Und das war das Ende.

Man schläft nicht so einfach mit der Frau seines Bruders. Weil es nicht okay ist. Man kann mit der Frau seines Steuerberaters schlafen oder mit der des Metzgers (aber es solle ihm mal einer eine hübsche Metzgersgattin zeigen, nur eine einzige). Man konnte auch noch eventuell mit der Klassenlehrerin seines Kindes schlafen, wenn man den ein Kind hatte. Oder mit der Frau vom evangelischen Pastor. Grenzwertig wurde es bei der Frau des besten Freundes (er hatte es nur einmal getan und für immer bereut). Aber mit der Frau seines Bruders schlief man nicht. Weil man es einfach nicht tat.

Als er Luisa kennen lernte, da war sie fürchterlich betrunken gewesen. Das war noch vor der Zeit gewesen, als sie begann, sich gesund zu ernähren und acht Stunden zu schlafen, zum Yoga zu gehen und manchmal sogar selbst zu kochen, auch wenn es am Ende doch nie schmeckte. Es war noch vor der Hochzeit gewesen.

Als Frederik ihm Luisa vorgestellt hatte, da hatte er es nicht so recht glauben können. Luisa war klein und blond und völlig rastlos. Ihre Hände waren voller Farbreste („Die gehen nicht einmal mit der Wurzelbürste ab, ich hab’s probiert“) und ihre Strumpfhose ribbelte sich im Laufe des Abends immer weiter auf, was sie aber entweder nicht bemerkte oder nicht sonderlich störte. Alles an ihr wirkte, als wäre sie gerade aus einer anderen Sphäre bei ihnen gelandet und würde krampfhaft versuchen, die Verhaltensmuster ihres Umfeldes zu kopieren. Sie war nicht sonderlich gut darin, wirkte von Glas zu Glas nur noch elfengleicher, wie eine betrunkene Elfe ohne Flügel.

Ob er Luisa im Anfang gemocht hatte wusste er bis heute nicht so genau. Er hatte nur gewusst, dass Markus sie eigentlich nicht mögen dürfte. Dass sie irgendwas bei Frederik außer Kraft gesetzt hatte und dass das böse enden könnte. Frederiks Exfreundinnen waren allesamt anders gewesen, anders und einander ähnlich. Bettina hatte gestaubsaugt wenn sie wütend war und Annika gebacken, Ruth hatte ein Pferd besessen und ihr Geld als Rechtsanwaltsgehilfin verdient, Thekla arbeitete in einem Reisebüro und hatte irgendein Nagetier, das ständig davor war abzunippeln. Sie hatten sich auch geähnelt, weil sie etwas sehr wichtiges gemeinsam hatten: Mit keiner von ihnen konnte sich Markus auch nur im Entferntesten beim Sex vorstellen. Keine von ihnen gefährdete den Familienfrieden. Und dann kam Luisa.

Natürlich war es ausgerechnet Luisa gewesen, die Ja gesagt und ein weißes Kleid getragen hatte, die den Nachnamen seines Bruders trug (der im übrigen auch seiner war) und die keine Anstalten machte, aus dem Leben der Familie Bachmann in nächster Zeit zu verschwinden. Sie saßen mit Luisa fest. Nicht mit Ruth oder Thekla, Annika oder Bettina. Mit Luisa, die seltsame Farbkugeln auf Leinwände warf und die darauf bestand Thanksgiving zu feiern, obwohl sie nicht einmal einen Amerikaner kannte, geschweige denn amerikanische Wurzeln gehabt hätte. Die ganze Familie stieß sich an Luisa und sie verbreitete ununterbrochen strahlenden Optimismus, egal wie fies seine angeschickerte Mutter und sein zynischer Vater an Weihnachten (oder Thanksgiving) auch zu ihr waren.

Und dann kam Weihnachten 2009, das sie bei Luisa und Frederik feierten und sie war zusammengebrochen, in seiner Gegenwart. Er war auf der Toilette gewesen und Luisa hatte es nach irgendeiner Gemeinheit seines Vaters nicht mehr unten ausgehalten, war in ihr Schlafzimmer gegangen und hatte angefangen zu weinen. Ihr Schluchzen klang wenig elfengleich und natürlich hatte er es gehört, als er auf dem Weg zurück ins Wohnzimmer gewesen war. Markus war kein Mensch, der an weinenden Menschen weitergehen konnte. Markus konnte überhaupt schlecht damit umgehen, wenn Menschen litten. Selbst bei depressiv wirkenden Bäckereifachverkäuferinnen hatte er manchmal das akute Bedürfnis, den Psychologen zu spielen, obwohl er dafür nicht qualifiziert gewesen wäre, nicht im Geringsten.

Luisa hatte auf dem großen Bett gesessen, eine Hand vor den Mund gepresst, die Augen rot und verquollen. Sie zitterte am ganzen Körper und sprang erschrocken auf, als er das Zimmer betrat, schien sich ertappt zu fühlen. „Ist schon okay“, brachte sie mühevoll hervor, sammelte sich und suchte nach einem Taschentuch, nur um keines zu finden und von einer noch stärkeren Heulattacke geschüttelt zu werden. Er hatte sie in den Arm genommen, er hatte sie einfach in den Arm nehmen müssen.

Die Umarmung dauerte zu lange, vielleicht auch nur den Hauch einer Sekunde, und damit hatte es begonnen. Er hatte gesagt, sie könne ihn immer anrufen, wenn sie jemanden zum Reden bräuchte und das hatte sie auch getan, obwohl er nicht damit gerechnet hätte. Er war davon ausgegangen, dass die immer fröhliche Luisa einfach einmal eingeknickt war, ein einziges Mal. Drei Wochen später kannte er ihr ganzes Leben, ihre Gefühlswelt, ihre Sorgen und Wünsche, und vor allem ihre Sehnsüchte. Er hatte noch nie drei Wochen pausenlos mit einer Frau geredet und dann mit ihr geschlafen. Mit den meisten Frauen hatte er geschlafen und überhaupt nicht geredet, nicht vorher und nicht hinterher. Er wollte sie nicht kennen, er wollte sein Bild von ihnen nicht nach unten korrigieren müssen. Mit Luisa hatte er geschlafen, obwohl er sie kannte und das war das Ende.

(Bild via.)

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6 Kommentare

  1. Wieder mal ein wunderschöner Text! Ich wüsste so gerne, wie es weiter geht, auch wenn ich es bereits ahne.
    Ich würde auch gerne wieder schreiben, aber ich habe weder die Zeit noch die Motivation, ich hoffe die kommt bald wieder zurück.
    Liebe Grüße!

  2. Habe gerade deinen Blog entdeckt. Der Text gefällt mir ebenfalls ausgesprochen gut, es war wirklch etwas schade, schon an der letzten Zeile angelangt zu sein! Die anderen Blogeinträge werden nun wohl auch dran glauben müssen. 🙂

    Liebe Grüße,
    Verena

  3. Hmm, ich finde man schläft auch nicht mit der Frau des besten Freundes.
    Oder eben mit dem Freund der besten Freundin..

    Aber ein schöner Text ist es allemal, ich mag deine Texte doch immer. ^^
    Grüßle. 🙂

  4. stark! der text aus sicht des bruders gefällt. dena aus der sicht des mannes fand ich nicht ganz so gut. aber der hier ist stimmig und es war eine freude ihn zu lesen.

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