Orte, die man sonst nie gesehen hätte.

Erwachsen. Das waren doch immer die anderen. Sie hatte da die richtige Abzweigung verpasst, irgendwann einfach den Motor abgestellt und kapituliert. Immerhin auf dem Seitenstreifen, nicht mitten auf der Fahrbahn. Immerhin so, dass niemand verletzt wurde und schon gar nicht so. Egal welche Richtung sie auch eingeschlagen hätte: Ihre Richtung wäre die falsche gewesen. Sie hätte nur ihre Mutter anrufen müssen, um eine ausführliche Antwort auf diese ungestellte Frage zu erhalten. Auf die Frage nach ihren Verfehlungen.

Das mit Ralph und ihr war unvermittelt gekommen. Es war keine Liebe auf den ersten Blick, im Gegenteil. Am Anfang waren sie sich irgendwie unsympathisch gewesen. Sie hatten aneinander rumgekrittelt, sie an seiner Art das Stück zu inszenieren, er an ihrer Art, ihre Rolle zu spielen, und waren einfach auf keinen gemeinsamen Nenner gekommen. Drei Flaschen Wein nach einer unterirdisch besuchten Uraufführung hatten das geändert. Drei Flaschen Wein hatten gereicht, um sich Dinge zu erzählen, die man dann nicht mehr so einfach zurücknehmen konnte, um einander kennen zu lernen. So hatte es begonnen. Es hatte begonnen um zu halten, was niemanden mehr verwunderte als sie beide.

Kinder hatte sie immer haben wollen, wenn sie mal erwachsen war. Sie hatte da so ihre Illusionen gehabt. Von einem laissez-fairen Erziehungsstil. Von Kindergeburtstagen mit lautem Lachen und bunten Muffins. Von einem großen Haus mit noch größerem Garten und von einer Schaukel und einem Sandkasten. Von Freiheiten, die sie sich als Kind immer gewünscht, aber nie zugebilligt bekommen hatte. All ihre Illusionen aber wurden von dem Wunsch getragen, es anders als ihre Mutter zu machen. Anders und vielleicht sogar besser.

Als sie dann tatsächlich schwanger geworden war, im vergangenen Spätsommer, da war alles irgendwie ganz anders gewesen. Sie hatte sich vorgenommen, eine von diesen lockeren, strahlenden, gelassenen Schwangeren zu werden, die sie in letzter Zeit ständig sah. Ständig und überall. Ganz Berlin schien von strahlenden, werdenden Öko-Mamis voll zu sein, die ihre Freizeit zwischen Reformhäusern und der Erziehungsratgeberecke in den großen Buchhandlungskettenfilialen verbrachten. Ralph hatte gar nicht damit aufhören können, ihr zu versichern, wie sehr er sich freute. Er war so übereifrig geworden in kürzester Zeit, dass sie sich manchmal fragte, ob sie selbst sich nicht auch mehr freuen müsse. Ob da nicht mehr Enthusiasmus sein müsse. So wie bei den Öko-Mamis und so wie bei Ralph. Die ersten vier Monate hatte sie nur gekotzt und im Theater dafür gesorgt, dass das gesamte Ensemble auf dem Zahnfleisch ging. Niemand hatte sich mehr getraut, ihr zu widersprechen. Vermutlich hätte sie die ganze Schwangerschaft über zu spät zu den Proben kommen können, oder gar zur Uraufführung, und wäre nie von irgendwem zurechtgewiesen worden.

Die Geburt war seltsam gewesen. Sie hatte nie jemandem abkaufen können, der sagte „Das ist die Erfahrung deines Lebens, ein Kind zu gebären“ und „Das stellt alles in Frage, was du je mit voller Überzeugung zu wissen geglaubt hast“. Aber als sie völlig am Ende und überglücklich wie nie ihre Tochter in den Armen hielt, da wusste sie, dass all diese Menschen recht gehabt hatten. Dass sie so recht gehabt hatten. Und sie fragte sich, ob ihre Mutter all das auch empfunden hatte, als sie sie geboren hatte. Fast hätte sie sie angerufen. Fast hätte sie sie angerufen, sie gefragt, ob sie damals auch so empfunden habe, ob sie wenigstens das jetzt verband, aber immer wenn sie in den Tagen nach der Geburt zum Telefon greifen wollte, sagte eine Stimme in ihrem Kopf „Katja, das ist eine ganz, ganz dumme Idee“ und so ließ sie es.

Ihren Vater hatte sie irgendwann angerufen. Was auch immer geschah, mit ihrem Vater konnte sie reden. Er war so etwas wie ihre Konstante. Er wertete nicht, er hörte zu, er freute sich an den richtigen Stellen und wenn sie ihn um einen Rat bat, dann hatte er einen. Dass er Golf spielte und fast immer die CDU wählte, darüber war sie irgendwann hinweggekommen, mit den Jahren und der Tatsache, dass ihr Vater verglichen mit ihrer Mutter ein völlig anderes Kaliber war. Ihr Vater war für sie der Fels in der Brandung, ihre Mutter der Tsunami, der darüber hinwegfegte. Deswegen rief sie ihre Mutter nicht an. Nie.

Vielleicht war sie vor lauter Nichterwachsenwerdenwollen auch einfach irgendwann erwachsen geworden. Dieser Gedanke kam ihr manchmal. Vielleicht war sie eine gute Mutter für Aurora, weil sie erwachsen geworden war, aber dennoch die falsche Abzweigung genommen hatte. Oder gar keine. Auf ihrem lagen Weg jedenfalls hatte sie gelernt, dass Verfahren gar nicht so schlimm war. Man kam an Orte, die man sonst nie gesehen hätte.

(Bild via.)

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