Mit nackten Händen – Simonetta Greggio.

Mit nackten Händen von Simonetta Greggio
155 Seiten, Zeitgenössische Literatur/Unterhaltungsliteratur
erscheint am 10. Januar 2011

Inhalt: Eine Liebe, die Grenzen überschreitet. Die Leidenschaft eines Augenblicks, der zum Verhängnis wird.

Sie ist Anfang vierzig, er knapp fünfzehn Jahre alt. Als Emma und Gio einander nicht widerstehen können, geraten sie in einen Strudel von Ereignissen, durch die sie schmerzvoll Liebe und Verlust erfahren. Es ist die Geschichte einer Hingabe, so voller Leben und doch ein Skandal …

Emma liebt die Einsamkeit, die Verbundenheit mit der Natur, die Stille. Sie hat das Leben in Paris hinter sich gelassen, ist als Landtierärztin sesshaft geworden und hat endlich auch den Verlust ihrer großen Liebe Raphaël überwunden. Bis eines Tages sein Sohn vor der Tür steht: Gio. Emma ist entsetzt, zu schmerzhaft ist die Erinnerung an damals, als Raphaël sich für eine andere entschied. Doch Gios Offenheit und Neugier faszinieren Emma jeden Tag mehr, und aus dem ungelenken Verführungsspiel wird eine zärtliche, aber auch leidenschaftliche Beziehung. Vielleicht ist der Reiz des Verbotenen treibende Kraft, doch Emma trifft ihre Entscheidung für Gio bewusst und stellt sich den Konsequenzen.

Es gibt kopflose Körper, herzlose Köpfe, herzlose Körper, kopflose und körperlose Herzen. Wir hatten Körper, Kopf und Herz. (S. 118)

Ich hasse Männer, die weinen. Nicht dass ich die Achtung vor ihnen verliere, aber sie weinen in der Regel aus den falschen Gründen. Meistens weinen sie um sich. (S. 123)

Meinung: Bei französischen Autoren bin ich ziemlich schwierig: Entweder finde ich sie super (Anna Gavalda, Delphine de Vigan) – oder ich finde sie so schrecklich, dass ich mich durch ihre Bücher hindurchquälen muss und unter keinen Umständen ein weiteres Werk von ihnen anrühren würde (Nicolas Barreau!). Simonetta Greggio, die eigentlich in Italien geboren wurde, aber seit dreißig Jahren in Paris lebt, gehört definitiv zu ersteren.

Die Thematik dieses Buches ist vielleicht so was wie die Thematik meines Jahres. Alles begann mit „Der Vorleser“ von Bernhard Schlink im kalten Januar, das mich an den Rand eines Nervenzusammenbruches trieb, so konstruiert und falsch fühlte es sich an. Im Sommer begleitete mich „Schweigeminute“ von Siegfried Lenz auf der endlosen Fahrt von Südtirol nach Hause, die leider alles andere als ein Roadtrip war. Aber „Schweigeminute“ hat einigermaßen meine Erwartungen erfüllt. Und nun „Mit nackten Händen“. Alle drei Bücher befassen sich auf eine sehr spezielle Art und Weise mit der ungleichen Liebe zwischen einer älteren Frau und einem Jungen. Schlink und Lenz werden als die ganz Großen der Literaturszene gehandelt – gefallen hat mir aber nur das Werk, das Greggio vorgelegt hat. Natürlich können wir uns jetzt darüber streiten, ob ich schlichtweg keine Ahnung von guter Literatur habe – oder ob Greggio etwas kann, das ihre Kollegen nicht können. Wir können es aber auch lassen.

Wenn ich ehrlich bin, dann habe ich dieses Buch nur ausgewählt, weil ich kein Geld dafür ausgeben musste und der Klappentext eigentlich ganz ansprechend klang. Eigentlich. Ein großes Manko ist nämlich, dass „Mit nackten Händen“ unter eher ungünstigen Umständen beworben wird. „Für Lese von gefühlvollen Frauenromanen“ klingt in meinen Ohren nämlich erstmal wenig einladend – im Gegenteil, es klingt eher nach einem Buch, das nicht zu mir passt. Gefühlvolle Frauenromane sind so sehr Cecelia Ahern, dass man besser damit tut, sie nicht zu kaufen. Außer Greggio. Auf knapp 150 Seiten sagt Greggio alles, was gesagt werden muss. Wir lernen Emma kennen, Anfang 40, Tierärztin, Eigenbrötlerin. In einer schlaflosen Nacht gewährt uns Emma Einlass in ihre Vergangenheit, die ferne sowie die nähere, in ihre Gefühlswelt, in ihre Gegenwart. Wir lernen eine Frau kennen, die mit Verlust und Neid, mit Katastrophen und einschneidenden Veränderungen klarkommen musste, eine Frau, die mitten im Leben steht und dennoch furchtbar fragil ist. Manchmal macht man sich Sorgen, ein einziger Luftstoß könnte Emma umhauen. Mir hat vor allem so gut gefallen, dass Greggio Emmas Geschichte nicht linear erzählt, sondern eher fragmenthaft. Aus den verschiedensten Erzählungen, die scheinbar wahllos aneinander gereiht sind, ergibt sich nach und nach ein Gesamtbild. Sie bauen teilweise aufeinander auf. Jeder Faden wird im Laufe des Buches weitergesponnen und irgendwann sinnvoll verknüpft.

Mit „Mit nackten Händen“ trifft Simonetta Greggio auch den Zeitgeist. Beziehungen mit großem Altersunterschied beschäftigen uns immer wieder. Die Medien schießen sich gerne auf ungleiche Paare ein – und Emma und Gio sind mehr als ungleich. Ihre Liebe zueinander wird von Greggio leise beschrieben, weder moralisiert noch bis ins kleinste Detail ausgeschmückt. Wir wissen, dass Emma sich strafbar macht, ist Gio doch noch ein halbes Kind. Wir lernen andererseits aber einen Gio kennen, der Entscheidungen trifft und Erfahrungen sammeln will. Greggio zwingt uns keine Meinung bezüglich Emma und Gio als Paar auf, verlangt aber auch nicht, dass wir uns selbst eine bilden. Ich persönlich von Paaren, die in irgendeiner Form der Schleier des Verbotenen umgibt, immer schrecklich fasziniert – und so war ich es auch von diesem Buch. Ich habe es schier verschlungen und wünschte fast, es hätte noch ein paar Seiten mehr gehabt – dabei hat Greggio das seltene Kunststück bewiesen, genau an der richtigen Stelle aufzuhören. Längen weist „Mit nackten Händen“ nicht auf. Dafür eine unerwartete Tiefe. Ich hoffe, dass nicht zu viele potenzielle Leser von der denkbar ungünstigen Werbung für das Buch abgeschreckt werden, hält man doch eher Gegenwartsliteratur in den Händen als einen „gefühlvollen Frauenroman“.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s