Es ist nicht nur der Schnee.

Als ich hereinkomme, da ist der Himmel noch blau. Winterlich blau zwar und ein wenig verhangen, aber blau. Eindeutig.

Du sitzt in deinem Sessel, der jetzt plötzlich hier steht und nicht mehr da, wo ich dich sonst immer angetroffen habe. In dem Haus, das unwiderruflich mit dir verknüpft ist, obwohl du nicht mehr dort wohnst. Der Sessel und du, ihr seid umgezogen. Genau wie das Bild, das sonst immer bei dir im Esszimmer hing, das Bild, das dich und deinen Mann zeigt, lachend, bei irgendeiner Familienfeier. Das alles scheint so weit weg, obwohl ich mich an dein Lachen erinnern kann und sogar ein wenig an Opa, der schon so lange tot ist, der in dem Sommer starb, in dem ich 3 war. Du hast nie gefragt, warum der Sessel und das Bild nicht mehr an ihrem angestammten Platz stehen, warum du selbst nicht dort bist, wo du eigentlich hingehörst. Vermutlich nimmst du gar nicht mehr wahr wo du bist.

Irgendwann ist da dieser irrsinnige Regenbogen vor deinem Fenster. Dieser Regenbogen, der überhaupt nicht ins Bild passt. Der Himmel leuchtet plötzlich in den diffusesten Farben, auch noch, als der Regenbogen längst verschwunden ist. Er bleibt noch eine Weile lila und rosa, hellblau und beige. Und ich bleibe noch eine Weile bei dir und du bei mir.

Du hast Schmerzen, weil du gestürzt bist, ein paar Nächte zuvor. In deinem Sessel siehst du so verloren aus, so hilflos. Die Frau, die die Dinge angepackt hast, ist nicht mehr. Sie gibt es nur noch in unseren Erinnerungen, auch wenn diese langsam Gefahr laufen, von der Gegenwart überschattet, vielleicht sogar überdeckt zu werden.  Du fragst nach Leuten, die wir nicht kennen, lebst in deiner ganz eigenen Welt. In einer Welt, zu der wir keinen Zugang haben. Eine Welt, die nur dir gehört, obwohl du sie dir so niemals ausgesucht hättest. Diese Welt, in der du nun lebst, war immer dein größter Alptraum. In den letzten Tagen erkennst du uns kaum noch, bist so fern. Es fällt mir nicht schwer darüber hinwegzusehen, dass du mich Michael nennst.

Als ich gehe, da ist der Himmel dunkelblau, dieses fast farblose Dunkelblau, das irgendwann am Spätnachmittag den Himmel in seine Gewalt bringt. Dieses Dunkelblau, das einen daran zweifeln lässt, dass je wieder Frühling sein wird. Dass mich zweifeln lässt, ob du noch einen Frühling hast. Jeder Abschied von dir könnte ein letzter Abschied sein. Ich nehme den winzigen hellen Schleier über der Baumreihe wahr, der einzige Farbtupfer in der Dunkelheit. Dass da noch Hoffnung sein soll kann ich nicht glauben. Nicht mehr.

Jetzt verstehe ich ein bisschen besser, was Menschen damit meinen, wenn sie sagen, sie wünschen jemandem einfach nur noch Erlösung. Vielleicht muss man erst jemanden sterben sehen, um das verstehen zu können.

Wenn ich mir aussuchen könnte, wann ich eines Tages sterben würde, dann sollte es der Herbst sein. Einen letzten bunten, schillernden Herbst würde ich mir noch wünschen. Einen Herbst zum Abschiednehmen. Und wenn die ersten Blätter braun würden und die Tage immer kürzer, dann sollte ich gehen dürfen. Einen letzten Winter möge man mir ersparen; einen letzten Winter zu viel.

Es nicht nur der Schnee, der dieser Tage irgendetwas in uns gefrieren lässt. Es ist nicht nur der Schnee.

(Bild via.)

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4 Comments

  1. Nicht einfach, was Du erlebst. Ganz und gar nicht.
    Ich wünsche Dir, dass Du Erinnerungen bewahren kannst, wenn man Dir schon die Möglichkeit nimmt, Dich zu verabschieden.
    Schattenmenschen entgleiten einem in ihrem zunehmenden Werden nach und nach.
    Das Dabeistehen und hilflos Zusehenmüssen ist das, was zermürbt.

  2. Meine Oma ist genau zu deinem gewünschten Zeitpunkt gestorben – am 1. Advent diesen Jahres.
    Ob sie ihren letzten Herbst genutzt hat, bleibt eine andere Frage, ich bin der Meinung, sie hat ihr ganzes Leben nie genutzt.

    Ich wünsche dir, dass du deinen letzten Herbst irgendwann einmal bekommst.
    Aber erst in fernster Zukunft, dass das klar ist 😉

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