Sympathisch ist er nicht.

Das weisse Buch von Rafael Horzon
216 Seiten, „Biographie“
erschienen am 20. September 2010

Inhalt: Rafael Horzon – Möbelmagnat, Originalgenie und Apfelkuchentycoon. Als Student und Paketfahrer gescheitert, baute er über Jahre hinweg das modocom-Imperium auf: Modelabel, Partnertrennungsagentur, Nachtklub, Fachgeschäft für Apfelkuchenhandel – eine bahnbrechende Idee jagte die nächste, und jedes Projekt sorgte für enormes Aufsehen: Mit einem Föhn begeisterte er die Kunstwelt, mit der Kopfkrawatte revolutionierte er die Welt der Mode und schaffte es, mit der Erfindung des perfekten Buchregals einen schwedischen Möbeldiscounter vollständig vom Markt zu verdrängen. Auf dem Höhepunkt seines an Ereignissen nicht armen Lebens hält er inne und blickt zurück. Und siehe da: Horzon erweist sich auch noch als überaus charmanter und intelligenter Erzähler seiner selbst.

Bewertung: Meistens weiß ich schon auf den ersten Seiten, ob mir ein Buch gefällt, ob es ein „Das muss ich allen die ich kenne empfehlen!“-Buch ist oder ein „Hätte ich meine Zeit doch mit etwas anderem verbracht…“-Buch. Bei Rafael Horzons Biographie „Das weisse Buch“ bin ich, selbst mit tagelangem Abstand, nicht wirklich sicher. Ich bin nicht sicher, was er mit diesem Buch bezwecken will, wie viel Selbstinszenierung ist und wie viel echt, was die Lehre ist, die man aus diesem Buch ziehen könnte. Ob es überhaupt eine gibt oder ob das ganze Buch nicht einfach nur dazu da ist, uns in die Irre zu führen.

Horzon ist mir nicht sympathisch. Vermutlich, weil ich mit Menschen, die ständig ihre Zelte abbrechen und von einem Projekt zum nächsten, von einer Idee zur anderen, springen, sehr fremd und fern sind. Er leidet an chronischer Selbstüberschätzung, einer immens kurzen Aufmerksamkeitsspanne, ist oft trotzig wie ein Kind (wenn die Politik seine seltsam dämlichen Projekte nicht finanziell unterstützen wollen, wirft er sich regelmäßig aufs Bett und heult, ohne zu hinterfragen, warum wohl die Politik kein Interesse an seinem Schwachsinn hat…). Was mich aber am meisten geärgert hat: Die Gleichförmigkeit Horzons Scheitern, die fast schon unter dem Motto stand „Wir scheitern immer schöner“. Seine Niederlagen wurden immer gewaltiger, aber man konnte bei ihm keinen Erkenntnisprozess ausmachen. Im Gegenteil, es lief immer nach dem gleichen Schema ab: Wahnwitzige Idee, Bekannte als Unterstützer, immer größere Eröffnungs-/Vorstellungsgala, danach das absehbare Scheitern, Horzon kauft ein Ticket nach sonstwo, suhlt sich im Selbstmitleid und sammelt dann sofort neue, zum scheitern verurteilte Ideen. Anscheinend kann man es so aber immerhin zu einer eigenen Biographie bringen.

Beim Lesen schwankte ich oft zwischen „Komm zum Punkt!!!“ und „Die Drogen hätte ich besser vor dem Lesen auch mal genommen…“ – jedenfalls erschien mir Horzon zunehmend bekiffter, je weiter das Buch voranschritt, es war oft schwer auszumachen, was Realität und was halluzinierte Traumwelt war.

Aber nicht alles an Horzons Werk ist schlecht: Der Schreibstil ist ordentlich und mir hat es gefallen, wie er sich mit der Frage, was Kunst ist und was nicht und wo da die Grenzen liegen, auseinander gesetzt hat. Leider glaube ich, dass er, auch wenn er das vermutlich rigoros abstreiten würde, mit diesem Buch ein Kunstwerk erschaffen hat. Kunst ist nun einmal verrückte Ideen und Scheitern, Anecken und Begeistern. das alles hat Horzon in irgendeiner Form vollbracht. Die einzige Geschäftsidee, die mir persönlich gefallen hat, war die, in der Horzon und seine Bekannten der Kunstszene den Spiegel vorgehalten haben, indem sie zu internetlosen Zeiten ganz einfach japanische Künstler erfunden und einfach irgendwelche Dinge in einer Turnhalle ausgestellt haben, die angeblich Kunstwerke dieser fiktiven Künstler waren. Damit haben sie, laut Horzon, eine Menge Kohle gemacht. (Ich bin insgesamt aber eher vorsichtig und nehme nicht alles, was Horzon behauptet, für bare Münze.)

Abschließend würde ich sagen, das Lesen von Horzons Biographie (sei dahingestellt, wie viele davon nun wirklich biographisch ist) weder Zeitverschwendung noch ein Genuss war. Es war eines dieser Bücher, die wohl jeder mal liest: Die, die man nicht wirklich einordnen kann und die deswegen im Gedächtnis bleiben. Das ist doch auch was.

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4 Comments

  1. Ist es nicht die Beschreibung des Inhaltes von ‚Wo die Liebe bleibt‘ von John Bowe, die du bei dem Inhalt angeführt hast?
    Danke, für deine Buchrenzensionen. Dadurch fällt es mir leichter meine seitenlange Bücherliste nicht ins Unendliche zu erweitern, sondern auf manches aufmerksam gemacht zu werden und einige Bücher zu streichen oder gerade wegen einer interesssanten Rezension hineinzuschnuppern.
    Ich wünschte nur, du würdest deinen Lesern wieder ein paar deiner Geschichten auftischen. Ein bisschen Zucker zwischen ernsten Buchrezensionen wäre bezaubernd!

    1. Oh, danke für den Hinweis – da hatte ich tatsächlich was vertauscht… Und schön, dass ich dir bei der Buchauslese behilflich bin. 😉

      Geschichten gab es in letzter Zeit wirklich seltener, wenn ich geschrieben habe, dann nur an meiner Geschichte und die wird mittlerweile zu komplex, um einfach nur Ausschnitte hier zu präsentieren. Außerdem ändere ich da immer noch im Nachhinein sehr viel. Irgendwann wird es da aber auch mal wieder was geben. Ansonsten bin ich bemüht, wieder häufiger Fiktion zu bloggen, mal sehen, wie das so klappt, im Moment fehlt mir ein bisschen die Muße…

  2. du liest viel und ich mag wie du schreibst, gute rezensionen, zumindest fühle ich mich angeregt, mal ein paar neue bücher zu besorgen und mir endlich einen ausweis für die stadtbücherei hier nebenan zu besorgen. und dann kann ich dir sicherlich auch sagen, ob ich mich mit der rezension identifizieren kann. ich finde aber auch, dass diese sache mit dem „zucker“ fehlt.

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