Ich habe Freunde mitgebracht – Lucy Fricke.

Ich habe Freunde mitgebracht von Lucy Fricke
192 Seiten, Zeitgenössische Literatur
erschienen am 17. September 2010

Inhalt: Henning liebt Martha. Wenn sie im Radio von Terroranschlägen und Bankenpleiten berichtet, hat ihn das noch immer beruhigt. Auch an ihre jährlichen Fluchten hat er sich gewöhnt. Aber plötzlich geht es um alles. Zeit, mal wieder mit Jon einen trinken zu gehen. Der fürchtet Betty. So brutal, wie sie schweigen kann, wird er sich niemals prügeln können.

Während Jon sich in der Rolle eines deutschen Dichters auf seinen Durchbruch vorbereitet, verliert das Scriptgirl Betty auf einem anderen Filmset die Beherrschung, ihren Job und ihren nicht mehr ganz so jungen Liebhaber.Keinesfalls absichtlich finden sich die vier im selben Fluchtauto wieder, und eine kurze Strecke wird zur großen Fahrt. Was tun, wenn’s nicht mehr brennt? Wenn Träume, Socken, Ziele und Liebhaber durcheinandergeraten, Erschöpfung die Wut ablöst und einem die Entschuldigungen langsam ausgehen? Lucy Fricke zelebriert das Scheitern als Ehrensache – in einem Roman, der weltklug ist und ungeheuer komisch.

Meinung: Lucy Fricke ist ein sehr spezielles Buch gelungen. Ein Buch, das vielleicht einen Großteil der Leserschaft irgendwie unbefriedigt zurücklässt. Ich sehe das anders. Ich denke, dass der Unterschied zwischen Frickes Werk und thematisch ähnlichen Werken darin besteht, dass sie sich nicht anmaßt, uns Antworten aufzuzwingen. Für die Krisen, in denen sich die vier Hauptprotagonisten befinden mag es vielleicht auch überhaupt keine Antworten geben.

Selten habe ich ein Buch in der Hand gehalten, in der so gut das Dilemma unserer Generation wiedergegeben wird: Das Wollen und nicht Erreichenkönnen, das Hoffen und Glaubenverlieren, die Chance und die Ernüchterung. Wir lernen zu Beginn des Buches Martha kennen, die für einen Radiosender arbeitet. Martha, die 36 ist und immer wieder flieht, die seit 10 Jahren mit Henning zusammen lebt, der von der ganz großen Karriere als Comiczeichner träumt. Sie wünscht sich ein Kind, aber der Gedanke von einem Haus im Grünen, einem geregelten Leben, macht Martha Angst –  und Henning erst. Dann sind da noch Jon und Betty. Jon ist erfolgloser Schauspieler, der die Chance seines Lebens bekommt – aber auch diese durch die Finger rinnen lässt, nicht ganz unschuldig. Und zum Schluss Betty, die auch beim Film ist, die als Scriptgirl völlig die Nerven verliert und deren Affäre endet, wie alles im Leben der vier irgendwann enden muss, obwohl es doch gerade erst begonnen. Lucy Fricke schreibt über Einsamkeit und Anonymität, über die Suche nach dem Glück und das Scheitern am Suchen. Sprachlich geschickt, mit leisen, ungezwungenen Pointen, vermittelt sie ein düsteres, erschütterndes Bild vom Erwachsenwerden, überhaupt: Ein Bild. Durch die szenenhaften Momentaufnahmen, hier merkt man deutlich, dass Lucy Fricke 1994 im Schneideraum begonnen hat, für viele Film- und Fernsehproduktionen gearbeitet hat, wirkt alles sehr temporeich, man kann sich in die Szenen hineinfühlen wie bei einem guten, schmerzhaften französischen Film. In diesen Szenen wird deutlich, was alle vier Hauptprotagonisten gemeinsam haben: Die Bodenhaftung haben sie längst verloren, ein Vor gibt es nicht und ein Zurück wollen sie sich nicht zugestehen. Es geht nicht weiter und deswegen enden sie am Meer, auf der Suche nach Antworten. Vielleicht ist die Antwort, dass es keine Antwort gibt. Vielleicht ist die Antwort, dass man andere Fragen stellen muss, um vielleicht ans Ziel zu kommen. Vielleicht ist die Antwort auch, dass man wenn man Freunde hat, die auch keine Antworten haben, gar nicht so schlecht dran ist.

Ich habe noch kein Buch gelesen, das mehr eine Liebeserklärung an „Und wir scheitern immer schöner war“ ist. Ein Buch, das zwickt und vielleicht sogar ein bisschen wehtut, das zeigt, dass wir nicht alleine sind und es immer ein Weiter gibt, ein Weiter, aber nicht zwingend ein Besser. Dem Zitat ‚Lucy Fricke zelebriert das Scheitern als Ehrensache‘ kann ich mich nur anschließen.

Allen, die nicht so genau wissen, ob sie Frickes Werk anspricht, empfehle ich, einfach mal in eine der Leseproben reinzuschnuppern, die es im Internet zu Hauf gibt. Bei vorablesen.de gibt es eine besonders lange.

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2 Comments

  1. Ich habe das Buch letzte Woche gelesen und fand es wunderbar. Mehr gibt es dazu auch nicht zu sagen – ab jetzt mein absolutes Lieblingsbuch 😉

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