Auf der Sonnenseite, da sind doch immer nur die anderen, Teil 2.

Im Haus schien die Zeit stehen geblieben zu sein. Die Laufschuhe ihreres Vaters neben dem Schuhschrank, verdreckt vom Boden des nahe gelegenen Waldes. Der Gaderobenständer vor der Wohnzimmertür, ihre Jacken hingen dort schon lange nicht mehr. Die Handtasche ihrer Mutter auf dem kleinen, runden Tisch an der Wand, teuer, Leder, Prada. Der Duft von Lavendel und irgendeinem ökologisch eher nicht befürwortbaren Putzmittel. Nur das Foto von ihr, das sie mit 17 zeigte und das zwischen ihren Kinderfotos gehangen hatte, fehlte. Betrachtete man die Fotos, dann kam man zu dem Schluss, die Hausbesitzer müssten eine elfjährige Tochter mit Zahnspange haben. Im Februar war Frankie 20 geworden.

Sie gingen nicht durch die Küche, was Frankie deutlicher als alles andere zeigte, dass sie nur noch Gast in diesem Haus war. Wenn früher Besuch kam, dann hatten sie ihn nie durch die Küche ins Wohnzimmer geführt, sondern die etwas weiter entfernte Tür gewählt. Gäste bekamen nur die makellosen Räume des Hauses zu sehen, sollten die Illusion bewahren, dass in diesem Haus alles perfekt war. Frankie wusste die Illusion zu widerlegen, war aber trotzdem zu einem Menschen geworden, der auf direktem Weg ins Wohnzimmer geführt wurde. Zu einem Menschen, dem man etwas vorzuspielen hatte.

„Möchtest du etwas trinken? Wasser? Eistee? Einen Saft?“
Natürlich gab es nach ihrem Auszug keine Cola mehr in diesem Haus und Kaffee nur noch zu kaffeangemessenen Zeiten. Natürlich sah noch alles aus wie zuvor, war aber so anders, dass sie sich verloren fühlte, an dem Ort, der ihr 18 Jahre lang ein zu Hause gewesen war. An dem Ort, an dem sie zu dem Menschen gemacht worden war, der sie heute war; ein bisschen jedenfalls. Sie hatte den Kopf geschüttelt, „Nein, danke“ genuschelt und beklommen den Dreck unter ihren Fingernägeln gemustert.

„Warum bist du hier?“ Die Stimme ihrer Mutter klang heiser. Sie vermied es ihren Namen zu sagen, den Namen, den sie schon so lange nicht mehr gehört hatte, dass sie sich fragte, ob sie überhaupt noch auf ihn reagieren würde, riefe ihr jemand auf der Straße hinterher. Eher nicht. Mit dem neuen Namen war das neue Leben gekommen, das neue Leben, das sie hier und heute dabei war in Frage zu stellen. Das Leben, das sie gewählt hatte, um sich von dem Leben, das sie ihr ganzes Leben lang in Frage gestellt hatte, zu lösen.

Irgendwann war ihr der Gedanke gekommen, dass der Sommer vielleicht ganz anders verlaufen wäre, wenn sie an diesem Dienstagmorgen im Juli nicht zum Haus ihrer Eltern gefahren wäre. Irgendwann, als es schon längst zu spät war.

(Bild via.)

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6 Comments

  1. Ich oute mich jetzt mal als stille Mitleserin. Ich kann gar nicht sagen wie sehr mich deine Schreiberei fasziniert. Deine Fähigkeit, in einem kurzen Abschnitt eine Dichte an Emotion und Bildern zu erzeugen, ist unglaublich.
    Und an dieser Stelle aufzuhören ist Folter. So! 🙂

    1. Irgendwann gab es da die aberwitzige Idee, ein Buch zu schreiben – was mittlerweile auch schon fast ein Jahr her ist. Im vergangenen Sommer habe ich angefangen zu schreiben. Frankie ist eine der Hauptprotagonisten, die in einem dieser endlosen Sommer aufbricht eine Reise zu tun. 😉

    1. Mag etwas undeutlich formuliert sein. Es gibt insgesamt vier Hauptprotagonisten, davon sind zwei weiblich und zwei männlich. Wer schon ein wenig länger mitliest, ist ihnen allen begenet. Dreien davon zumindest bewusst.

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