Gleicher Ort, gleiche Zeit.

Sie wusste nicht genau, wann sie zuletzt einen Pinsel in der Hand gehalten hatte. Definierbare Farben zu Farben vermischt hatte, die von den Farbherstellern so nicht vorgesehen waren. Wann sie zuletzt eine Leinwand von der Plastikfolie befreit hatte und einfach angefangen hatte zu malen, was in ihrem Kopf war.
Es war der Abend des letzten Augusttages und sie trug schon einen dicken Pullover, während die meisten Menschen noch ohne Jacke das Haus verließen. Als Kind war sie oft krank gewesen, die Ermahnungen ihrer Mutter, „Zieh dich dicker an, Kind, sonst liegst du nur wieder im Bett“, schienen doch noch gefruchtet zu haben. Im Winter würde sie 29 werden. Die 30 war nahe und nichts, was sie als Kind mit dem Dreißigsein verknüpft hatte, war auch nur im Entferntesten greifbar: Berufliche Selbstverwirklichung, die große, sich erfüllende Liebe, Hund, Kind, Kombi, altes Haus mit Dachboden. Sie hatte sich immer vorgestellt, dass sie mit 30 erwachsen sein würde und glücklich. Vor allem glücklich.

Ein Klecks saphirblauer Farbe war auf die Fliesen getropft, genau zwischen ihre Füße. Sie bildete sich ein, er habe fast die Form eines Ausrufezeichens. Ihre Fantasie hatte aber auch in einer Wolke immer viel mehr erkannt, als nur eine Wolke. Vielleicht war ihr vieles Nachdenken überhaupt schuld daran, dass sie hier um 17 Uhr an einem Dienstag stand und malte und grübelte und nicht weiter wusste.

Eigentlich hatte ihr Mann um 16 Uhr zurück sein wollen. Er war Anwalt in einer großen Kanzlei und eigentlich immer damit beschäftigt, irgendjemanden zu verklagen. „Eine ganz große Sache, noch größer als der Erdmann-Fall letzten Monat.“ Wäre sie eine bessere Zuhörerin, dann würde sie sich vielleicht daran erinnern, was es mit dem Erdmann-Fall auf sich hatte. Auch würde sie sich gerne daran erinnern, warum sie ihn geheiratet hatte, vor vier Jahren, sieben Monaten und drei Tagen.

Vielleicht, ja, vielleicht hatte sie damals Ja gesagt, als er um ihre Hand anhielt, weil er ihr das Gefühl gab, ihr Sprungtuch zu sein. Als würde sie in einem brennenden Haus stehen und er stünde unten und hielte das Sprungtuch fest, um sie aufzufangen. Um ihr vielleicht sogar das Leben zu retten.

Vor Gericht schrie er Leute an, das hatte sie attraktiv gefunden, als sie mal im Publikum gesessen hatte und er den Angeklagten auseinander nahm. Er hatte gefährlich gewirkt und den ganzen Raum ausgefüllt. Ein Mann, vor dem man Respekt hatte, der einen aber gerade dadurch völlig in seinen Bann zog. Als sie im Publikum saß, da hatten sie sich gerade mal zwei Monate gekannt und er war noch ein Anfänger im Gerichtssaal. Zu Hause lehnte er sich nie auf. Zu Hause kochte er ihr Tee wenn sie erkältet war und versuchte ihr alles recht zu machen. Er schenkte ihr Schmuck zu Weihnachten und brachte Blumen mit, auch wenn es keinen ersichtlichen Grund dafür gab. Manchmal trieb es sie schier in den Wahnsinn, dass er einer von den Guten war, dass sie ausgerechnet einen von den Guten geheiratet hatte.

Ihr Handy kündigte eine SMS an und sie trat vor Schreck in den Farbklecks. Fluchend strich sie sich eine Strähne ihres aschblonden Haares aus der Stirn und hüpfte auf dem sauberen Socken zum Tisch, wo ihr Handy lag. Sehen wir uns heute Abend? M. Ihr wuchs das alles über den Kopf: Die Kunst. Ihre Ehe. Ihr ganzes jämmerliches Leben. Aber vor allem sollte sie aufhören, mit dem Bruder ihres Mannes zu schlafen. Ja. Gleicher Ort, gleiche Zeit. L. Sie hatte noch nie getan was sie sollte.

(Bild via.)

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14 Comments

  1. Man regt die Protagonistin mich auf. Sie tickt so wie viele Frauen. Wie welche, die sogar ich persönlich kenne. In meinen Augen hat sie doch ein tolles Leben. Sie hat so einen lieben erfolgreichen Mann. Warum tut sie das? Wozu der „Nervenkitzel“? Dann soll sie ihn verlassen! Wer nicht geschaffen ist für eine monogame Beziehung, sollte liebers in einer sexuell offenen Gemeinschaft wohnen. Ich find sie sowas von unehrlich zu sich selbst. Und mit 25 müsste man schon ungefähr seine sexuellen Neigungen wissen und sich denken können „Hm. Ne Heirat ist nichts für mich“

    Da fällt mir ein Zitat dazu ein, dass ich verkurzem irgendwo gelesen hatte:
    „Everything is amazing. And nobody is happy.“ Passt perfekt zu ihr.

    Das waren meine Gedanken zu der Geschichte. Ich mag wirklich sehr gerne deine Texte lesen. Ich hoffe, ich erwecke jetzt keinen falschen Eindruck. Mir sind einfach die Emotionen durchgegangen ^^ Die Informationen, die ich dabei erhalten haben, sagen mir, dass es einfach gemein ist, was sie ihrem Mann antut. Er hat das nicht verdient.

    1. Danke für deinen Kommentar. Ich freue mich ehrlich gesagt immer, wenn meine Texte Emotionen in meinen Lesern wecken – sein sie wie auch immer geartet. Das Zitat, das du anführst, finde ich übrigens sehr, sehr schön – und treffend. So geht es mir – leider – auch oft.

  2. @yumiee Wenn das Leben so berechenbar wäre, wenn wir alle genau wüssten, was wir wann wollen und es dann auch durchsetzen.. tja, dann würde niemand mehr Bücher schreiben oder Filme drehen, denn es gäbe nichts mehr zu erzählen. Menschen sind absolut unperfekt. Ich beglückwünsche dich zu deiner Fähigkeit, klar zu erkennen was du willst & zu deinen Wertmaßstäben. Doch nicht jeder ist so. Nichtmal starke Menschen. Manchmal macht das Leben Dinge mit uns, die wir nie und nimmer erwartet hätten.

    @Mirka Das ist das in sich geschlossenste Stück, was ich seit einer ganzen Weile von dir gelesen habe; diese irgendwie infantile, sehnsüchtige Protagonistin ♥ In mir weckt das Trauer und Lähmung. Weil ich das so gut verstehen kann, auf sein Leben zu blicken und es scheint so gut wie nichts da zu sein, was einen glücklich gemacht hat.

    1. Ich teile deine Meinung da absolut: Selbstfindung und Sinnsuche sind Themen, die Bücher und Filme nötig machen und füllen. Und da sind Irrwege kein Tabuthema. Im Leben verläuft nicht immer alles in geraden Bahnen und gerade das macht das Leben lebenswert. Wir Menschen haben zum Glück alle andere Erwartungen und Moralvorstellungen – dass es aber unter uns welche gibt, die immer nur das Richtige tun, kann ich mir schwer vorstellen.

      Und danke bezüglich deines Kommentares zu meinem Text – es war auch wirklich mal wieder an der Zeit für etwas in sich Schlüssiges.

  3. Danke, der Meinung bin ich auch.

    Und dein Text hat mich zuerst zum Nachdenken gebracht. Ich frage mich gerade wirklich, warum man überhaupt heiratet? Die Hälfte der Ehepaare, die ich kenne sind längst nicht mehr glücklich miteinander oder schon geschieden.
    Bestes Beispiel: meine Großeltern. Zwar sind die beiden schon längst nicht mehr glücklich und wirklich gern haben sie sich auch nicht mehr, aber trennen, dazu sind sie mittlerweile auch zu alt. Obwohl das schon lange so geht.
    Aber ich kann sie verstehen…ich denke, diese Affäre, die sie da mit seinem Bruder hat, ist höchstwahrscheinlich nur Mittel zum Zweck. Also ohne Gefühle. Vielleicht will sie damit nur ausbrechen. Aus sich selbst. Aus ihrem Leben. Sie hat immerhin nicht wirklich das erreicht, was sie wollte und vielleicht fühlt sie sich jetzt irgendwie…ich weiß nicht…verbraucht?
    Ich denke, das richtige Wort ist es nicht, aber na ja.
    Jedenfalls tut diese Frau mir wahnsinnig leid. Ihr Mann ebenfalls.

    Aber man weiß eben nie, wohin das Leben einen führt. Ich persönlich glaube nicht an das Schicksal. Ich will jetzt niemanden beschuldigen, aber ICH sehe das als Ausrede an. Mir behagt der Gedanke einfach nicht, dass ich über mein Leben nicht selbst entscheiden kann. Jeder will doch unabhängig sein, oder? Allerdings hat diese Ansicht ja auch eine negative Seite. Und zwar, falls eben doch nicht alles so läuft, wie man es sich jetzt noch vorstellt, wie man es plant, und man in dreißig, vierzig Jahren auf sein Leben zurück blickt und nicht so zufrieden ist, wie man gerne wäre…dann kann man sich ja nur selbst die Schuld geben. Jedenfalls in vielen Hinsichten. Natürlich kann es auch sein, dass da jemand unaufgefordert in dein Leben schneit, du nichts unternehmen kannst und alles umkippt.

    Aber in den meisten Fällen ist es doch eben anders…

  4. Und übrigends echt schöner Text. Also ich glaube dass viele soetwas kennen.. Vllt nicht gleich jemanden zu betrügen, aber zumindest das Gefühl. Das Gefühl was die Frau hat, was sie dazu bringt ihren Mann zu betrügen..
    hachja, schöner Text ..

  5. ich habe heute bis fuenfzehn uhr geschlafen, man war das toll! 😀
    gut, das mit der produktivität kann natuerlich sein. aber mir reicht es, wenn ich unter der woche produktiv bin, das ferien- und wochenendsleben faengt sowieso meist erst um neun an. 🙂

  6. Nichts für ungut, aber ich hab das Gefühl, Du trittst im Moment etwas auf der Stelle. Die Frankiegeschichte fand ich recht interessant, aber in letzter Zeit sehe ich höher frequente Wiederholungen.
    Nichts in diesem Text ist neu, schon gar nicht die Zusammensetzung. Ein trauriger, „grundlos“ unzufriedener Mensch, der sich in einer Sackgasse fühlt. Immer wieder dieses Abarbeiten an dem erwarteten, internalisierten oder von außen tatsächlich oder vermeintlich aufgedrängten Haus-Kinder-Hund-Glück, das in dem und dem Alter erreicht sein sollte. Tenor unzähliger Zeit(vertreib)schriften. So oft schwingt dieses Vielleicht-anders-sein-wollen-aber sich-nicht-trauen mit. Und ich frag mich manchmal, ob es da nicht primär ums Anderssein als Selbstzweck geht…
    Im letzten (Ab)satz, ebenfalls wie oft, die „Wendung“. Hm. Mir gibt dieser Text nichts und auch sprachlich fand ich viele, gerade von den Frankietexten viel stärker.

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