Ein Roman in neun Geschichten.

Ruhm von Daniel Kehlmann
202 Seiten, Zeitgenössische Literatur
erschienen am 16. Januar 2009

„Ich wußte, du machst das mit mir. Ich wußte, ich komme in eine deiner Geschichten! Genau das wollte ich nicht!“
„Wir sind immer in Geschichten.“ Er zog an der Zigarette, der Glutpunkt leuchtete rot auf, dann senkte er sie und blies den Rauch in die warme Luft. „Geschichten in Geschichten in Geschichten. Man weiß nie, wo eine endet und eine andere beginnt! In Wahrheit fließen alle ineinander. Nur in Büchern sind sie säuberlich getrennt.“
(S. 201)

Inhalt: Ein Mann kauft ein Mobiltelefon und bekommt Anrufe, die einem anderen gelten; nach kurzem Zögern beginnt er ein Spiel mit der fremden Identität. Ein Schauspieler wird von einem Tag auf den nächsten nicht mehr angerufen, als hätte jemand sein Leben an sich gerissen. Ein Schriftsteller macht zwei Reisen in Begleitung einer Frau, deren größter Alptraum es ist, in einer seiner Geschichten vorzukommen. Ein verwirrter Internetblogger wiederum wünscht sich nichts sehnlicher, als einmal Romanfigur zu sein. Eine Krimiautorin geht auf einer abenteuerlichen Reise in Zentralasien verloren, eine alte Dame auf dem Weg in den Tod hadert mit dem Schriftsteller, der sie erfunden hat, und ein Abteilungsleiter in einem Mobiltelefonkonzern verliert über seinem Doppelleben zwischen zwei Frauen den Verstand. Neun Episoden, die sich nach und nach zu einem romanhaften Gesamtbild ordnen, ein raffiniertes Spiel mit Realität und Fiktionen: ein Spiegelkabinett. Ein Buch über Ruhm und Verschwinden, Wahrheit und Täuschungen – voll unvorhersehbarer Wendungen, komisch und brillant.

Meinung: In meinen Rezensionen benutze ich gerne den Begriff „konstruiert“ – meistens im negativen Sinne, selten aber auch mal im positiven Sinne. Daniel Kehlmanns Kurzgeschichten fallen definitiv in letztere Kategorie und ich wage zu behaupten, dass er etwas ganz Großartiges konstruiert hat. Neun Kurzgeschichten, die, bei genauerer Betrachtung, ein Ganzes ergeben. Ein Konstrukt, bei dem man nicht ganz sagen kann, wo Realität und Wirklichkeit miteinander verschwimmen. Meine Theorie ist nämlich, dass der Autor Leo, der im ganzen Buch am präsentesten ist und gleich in mehreren Geschichten auftaucht, vielleicht sogar alle Charaktere für sie erfunden hat, auch wenn ich da nicht ganz sicher bin. (Diese Theorie stellte ich auf, nachdem dem (angeblich) real existierenden Angestellten einer Telefonfirma der gleiche „Taxifahrer“ wie der Person, die Leo, wozu er sich in Ich-Form bekennt, erfunden hat, begegnet. Vielleicht mag mir jemand, der das Buch auch gelesen hat, seine Theorie präsentieren?) Sehr gelungen fand ich auch die vielen Gemeinsamkeiten und Querverweise, die nach und nach die einzelnen Geschichten zu einem komplexen Gesamtkunstwerk zusammensetzten. Der Selbsthilferomanautor, der in so ziemlich jeder Kurzgeschichte in irgendeiner Form auftaucht und dann selbst eine eigene Geschichte erhält. Oder der Schauspieler, der ebenfalls mehrere Geschichten prägt. Ich liebe Bücher, die sich nach und nach immer weiter erklären, in denen Offensichtlichkeiten am Schluss noch einmal völlig in Frage gestellt werden.

Inhaltlich setzen sich Kehlmanns Kurzgeschichten mit der Suche auseinander – mit der Suche nach sich selbst, nach Erfüllung, nach dem richtigen Weg oder überhaupt irgendeinem Weg. Er beherrscht es, diese Geschichten vor allem durch Variationen im Erzählstil glaubwürdig darzubringen – so erzählt der Mann, der sein halbes Leben in Internetpromidiskussionsforen verbringt völlig anders als der Schauspieler oder die drei Buchautoren, die zu Wort kommen.

Als wirklich beklemmend habe ich die Kurzgeschichte über die fiktive Autorin Maria Rubinstein empfunden. Weil sie davon erzählt, wie austauschbar wir Menschen sind und wie schnell man einfach damit zu leben bereit ist, dass ein Mensch einfach … verschwunden ist. Wahre Kunst ist es, dass Kehlmann diese Geschichte so erzählt, dass er den Leser völlig verstört zurücklässt, fast schon ein wenig wütend, weil man sich denkt: „So kann er die arme, pummelige, kleine Frau doch nicht zurücklassen! Nicht so! Oh Gott, was, wenn ich diese Frau wäre? Kann sowas wirklich passieren? Hilfe, vielleicht verreise ich doch besser niemals!“

Man mag kritisieren können, dass Kehlmanns Geschichten weder Hand noch Fuß haben, dass er alles nur schraffiert und nicht in kräftigen Farben malt, nicht eindeutig und unumstößlich. Man mag das kritisieren können – zeigt damit vielleicht aber auch ein bisschen, dass man Kehlmanns Ziel nicht verstanden hat: Ein flüchtiges Abbild unserer Gesellschaft zu zeigen, das von ewiger Bewegung zeugt. Kehlmann will die Beschleunigung zeigen, die die meisten von uns schon als gegeben hinnehmen. Und Kehlmann zeigt auch, wohin das alles führen kann, die ewige Erreichbarkeit, die Erwartungen, die man ans uns stellt, wo wir Dank technischer Hilfsmittel doch zu fast allem im Stande sind. Mir gefällt Kehlmanns Aussageabsicht und mir gefällt, dass er weiß, wann eine Geschichte beendet ist und eine neue begonnen werden muss. Bei vielen mag man eine gewisse Unfertigkeit negativ ankreiden, bei Kehlmann ist es gerade diese Unfertigkeit, die das Buch zu einem lesenswerten macht. Kehlmann zwingt uns kein Urteil auf, sondern lässt uns, als Leser, selbst entscheiden, bewerten, die Geschichten erleben. Das kann er. Und das ist etwas ganz Großes.

Ich bin zudem so begeistert von Kehlmanns Schreibstil, dass ich mir gleich ein weiteres Buch von ihm bei Tauschticket ertauscht habe: „Ich und Kaminski“. Naheliegender wäre es vermutlich, seinen Bestseller „Die Vermessung der Welt“ zu lesen, aber um ehrlich zu sein fasziniert mich die Geschichte, die das Buch erzählt, nicht wirklich. (Wenn mich jemand umstimmen möchte: Einen Versuch hat derjenige!)

Die romanartige Kurzgeschichtensammlung erscheint im November als Taschenbuch. Mein Rat: Vorbestellen, lesen, lieben!

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4 Comments

  1. „Die Vermessung der Welt“ fand ich komisch (im Sinne des Humors) und sehr, sehr gelungen, wobei ich anfangs aber auch dachte, dass mir die Geschichte nicht gefallen könnte, allerdings eines viel besseren belehrt wurde.

    Aus „Ich und Kaminski“ habe ich bisher nur einen Auszug im Deutschunterricht gelesen, will dies aber auch noch mit dem gesamten Roman tun.

    Und zu „Ruhm“ muss ich sagen, dass du eine schöne (und nachvollziehbare) Rezession geschrieben hast, ich allerdings zu den Leuten gehöre, die Kehlmanns Ziel nicht verstanden haben und eigentlich so ziemlich das kritisiere, wovon du erwähnst, dass man es kritisieren kann (wenn man sein Ziel nicht verstanden hat). ; )

  2. ich fand die vermessung der welt irgendwie total langweilig, mich hat nur die eine hälfte der geschichte wirklich interessiert.
    ein sehr überschätztes buch.

    vielleicht gefällt dir seine essaysammlung „lob – über literatur“, die ist auch kürzlich erschienen.

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