Die Unperfekten von Tom Rachman.

Die Unperfekten von Tom Rachman
400 Seiten, Zeitgenössische Literatur
erschienen am 1. Oktober 2010

Inhalt: Was, wenn ein Zeitungserbe seinem Basset mehr Interesse entgegenbringt als dem Schicksal seines Blattes? Was wird aus der unglückseligen Ruby (alleinstehend, immer auf der Suche nach dem Mann fürs Leben)? Aus Ed, der gefeuert wird und sich an der zuständigen Sachbearbeiterin (alleinerziehend, drei Kinder und keine Zeit für die Liebe) rächt? Aus der Chefredakteurin Kathleen (verheiratet mit einem Weichei und verliebt in einen anderen)? Und aus Lloyd, der, einsam wie ein Straßenhund, aus Not eine Story erfindet und auffliegt?

Bewertung: In „Die Unperfekten“ von Tom Rachman finden sich alle Leitmotive menschlichen Handelns wieder: Liebe und Leidenschaft, Einsamkeit, Hass, Rachegelüste, Minderwertigkeitskomplexe, Hilflosigkeit, Trauer, Lethargie, Verdrängung und nicht zuletzt Hoffnungslosigkeit. All dies wird auf Kosten einer in den 50er-Jahren gegründeten internationalen Tageszeitung mit Sitz in Rom ausgetragen. Die Charaktere, die der Leser in Kurzgeschichten kennen lernt, stehen alle in irgendeiner Form in Verbindung zu dieser Tageszeitung: Redakteure, Auslandskorrespondenten, Herausgeber, aber auch Buchhalterin und Leserin. Jedem dieser Charaktere wird eine Episode gewidmet, mal alltäglich, mal außergewöhnlich, aber alle mit einer immensen Aussagekraft und einer leisen Erklärung, warum die internationale Zeitung zum Scheitern verdammt ist. An das Ende einer jeden Episode knüpft sich als Kursivtext ein Auszug aus der Geschichte der Zeitung an – beginnend in der Gründungszeit bis in die Gegenwart, das Jahr 2007.

Viele der einzelnen Episoden und ihre Protagonisten sind tief bis zu mir durchgedrungen – besonders die Geschichte des Nachrufsschreibers, der Berühmtheiten noch vor ihrem Tod interviewt und heimlich ihre Nachrufe vorbereitet. Oder die Geschichte der Leserin Ornella, die die Zeitung so akribisch liest, dass sie mittlerweile mehr als ein Jahrzehnt zurückliegt und in einer völlig anderen Gegenwart lebt, als der Rest der Gesellschaft es tut. Oder der arme Auslandskorrespondent, der von einem älteren, erfahrenen förmlich plattgewalzt wird, in Sekundenschnelle. Alle Episoden tragen als Titel die Überschrift eines in der Geschichte erwähnten Zeitungsartikels und gewähren in irgendeiner Form einen Einblick in die Arbeit bei der Tageszeitung. Obwohl der Hintergrund der Protagonisten in den Geschichten zumeist im Vordergrund steht, läuft es in jeder Geschichte darauf hinaus, dass die Zeitung einen immensen Einfluss auf ebendiesen privaten Hintergrund hat, ja, dass für viele der Protagonisten die Tageszeitung sogar der Lebensmittelpunkt ist, der durch die finanzielle Schieflage gefährdet ist.
Die große Stärke von Rachmans Erstling ist, dass er es perfekt versteht, sich in die verschiedensten Charaktere hineinzuversetzen und jeweils den Erzählstil an den jeweiligen Charakter anpasst, sodass alles sehr lebendig wirkt und selbst bei Lesern wie mir, denen es sonst eher schwer fällt, eine bildliche Vorstellung von Buchcharakteren zu entwickeln, Bilder im Kopf aufflackern. Ein weiterer Pluspunkt ist natürlich die Aktualität der Thematik: Das Sterben einer Tageszeitung und die damit verbundenen Folgen. So liest man doch häufig „Im Rahmen dessen verloren zahlreiche Mitarbeiter ihre Jobs“, ohne wirklich eine Vorstellung zu haben, was das eigentlich bedeutet. Tom Rachman schafft es, diesen sonst gesichtlosen Arbeitslosen ein Gesicht und eine unverkennbare Form zu geben.

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2 Comments

  1. Wow, ich bin grade sehr angetan, weil mir ein solches Buchkonzept noch nirgendwo begegnet ist. Armer Geldbeutel. Armer, armer Geldbeutel.. (das Seltsame ist, wenn du ein Buch für gut befindest, zweifle ich nie daran, dass es mir auch so gut gefallen könnte, dass ich es kaufen möchte, weil deine Rezensionen so richtig knallhart sind. Hach. ♥)

    Unter dem Header steht bei mir eine kleine Infoseite bez. der Passwörter. „Vorraussetzung“ ist eigentlich nur, dass ich die Person, die es haben möchte, ein bisschen besser kenne als über drei FB-Nachrichten, von daher lasse ich dir das PW für die privaten Texte gerne zukommen. 😉
    Schau gleich in dein Mailpostfach.

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