Keine Grauzone, kein Dazwischen, keine Facetten.

Vermutlich gab es für ihn nur hart arbeitende Menschen und Menschen, die gar nichts taten. Keine Grauzone, kein Dazwischen, keine Facetten. Luisa hatte ihm auf den ersten Blick gefallen und das sogar noch, als sie gesagt hatte: „Ich bin Künstlerin.“ Unter normalen Umständen hätte das Gefallen aufhören müssen, er hätte sich höflich aus der Situation entfernt, gesagt „Ich habe da hinten jemanden gesehen, mit dem ich noch ganz dringend sprechen muss“ und gehofft, die Frau nähme ihm sein offensichtliches Verhalten nicht allzu übel. Bei Luisa war er geblieben und vielleicht war das der Fehler gewesen.

Sie war die erste Frau, die er in seinen Gerichtssaal gelassen hatte. Die in den Zuschauerrängen saß und das, obwohl sie sich gerade einmal zwei Monate kannten. Sie hatte beeindruckt gewirkt, hinterher, und sie hatten eine lächerliche kurze Zeit später geheiratet, obwohl er nichts mehr liebte als Sicherheit, die Gewissheit, genau die richtige Entscheidung zu treffen. Er lebte gerne mit Netz und doppeltem Boden und Luisa tat das nicht. Luisa nahm Dinge in die Hand und manche überstürzte sie sogar, auch Dinge, die sie hinterher gewiss bereuen würde.

Manchmal würde er sie gerne aus dem Schlafzimmerfenster im zweiten Stock stoßen. Wenn sie so unzufrieden war, dass sie sich selbst kaum ertragen konnte und ihn behandelte, als wäre das alles seine Schuld, als hätte er sie gezwungen Ja zu sagen und sich in diesem Leben einzurichten. Meistens aber liebte er sie einfach nur auf diese unumstößliche Art und Weise, die er immer für ein Gerücht gehalten hatte, für etwas, das es nur in Filmen gab und in den wirklich guten Büchern. Ausgerechnet er wollte nicht Gefühle empfinden, die am besten in Gedichtform herüberkamen. Er war kein Philosoph oder Poet, er war kein Geisteswissenschaftler und schon gar nicht Künstler. Er war der Falsche für Luisa, aber sie war auch die Falsche für ihn. Sie hatten beide schuld und er war nicht mehr lange bereit, alles auf sich zu nehmen.

Vor Gericht hätte er Menschen wie Luisa zerfetzt bis nicht mehr viel übrig gewesen wäre. Zu Hause wollte er sie einfach nur in den Armen halten und vergessen, dass sein Versuch alles zusammen zu halten scheitern würde. Zu Hause wollte er vergessen, dass sie ihn vermutlich seit einer Weile betrog und irgendwann vielleicht einfach nicht mehr da sein würde.

(Bild via.)

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3 Kommentare

  1. http://www.amazon.de/M%C3%A4dchen-meines-Herzens-Buddhadeva-Bose/dp/3550088132/ref=pd_sim_b_20
    Ich fand gerade dieses Buch auf Amazon und habe an dich gedacht. (Wohl, weil ich mich gerade auf deinem Blog befand.) Ich bin der Meinung, dass dieses Buch deinen Geschmack treffen KÖNNTE. Nehme mir vor, dieses Buch zu kaufen. Ich habe auch einige deiner Buch Rezessionen gelesen und mir danach diese Bücher auch gekauft und war oft von deinem Geschmack, was Bücher angeht, begeistert.

  2. Er tut mir leid. 😦 Ich kenne da jemanden, dem es ähnlich ging. Er war zwar nicht mit ihr verheiratet und betrogen hat sie ihn (so weit ich weiß) auch nicht, aber er hat immer versucht, alles zu retten. Und am Ende ist er dann doch daran gescheitert…

    Aber schön geschrieben, ich mags. (:

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