ihr zu klein war und dennoch so imposant wirkte, war endlich greifbar. Für einen winzigen Moment. Bis sie sich räusperte.
Frankie stand auf und blickte ihrer Mutter in die Augen. „Dann muss ich einen Weg finden, dort hin zu kommen. Dorthin, wo du nie gewesen bist.“ Sie verließ das Haus, ohne sich noch ein einziges Mal umzudrehen. Der Sommer würde nicht auf sie warten.

(Bild via.)

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3 Comments

  1. Gestern Nacht wollte ich noch kurz durch deinen Blog stöbern. Aus „kurz“ wurde locker eine Stunde.
    Diese Geschichte ist wirklich vielversprechend, deine Art zu schreiben und mit Worten umzugehen, sehr faszinierend!
    Planst du hierzu noch weitere Teile? Ich würde mich freuen. 🙂

    1. Danke für den Kommentar! Frankie ist eine der Heldinnen meines Romans, an dem ich im Moment arbeite und den ich als besondere Lernleistung fürs Abitur einreichen werde. 😉 (Also: Ja, über kurz oder lang wird es Frankies ganze Geschichte geben.)

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