Auf der Sonnenseite, da sind doch immer nur die anderen.

Auf der Sonnenseite, da sind doch immer nur die anderen. Das hatte ihre Mutter gesagt, als sie den Mut aufgebracht hatte, ihr – und sich – einzugestehen, dass sie unglücklich war. Vermutlich war es eine dumme Idee gewesen, in einem Moment der Schwäche ausgerechnet die Nähe ihrer Mutter zu suchen, sie konnte sich das ja selbst kaum erklären. Keine ihrer Krisen hatte sie bisher zurück zu ihren Eltern getrieben, im Gegenteil, es waren vielmehr ihre Eltern gewesen, die die erste große Krise ihres Lebens provoziert hatten. Die Krise, die ihr Leben auf einen völlig anderen Kurs gebracht hatte. Die Krise, die man unter dem Begriff „Jugend“ zusammenfassen konnte. Vielleicht hatte irgendein Erziehungswissenschaftler eine Erklärung dafür, warum Frankie ausgerechnet an diesem Dienstagmorgen im Juli das Bedürfnis hatte, der Sache mit dem Urvertrauen noch eine Chance zu geben.

Sie war früh losgefahren, die paar Kilometer, die sie mittlerweile von dem Haus, in dem sie aufgewachsen war, trennten. Ein paar Kilometer und nie hatten ihre Eltern sie besucht, ihr die Möglichkeit gegeben, ihnen zu zeigen, dass ihr Leben anders war, als sie annahmen. Durch das offene Schiebedach hatte ein leichter Wind ihre Haare zerzaust und es hatte nach Blumen geduftet und ein bisschen nach Freiheit, Umbruch. Schon als sie in die Einfahrt fuhr, hatte sie das ungute Gefühl, einen Fehler zu begehen. Einen der Kategorie ‚unverzeihlich‘.

Aber Frankie wäre nicht Frankie gewesen, wenn sie umgedreht hätte. Nein, was Frankie ausmachte, das war es, sich Hals über Kopf und mit offenen Augen ins Verderben zu stürzen.

Die Überraschung im Gesicht ihrer Mutter, nachdem sie Frankie die Tür geöffnet hatte, war nicht zu leugnen. Überraschung und etwas, das nur schwer zu deuten war – Furcht, Unmut, Panik? – zeichneten das Gesicht ihrer Mutter. Seit 22 Monaten und 13 Tagen hatten sie kein Wort mehr miteinander gesprochen. 22 Monate und 13 Tage hatten Frankie gelehrt, dass jeder Mensch eine Mutter brauchte, sei es auch ihre.

„Hallo.“ Es befremdete Frankie selbst ein wenig, wie weich ihre Stimme plötzlich klang, obwohl sie doch noch auf dem Hinweg überzeugt davon gewesen war, ihrer Mutter mit Abstand zu begegnen.
„Du?“ Furcht. Eindeutig Furcht.
„Ja, ich, Mama. Darf ich reinkommen?“
Ihre Mutter trat zur Seite, um sie einzulassen. Es fühlte sich nicht an wie Nachhausekommen.

 

(Bild via.)

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