Welche Fragen habe ich versäumt zu stellen?

Manchmal habe ich ein bisschen das Gefühl, dass du an Weihnachten vielleicht nicht mehr da bist. Dass Weihnachten kommt und geht und ein völlig anderes Fest ist, als es je war. Dass es anders wird, in diesem Jahr, das wissen wir. Darauf sind wir vorbereitet. Weil du nicht mehr zu Hause bist, weil da kein Ort mehr ist, an dem wir mit dir sein können. Dort wo du jetzt bist, da sind wir bei dir, aber nicht mit dir. Du bist ganz weit weg, jeden Tag ein Stück weiter. Jeden Tag geht ein Tag deiner Persönlichkeit unwiederbringlich verloren.

Irgendwann hast du mal gesagt, du würdest niemals in ein Heim wollen. Heute habe ich manchmal das Gefühl, dass du eigentlich so gar nicht weißt, wo du bist. Du weißt ja nicht einmal mehr, welchen Monat wir haben. Nicht einmal das Jahr. Du magst keine gute Schulbildung genossen haben, aber du warst immer eine interessierte und starke Frau, auf deine ganz eigene, unverbesserliche Art. Die in sich zusammengesunkene Frau, der ich heute begegne, das ist nicht meine Großmutter, das ist nur eine Hülle, die nichts mehr mit Leben zu füllen vermag.

Du hast auch irgendwann mal gesagt, dass du dich darauf verlässt, dass der liebe Gott dich zu sich holt, genau in dem Moment, in dem das mit dem Verwirrtsein beginnt. Soll ich das als finalen Beweis werten, dass es keinen Gott gibt? Dass deine Gottgläubigkeit, etwas, das dich als Person ausgemacht hat und einen großen Teil deines Lebens beeinflusst hat, ein Irrglaube war? Ich kann das nicht. Eigentlich bin ich zu jeder Zeit bereit, gegen Religion in den Ring zu steigen und darzulegen, warum es für mich keinen Gott gibt, aber wenn es um dich geht, dann habe ich da eine eiserne Grenze gezogen. Du weißt nicht einmal, dass ich aus der Kirche ausgetreten bin und das ist etwas, das mich sehr stark geprägt hat. Du hast mich nie wirklich kennen gelernt, wir haben es nie geschafft, aus unseren Rollenbildern – Großmutter und Enkelin – auszubrechen. Ich weiß nicht, ob du Opa wirklich geliebt hast und ob das dein Traum war, drei Kinder, Haus mit Garten, Küche und Handarbeit. Ich weiß gar nicht, ob du je Träume hattest. Vielleicht ist es auch okay, dass ich deine Sehnsüchte nie kennen gelernt habe und nicht weiß, wie du warst, als du so alt warst wie ich es bin. Vielleicht hätte das mein Bild über dich und meinen eigenen Blick auf die Zukunft völlig verändert. Vielleicht wäre dadurch aber auch ein Band entstanden, das es so nie gegeben hat. Wir waren uns nie nah, weil wir völlig andere Ideale haben. Vielleicht sogar: Hatten. Die Frau, der ich dieser Tage begegne, hat keine Ideale mehr, nur noch ein bisschen Kraft für die nächsten Atemzüge. Man merkt uns an, dass wir völlig anderen Generationen angehören – Jahrgang 1924 und Jahrgang 1992. 68 Jahre trennen uns und mit ihnen Welten. Ich bin Atheistin und könnte niemals die CDU wählen, ich unterstütze Homosexuelle und bin bereit, meine Meinung in aller Öffentlichkeit zu vertreten. Ich kämpfe für Gleichberechtigung und könnte mich niemals von einem Mann dominieren lassen. Wir sind zwei Pole, die sich abstoßen und vielleicht haben wir uns deswegen nie gestritten, in all den Jahren nicht. Wir haben uns in unseren Gesprächen mit dem Offensichtlichen beschäftigt und uns nicht mehr Kluft zwischen uns aufgehalten.

Wir merken alle, dass du eigentlich gar nicht mehr willst. Dein Körper gibt auf und auch dein Geist tut es. Niereninsuffizienz Stadium 3. Demenz. Und dann auch noch das Herz. Wir alle wissen, dass es eigentlich an der Zeit ist und dass es eigentlich nur noch darum geht, dass du von deinem Leid erlöst wirst, aber ich habe keine Ahnung, wie es sein wird, wenn du dann wirklich tot bist. Wenn du nicht mehr da bist und meine Familie wieder kleiner geworden ist. Kleiner – bis dann irgendwann keiner mehr übrig ist. Wie werde ich reagieren, wenn es heißt: „Oma ist gestorben“? Was wirst du empfinden, wenn dein Herz ein letztes Mal schlägt und dann plötzlich nicht mehr? Gibt es ein Leben nach dem Tod und ich liege vielleicht völlig falsch mit all meinen Überzeugungen? Wenn ich neben dir sitze und alles still ist, ich nur deinen Atem höre und leicht zusammenzucke, wenn zwischen zwei Atemzügen eine längere Pause entsteht, dann weiß ich, dass für dich die Antwort auf all diese Fragen sehr nahe ist. Dass da nicht mehr viel Zeit ist. Wenn ich sage „Ich habe keine Zeit“ dann ist das etwas völlig anderes, als wenn du sagen würdest: „Ich habe keine Zeit!“ Du hast recht und ich noch ein ganzes Leben vor mir.

Du gehörst einer anderen Generation an. Du hast den Krieg miterlebt, aber darüber haben wir nie gesprochen. Vielleicht, weil ich zu klein war, als wir noch richtig hätten reden können. Vielleicht hätten wir das aber auch nie gekonnt, nicht einmal jetzt, wo du nicht mehr kannst und ich im Geschichtsleistungskurs sitze und mich frage, wie das wohl damals war, für dich. Du hast früh deine Eltern verloren und deine älteste Schwester musste übernehmen. Sie war 18 – so alt wie ich in ein paar Wochen sein werde. Wenn ich mir vorstelle, für sechs Kinder die Verantwortung übernehmen zu müssen, ja, sogar ein Stück weit in die Mutterrolle schlüpfen zu müssen, dann wird mir ganz schlecht. Ich kann mir ja kaum vorstellen, wie es mit einem Kind wäre, jetzt. Aber was weiß ich sonst über dich? Worüber hast du nie gesprochen? Welche Fragen habe ich versäumt zu stellen?

Alles erscheint so nichtig, gemessen an dem, was ich sehe, wenn ich dich besuche. Die Sorgen, mit denen sich meine Generation das Leben schwer macht. Manchmal möchte ich schreien, bei dem Gejammer über Pickel und Matheklausuren, Jungs und Partys, zu denen man nicht eingeladen wurde. Manchmal möchte ich schreien, weil du mir die Endlichkeit des Lebens vor Augen führst und ich das Gefühl habe, jeden Tag viel zu wenig zu schätzen, jedem Tag nicht die Bedeutsamkeit beizumessen, die er verdient. Für mich gibt es nur das Irdische, das Diesseits. Wenn ich morgen von einem Bus überfahren werde oder in zwei Jahren an Krebs sterbe, was habe ich dann erlebt? Habe ich überhaupt gelebt? Ich will nicht sterben, ohne dass ich einmal das Polarlicht gesehen habe und auf dem Eifelturm war, einem Menschen gesagt habe, dass ich ihn sehr liebe und ein gesundes, perfektes Baby in den Armen halte, mein Baby, ohne dass ich meine Ziele verwirklicht habe und am Strand geschlafen habe, in einer sternenklaren Nacht. Eigentlich will ich überhaupt nicht sterben, aber solche Forderungen stellt man nicht. Weil wir nur eine einzige Antwort mit Bestimmtheit kennen: Das Leben ist endlich. Wir werden alle sterben. Manche früher als andere. Unser Tod ist das einzige was wir, mögen wir noch so unterschiedlich sein, gemeinsam haben.

Wenn ich dich in deinem Sessel sitzen sehe und du ein bisschen so aussiehst, als wären das deine letzten Tage, als wäre das das Ende, dann fühle ich mich hilflos und ratlos, obwohl du doch die Ältere bist, obwohl du doch die warst, die etwas zu sagen hatte, als ich noch ein Kind war. Wenn ich dich da sehe, dann frage ich mich, wie es wohl sein wird, wenn dein Herz aufhört zu schlagen und du zu existieren. Die Antwort ist wenig tröstlich, hat einen bitteren Beigeschmack, versteckt sich in irgendeinem Winkel, den man gerne unentdeckt ließe: Eigentlich hat die Demenz dich schon vor einer ganzen Weile aufhören zu existieren lassen.

(Bild via.)

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8 Kommentare

  1. Unglaublich traurig…
    Ich weiß nicht ob du von dir selbst in der Geschichte sprichst, aber wenn ja, dann haben wir wohl eine traurige Gegebenheit gemeinsam, nur habe ich mich nie getraut sie gedanklich geschweige denn schriftlich so in Worte zu fassen.
    Nun, da ich deinen Text gelesen habe, scheint mir vieles noch klarer. Wenn auch auf eine traurige Art und Weise.
    Sehr bewegend..!

    Liebste Grüße.

  2. Tränen.
    ..weil das alles so unglaublich bewegend, so geschildert ist, dass ich es mitfühle. Es hilft dir wahrscheinlich kaum, wenn ich schreibe ‚es tut mir leid für dich‘, aber es tut mir leid. Vielleicht, weil ich etwas Ähnliches vor drei Jahren erlebt habe, vielleicht, weil meine Familie in den letzten zehn Jahren ständig geschrumpft ist.
    Tu nur eines nicht – dir Vorwürfe darüber zu machen, dass du sie nicht besser kennenlernen konntest. Das macht die Wunde nur tiefer.
    Ich wünsche dir, dass du eines Tages das Polarlicht siehst, den Eiffelturm besuchst, einen Menschen zu lieben lernst und ein Baby in Händen halten kannst, das dein Leben bereichert.

    1. Ich glaube, jeden betrifft Demenz in irgendeiner Form im Laufe seines Lebens irgendwann einmal. Entweder sieht man es als Jugendliche an den Großeltern oder später an den eigenen Eltern, was vermutlich nochmal eine Stufe schlimmer ist, oder man leidet in ferner Zukunft selbst daran. Es ist wichtig, über dieses Thema zu sprechen und zu schreiben, zu informieren, aber es auch auf der Gefühlsebene zu diskutieren. Fakten geben die Krankheit nicht im Entferntesten wieder.
      Danke jedenfalls für deinen lieben Kommentar.

  3. gebe den anderen beiden Recht…
    es beängstigt mich, dass du genau das in Worten ausgedrückt hast, wozu ich nie in der Lage gewesen wäre, was aber genau (oder zumindest zu größten Teilen) meinen Gefühlen entspricht.
    ich konnte meine Großmütter nie richtig kennen lernen.
    und ich stelle mir sehr oft genau die gleichen Fragen. und muss zugeben, die Frauen, die mir eigentlich sehr nahe standen, nie gekannt zu haben.
    ich wusste nichts über sie. hatte nie die Chance, von ihnen zu lernen, sie erzählen zu lassen.
    ich will dich nicht mit meinen Belanglosigkeiten zusülzen, was ich eigentlich sagen wollte:
    danke für diesen Text!

    1. Liebe Mia, was einen wirklich beschäftigt ist niemals belanglos! Und ich gebe dir wirklich recht – wir wissen so wenig über unsere Mitmenschen, selbst über die, die uns eigentlich sehr sehr nahe stehen. (Ich meine: Selbst über meine Mutter weiß ich viel zu wenig und wir stehen uns wirklich nahe.) Danke für deinen Kommentar!

  4. Sehr bewegender Text. Wunderschön geschrieben und so gefühlvoll. Besonders treffend finde ich die Stelle:

    „(..) wir haben es nie geschafft, aus unseren Rollenbildern – Großmutter und Enkelin – auszubrechen.“

    So ging/geht es mir auch oft. Man wird sich darüber aber meist erst klar, wenn es zu spät ist, um auszubrechen.
    Deshalb bin ich auch sehr froh über die Idee meines früheren Deutschlehrers: er gab uns in der 8ten Klasse den Hausaufgabenauftrag, unsere Großeltern nach ihren Erlebnissen im Krieg zu fragen. Da hätte ich von mir aus nie nach gefragt, und sie haben auch nicht einfach so davon erzählt. Das war wohl das einzige Mal, dass ich meinen schweigsamen Opa richtig viel erzählen gehört habe.
    So ein Interview mit Oma und Opa sollte jedes Kind in der Schule machen. =) (muss ja nicht unbedingt Krieg zum Thema haben)

    1. Ich erinnere mich, so ein ähnliches Interview mal mit meiner anderen Oma geführt zu haben. Es war für Politik und stand unter dem Gesichtspunkt, wie sich die Familie (Stellenwert, Struktur, Aufgaben etc.) im Laufe der Zeit verändert hat und vor allem wie der Unterschied zur Kriegszeit ist. Sowas ist wirklich eine gute Sache.

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