Weil du Teil unseres Alltags warst.

entstanden am 30.12.2010

Ich glaube, das Vermissen beginnt erst richtig, wenn Ruhe einkehrt, wenn die Extremsituation vorbei ist, wenn wir versuchen, in unseren Alltag zurückzufinden. Was so gar nicht gelingen wird, weil du Teil unseres Alltags warst. Du warst ein Baustein unseres Lebens wie wir Bausteine deines Lebens waren. Jeder hatte seine Aufgaben, seine Rolle, seine ganz persönliche Beziehung zu dir. Wir waren uns nicht immer einig, aber das hat letztendlich keine Rolle gespielt. Das hat nichts geändert.

Du bist am 27. Dezember gestorben, in deinem Totenschein stand als Todesuhrzeit 0 Uhr 25. Am Abend war ich noch zwei Stunden bei dir und du hast so leiden müssen, dass mir ständig die Tränen in den Augen standen. So sollte kein Mensch leiden müssen: Um jeden Atemzug ringen müssen, fast am eigenen Husten ersticken, nicht mehr essen und trinken, sprechen und laufen können. Die Woche vor deinem Tod hat alles in den Schatten gestellt, was ich bisher hautnahe an Leid gesehen habe. Wir haben dir alle die Erlösung gewünscht und du hast sie bekommen. Was nicht bedeutet, dass das irgendetwas leichter macht. Im Gegenteil. Zu wissen, dass ein Mensch erlöst wurde, wirft doch immer die Frage auf, warum er überhaupt erst leiden, von etwas erlöst werden musste. Wie kann jemand an einen Gott glauben, der so etwas zulässt?

Heute, an meinem 18. Geburtstag wirst du beerdigt. Mit dir geht ein großes Stück meiner Kindheit. Bunte, selbstgestrickte Wollsocken und Erdbeerboden mit Sahne. Selbstaufgebrühter Kaffee. Der Wunsch, die Familie beisammen zu haben, alle an einem Fleck, nach Möglichkeit zu irgendeinem  festlichen Anlass. Die Versuche, mir irgendwie die Kirche nahe zu bringen. (Ich weiß noch, wie du mich, ich muss irgendwo zwischen 8 und 10 gewesen sein, mit in die Kirche genommen hast und ich mich so unwohl wie selten gefühlt habe. Die andächtige Stimmung, die ich nicht verstand, das ganze Gesinge, Geknie und Gebete, das mir so fremd war. Irgendwann hast du in der Bekehrungssache dann auch resigniert.) Aber auch ganz viel Gesprächsstoff geht verloren – mit dir, aber auch über dich. „Ich fahre Oma jetzt zum Handarbeitskreis“ oder „Ich habe Oma schon wieder im Garten erwischt, dabei soll sie doch gar nicht in den Beeten rumzupfen“, „Oma ist wieder im Krankenhaus“ oder „Fahren wir gleich zu Oma? Sie ist doch heute alleine zu Hause“, „Oma kommt heute zum Essen“ oder „Ich mache mir Sorgen um Oma“. Irgendetwas war immer. Manchmal hat mich das sogar genervt, wie es einen Menschen halt nerven kann, dass immer ein anderer Priorität hat, aber diese Phase ist glücklicherweise lange vorbei. Die letzten Jahre haben mich gelehrt, was es heißt, seine Identität zu verlieren, alles was einen als Menschen ausmacht, und dass man dann jemanden braucht, der einen daran erinnert, wer man ist und dass man nicht alleine ist. Sie haben mich gelehrt, wie wichtig es ist, bis zum Schluss da zu sein, auch wenn man vielleicht nicht viel ausrichten kann.

Um 11 Uhr heißt es Abschied nehmen, zum allerletzten Mal. Deine Beerdigung ist ganz anders, als ich sie für mich wünsche, eines fernen Tages, aber du wolltest das so und ich finde es wichtig, dass Wünsche Verstorbener respektiert werden. Dein Wunsch war eine klassische Beerdigung: Messe, den Sarg von der Kapelle aus zum Grab begleiten, danach . Und so viele Menschen. Für dich gehe ich sogar an meinem 18. Geburtstag in die Kirche. Obwohl ich seit bestimmt 5 Jahren nicht mehr war, obwohl ich im März ausgetreten bin. Weil ich weiß, dass dich das irgendwie glücklich gemacht hätte, mich in letzter Instanz doch noch in die Kirche zu bekommen.

Ich möchte eines Tages in aller Stille beigesetzt werden, nur im Beisein meiner Kinder und eventueller Enkelkinder, vielleicht auch guter Freunde, insofern die mich überleben. (Und ich plane alt zu werden.) Niemand soll schwarz tragen, ich möchte verbrannt werden und nur einen kleinen Gedenkstein haben und niemanden, der mich nicht kennt, aber über mich spricht, als hätte er mich gekannt, bei meiner Beerdigung wissen. Ich möchte gehen, wie ich als Mensch war: Ruhig, aber mit Nachdruck. Eigenwillig, aber nicht unangenehm. Ich brauche keinen großen Knall, zum Schluss.

Ich muss mich jetzt fertig machen.

(Bild via.)

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10 Comments

  1. Ich weine. Und es tut mir so leid für dich, ich kann mir nicht vorstellen kann, wie das ist, weil ich das noch nie erlebt habe. Du bist stark. Und deine Oma hat es jetzt besser und ich hoffe für sie, sie wurde nicht enttäuscht und Gott wartet da oben wirklich auf sie. Sie ist nicht verloren, du wirst dich immer an sie erinnern und das kannst du.

  2. Ich mag den Spruch „Man ist erst tot, wenn niemand mehr an einen denkt.“ Also denk immer an sie, sobald du eine Kirche siehst, Erdbeeren isst, bunte Socken trägst oder Kaffee riechst.
    Mein Beileid ♥

  3. schöner text. kann das alles nur sehr gut verstehen. meine omi ist leider auch grad gestorben!
    es ist echt unendlich schwer damit zurecht zu kommen. man vermisst echt einfach so vieles…
    für meine omi war es nur keine erlösung. es war unerwartet und plötzlich. komisch. bilde mir ein, dass es wenn es eine lange und schwere krankheit gewesen wäre, leichter zu akzeptieren gewesen wäre.
    vielleicht stimmt das auch nicht… keine ahnung! aber sie fehlen uns! so sehr … und das wird sicherlich bei uns gleich sein!

  4. Ich musste auch grade ein paar Tränchen vergießen.
    Die Oma von meinem Freund ist im August gestorben. Und es war so schlimm auf ihrer Beerdigung zu sein. Einfach zu wissen, dass sie nicht mehr ist.
    All diese Worte mögen dir hohl vorkommen. Aber denk weiter an sie. Sowas hilft.
    Liebe grüße

  5. Dein Text lässt einen Nachdenken, selbst erinnern und an manchen Stellen sogar ein schlechtes Gewissen haben.. Es tut mir wirklich leid. Für dich und deine Familie. Es ist wohl eines der schrecklichsten Dinge, die unsere Welt zu bieten hat, wenn ein Mensch den wir geliebt haben und der ein Teil unseres Lebens war, einfach daraus herausgerissen wird. Da bleibt einfach ein Loch zurück. Je größer die Liebe für diesen Menschen, desto größer das Loch vermutlich.. Und völlig stopfen, wie ein Loch im Socken, kann man es vermutlich nie, aber irgendwann wird es zumindest ein Stückchen kleiner..
    Es gibt ein schönes Lied von Glashaus „haltet die welt an“. Als meine eigene Oma gestorben ist, hat mir das manchmal geholfen. Ich kann nicht beschreiben wie, nur das es so war…
    Liebe Grüße

  6. Ich lese deinen Blog noch gar nicht lange, – um genau zu sein ist es heute das erste Mal, dass ich richtig bei dir lese, – ich glaube, ich bin irgendwie über Twitter an dich geraten, aber, ja es ist schön hier. Du schreibst gut, es gefällt mir. Eigenwillig, aber angenehm.
    Ich finde es komisch, dass ich mich ertappt fühle, von deinem Eintrag, in etwa so ging es mir mit meiner Oma, als sie starb, nicht nur in etwa, eigentlich genauso. Bloß, dass ich nicht 18 geworden bin, an dem Tag, als sie beerdigt wurde. Leider finde ich, dass ‚Mein herzliches Beileid‘, so eine leere Phrase ist, von daher, lasse ich das weg, – aber es tut mir Leid, dass du deine Oma so verlieren musstest, dass sie, genau wie meine Oma, so leiden musste und ich kann es ziemlich gut nachvollziehen, dass du sagst, dass man sich die Erlösung für diese geliebte Person wünscht, aber es das wirklich nicht leichter macht.
    Wie der Zufall es so mag, habe ich heute, – bevor ich bei dir gelesen habe, etwas zu Todesanzeigen und geliebte Menschen geschrieben, – wenn du magst, kannst du ja mal reinschauen… 🙂
    Danke für diesen tollen Eintrag und Grüße vom Schneckenhäuschen

  7. Kann sich eine Oma einen besseren Nachruf wünschen? Sie wäre sicher stolz auf dich!
    Aus Erfahrung: Zu wissen, dass es eine Erlösung war, lässt den Verlust für dich nicht weniger werden. Mit der Zeit wird es besser, aber es kommen Tage, da trifft dich dieser Schmerz so tief und plötzlich – auch noch Jahre später. So schlimm es auch ist, zeigt es doch, wie wichtig der Mensch für dich war. Und das ist letzten Endes etwas Schönes.
    Viel Kraft wünscht dir,
    Romy

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